Wagners "Lohengrin" in Stralsund :

Polen und Deutsche auf der Opern-Bühne vereint

Im Stralsunder Stadttheater hebt sich am Sonnabend der Vorhang für ein außergewöhnliches Opern-Projekt: Gezeigt wird Wagners Meisterstück „Lohengrin“, als deutsch-polnische Koproduktion.

Tenor Jungwhan Choi vom Landestheater Schleswig-Holstein ist in der Rolle des Lohengrin zu erleben.
Foto: Theater Tenor Jungwhan Choi vom Landestheater Schleswig-Holstein ist in der Rolle des Lohengrin zu erleben.

Es ist das vermutlich aufwendigste Opern-Projekt in der nun schon bald 100-jährigen Geschichte der beiden Theaterhäuser in Stralsund und Greifswald. Wenn sich am Samstagabend im restaurierten Stadttheater Stralsund der Premierenvorhang heben wird, dann werden die Zuschauer eine Vorstellung mit einem Chor aus 60 Sängern erleben. Jeweils 30 Sängerinnen und Sänger aus den Theatern Vorpommern und Stettin werden ihre Stimme zur ersten deutsch-polnischen Opern-Kooperation im Nordosten erheben.

Nach der geballten Aufführung von Gustav Mahlers großer Auferstehungssinfonie zum Auftakt der neuen Spielsaison im Herbst sei dies das erste Mal überhaupt, dass die beiden Ensembles eine große Oper lieferten, sagt die bisherige Chefin der Stettiner Opera na Zamku, Angelika Rabizo. Zusammen mit der Theaterleitung in Vorpommern habe man sich für die romantische Oper Lohengrin von Richard Wagner entschieden. Lohengrin wurde bislang in Vorpommern nur 1963/64 und 1995/96 und lediglich als konzertante Aufführung gegeben.

Theatergewerke beider Länder arbeiten zusammen

„Dass unser Theater als einzige Einrichtung in Mecklenburg-Vorpommern in der Lage ist, ein solches Werk zu stemmen, ist an sich schon bemerkenswert“, sagt Vorpommerns Intendant Dirk Löschner. Die Vorbereitungen dafür liefen über Monate. Ganze Theatergewerke, von der Maske, der Schneiderei bis zur Requisite arbeiteten zusammen. Nach zahlreichen Absprachen probten beide Chöre zunächst jeder für sich in ihren jeweiligen Häusern. In den letzten Wochen traf man sich dann schließlich zu gemeinsamen musikalischen und szenischen Proben, die von einer Dolmetscherin unterstützt wurden. „Das war eine besondere logistische Herausforderung“, sagt Löschner. Unterstützt wurde ein gemeinsamer deutsch-polnischer Chor-Workshop durch die Euroregion Pomerania mit fast 20  000 Euro.

Die Kooperation mit den Profis aus Stettin, die früher auch schon mal mit dem Theater in Königsberg (Kaliningrad) gemeinsame Projekte aufgeführt hatten, sei einfach wunderbar und spannend, schwärmt Golo Berg, Generalmusikdirektor am Theater Vorpommern. In den vergangenen 50 Jahren hätten sich dies- und jenseits der Oder zwei unterschiedliche Theaterkonzepte entwickelt. Nun beides zu einem Projekt zusammenbringen, sei ungeheuer interessant.

Inszenierung spielt in den 1930er Jahren

So habe bei den polnischen Kollegen Verwunderung und Interesse ausgelöst, dass die Handlung des Stücks in eine ganz andere Zeit verlagert worden sei, als es der Meister einst getan habe, sagt Löschner, der die Wagner-Oper inszenierte. Er siedelte die Handlung nicht im Mittelalter an, sondern in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In einer Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als neue Nationalstaaten entstanden, die Weltwirtschaft kriselte, junge Demokratien schwankten und sich die Menschen nach einer Radikallösung, nach einem Retter sehnten. „Wir wollten einen Lohengrin mit einer gewissen Fremdheit, mit kriegerischer Attitüde und sendungsbewusster Aura, wir wollten einen Lohengrin aus Fernost“, sagt Löschner.

Mit Jungwhan Choi vom Landestheater Schleswig-Holstein fanden die Theatermacher genau den richtigen Hauptdarsteller. Der koreanische Tenor und Flensburger Publikumsliebling gibt mit der Partie sein Lohengrin-Debüt. „Die Rolle mit ihren sehr langen, lyrischen und dramatischen deutschen Texten ist eine unglaubliche Herausforderung für einen Ausländer“, sagt der 35-Jährige.

Der „Lohengrin“ feiert an diesem Sonnabend um  18 Uhr in Stralsund seine Premiere. In Stettin ist die erste Aufführung am 13. Dezember, in Greifswald am 21. Dezember geplant.