Kaminer liest:

Russendisco zwischen Ostsee und Atlantik

Wladimir Kaminer ist viel auf Reisen. Jetzt vertritt er als Botschafter sogar die deutsche Literatur in Südamerika und in Finnland.

Wladimir Kaminer: Fast jedes Jahr legt er ein Buch vor. Dass ihm die Geschichten ausgehen, ist nicht zu befürchten.
A. Walther Wladimir Kaminer: Fast jedes Jahr legt er ein Buch vor. Dass ihm die Geschichten ausgehen, ist nicht zu befürchten.

Ob er heute schon einen Fisch gefangen hat? Wladimir Kaminer stutzt bei der Einstiegsfrage. Sie stellt sich allerdings. Immerhin beschreibt er in seinem jüngsten Buch ausführlich, wie glücklos er sich beim Angeln anstellt. Die brandenburgischen Barsche wollen einfach nicht anbeißen. „Ach so“ versteht er und rattert los: Dieses Jahr habe er noch gar nicht geangelt. Die Angelkarten hätten sich immens verteuert – von fünf auf zwölf  Euro für den Glücklitzer See. „Ich kann den Fisch besser im Geschäft kaufen.“

Überhaupt habe sich das Thema Angeln erledigt. Erledigt heißt bei Kaminer auch, dass er seine Hobby-Erfahrungen ausgepresst hat, um neue Geschichten zu schöpfen. So gibt es in „Diesseits von Eden“ Storys über „Die Nachsicht der brandenburgischen Barsche“ und er geht der Frage nach, „Worüber die Fische schweigen“. Wieder einmal findet er Erstaunliches heraus, auch aus dem Bereich der Evolution: Die afrikanischen Barsche bekamen, als ihre Seen vor Tausenden von Jahren austrockneten, Gliedmaßen, um sich der Natur anzupassen und im Wüstensand zu überleben. Dies erzählt und liest Kaminer mit seiner bekannten schlitzohrigen Ernsthaftigkeit, die die Grenzen zwischen Ernst und Ironie, zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt.

„Diesseits von Eden“, das ist für Wladimir Kaminer seine neue Datscha in Nordbrandenburg – in Glücklitz. Den Ort sucht man vergeblich auf der Karte – auch Familie Kaminer muss sich vor Neugierigen schützen. Dafür ist der wohl berühmteste Russe in Deutschland viel zu bekannt.

Spontane Vegetation war nicht erwünscht im Verein

Nicht ohne Grund haben die Kaminers sich einen neuen Garten Eden gesucht. Ihre Kleingartensparte in Berlin – verarbeitet in den Geschichten „Mein Leben im Schrebergarten“ – war wohl doch zu sehr durchorganisiert. Während die Kaminers mehr auf „spontane Vegetation“ stehen, legen deutsche Sparten halt Wert auf das korrekte Verhältnis von Wiesen- und Gemüse-Flächen.Einige Hinweise auf sein Glücklitz versteckt Kaminer aber in seinen Geschichten: Erich Honecker sei auf der Flucht nach seinem Sturz durch den Ort gekommen. Er habe am „Haus des Gastes“ geklingelt, wo aber geschlossen war. Hätte Honecker gewartet, hätte er wohl in Glücklitz Asyl bekommen, statt bei einem Pfarrer in einem der Nachbarorte, mutmaßt Kaminer.

Zudem ist Glücklitz klein. „Amtlich gemeldet 300 Menschen, gefühlt 3“, schreibt Kaminer. Erst heute wieder sei er im Dorf unterwegs gewesen, sagt er am Telefon. Auf der Straße habe er keinen Menschen angetroffen, dafür aber auf dem Friedhof. „In Glücklitz ist der Friedhof der einzige Ort, wo man lebendige Menschen trifft.“ Was zeigt, dass der Autor nicht nur die Großstadt Berlin literarisch interpretieren kann, sondern auch das „pralle“ Dorfleben.

Schnell findet er Freunde

Mit den wenigen Menschen, die er antrifft, freundet sich Kaminer schnell an: mit Matthias, dem Schlüsselwart vom Haus des Gastes, mit dem Landbaron Heiner und seinem Nachbarn Herrn Köpke, der ihm beim Boot-Tragen von russischen Fäustlingen vorschwärmt, die ihm einst beim Bau der Baikal-Amur-Magistrale vermacht worden seien. Eine der schönsten Geschichten des Bandes. Sogar seine berühmte Russendisco veranstaltet Kaminer in der Dorfscheune. Mit dem Erlös finanziert er die Neuauflage der Dorfchronik und belebt damit – augenzwinkernd – die deutsch-sowjetische Freundschaft wieder.

Kaminer, der seit 1990 in Deutschland lebt, beweist wieder einmal, dass er die Deutschen besser versteht als so mancher deutscher Schriftsteller. Er beschreibt unsere Marotten mit feinsinniger Ironie, ohne seine Protagonisten zu verletzen.

Vielleicht auch deshalb ist Kaminer mehrfach als Botschafter der deutschen Kultur eingeladen worden. In „Diesseits von Eden“ beschreibt er eine Russendisco an einer Universität in den USA – alkoholfrei, also eigentlich unmöglich aber trotzdem lustig. Am 2. September reist er zur Buchmesse nach Brasilien, anschließend nach Finnland. Davor und danach tourt er durch den Norden.

Dass dem unheimlich produktiven Kaminer die Geschichten ausgehen, müssen seine Fans nicht befürchten. „Es passiert doch jeden Tag etwas in der Welt.“ Diese Welt beobachtet Kaminer einfach genauer als die meisten. Im Augenblick hört er besonders seinen beiden Kindern zu – der 17-jährigen Tochter und dem 14-jährigen Sohn. Sein neues Buch handelt nämlich von den Freuden und Problemen der Pubertät. Zwingen müsse er seine Kinder nicht, die kämen ganz allein mit ihren Erlebnissen: „Papa, das musst Du unbedingt schreiben!“

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