Weltpremiere von „Das Wunder von Bern“ :

Schuss - und Volltreffer!

Bei der Weltpremiere von „Das Wunder von Bern“ kullern selbst den härtesten Fußballkerlen ein paar Tränen übers Gesicht. Wie schafft es dieses Musical, solche Emotionen hervorzurufen, und zwar nicht nur bei eingefleischten Fans des Ballsports?

Lorenz Meier (l.) spielt den Jungen Matthias, der große Träume hat. Hier mit Dominik Hees als Fußballer Helmut Rahn.
Daniel Bockwoldt Lorenz Meier (l.) spielt den Jungen Matthias, der große Träume hat. Hier mit Dominik Hees als Fußballer Helmut Rahn.

Gelinde gesagt interessiert den Kritiker Fußball weniger als wenig. Ihn interessiert der Ballsport gleich null. Da ist es schon eine besondere Herausforderung, sich ein Musical anzutun, in dem es im ersten Moment nur um Fußball geht. Doch halt! Stopp! Aus! Nach gut drei Stunden ist auch der größte Gegner des Kickens weich gekocht. Und das hat viele Gründe. Es gibt so viel Magisches, Schönes, Gefühlvolles, Mitreißendes, Bombastisches, wundervoll Inszeniertes, was „Das Wunder von Bern“, das am Sonntagabend im nigelnagelneuen Theater an der Elbe in Hamburg Weltpremiere feierte, ausmacht.

Also fangen wir an: Autor und Regisseur Gil Mehmert orientiert sich – natürlich – an dem Film, den Sönke Wortmann 2004 erfolgreich auf die Kinoleinwand brachte. Die Musicalproduktion giert aber nicht nur nach diesem überraschenden 3:2-Sieg der deutschen Nationalelf im Endspiel der Weltmeisterschaft 1954 über Ungarn. Nein, überhaupt nicht. Weil sich ein Theater nur schlecht in ein Fußballfeld verwandeln lässt. Weil sich alle das Stück ansehen sollen und eben nicht nur die Sportversessenen.

Jeder besitzt Träume und möchte sie verwirklichen

Also streicht Mehmert diese rührselige Familiengeschichte heraus, fokussiert sich voll und ganz auf die Dramatik des neunjährigen Matthias Lubanski, der mit seinen älteren Geschwistern Bruno und Ingrid sowie Mutter Christa in Essen lebt. Vater Richard kehrt aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Dabei stellt er fest, dass sich seine Familie, aber vor allem er verändert hat. Der Alltag ist hart, gespickt mit Problemen. Jeder der Lubanskis besitzt Träume und möchte sie verwirklichen. Das allerdings lässt sich nicht so leicht machen.

In dieser schon aufwühlenden Geschichte spielen gesellschaftliche Zwänge, Armut und Ängste eine große Rolle. Gil Mehmert arbeitet diese sehr detailliert aus und schenkt jedem Charakter ein facettenreiches Eigenleben. So fein ausgearbeitet sah das der Zuschauer bisher selten. Nicht oft erlebt man so viel Theater und Können in einem Musical.

Junge Schauspieler lassen das Musical leben

Großen Anteil daran haben die Schauspieler, die allesamt präzise für ihre Rollen ausgewählt wurden. Interessanterweise stammen die wenigsten aus dem Pool, den der Zuschauer ansonsten landauf, landab auf den Musicalbühnen erlebt. Viele sind Neulinge in diesem Genre. Und es tut gut. Es ist erfrischend, neue Gesichter, neue Stimmen, neue Mimiken, neue Gestiken zu erleben. Der 25-jährige Dominik Hees als Helmut Rahn macht nicht nur mit seinem sportlichen Körper eine gute Figur. In Kombination mit dem kleinen Riccardo Campione als Matthias Lubanski sind die beiden ein unschlagbares Team. Sie wirken auf der Bühne als wären sie wirklich beste Freunde, Brüder.

Überhaupt der kleine Steppke. Man möchte den Zwölfjährigen vom ersten Moment an hochleben lassen. Ihm merkt der Zuschauer die Spielfreude an. Er agiert so frei als hätte er nie etwas anderes gemacht. Wie gut er spielt, zeigt sich an den vielen Tränen, die auch und gerade den Männern übers Gesicht kullern, wenn er die tieftraurigen, sentimentalen Hymnen wie etwa „In meinen Träumen“ singt. Dieser süße Fratz – da vergisst man fast die anderen tollen Schauspieler. Etwa Detlef Leistenschneider als gestrenger Vater, Vera Bolten als die biedere, unterdrückte Hausfrau. Oder Jogi Kaiser, der sich nicht zu schade ist, eine Kittelschürze überzustreifen und die auf Schwyzerdütsch fluchende Putzfrau zu geben, um wenig später im Glitterkleid an der Rampe zu stehen und zu „Seien Sie nicht so deutsch“ eine Revuenummer par excellence hinzulegen.

Für wuchtige Showtreppen gibt es keinen Platz

Spätestens jetzt wird deutlich: „Das Wunder von Bern“ kann das Publikum in einem Moment mit allen Emotionen aus der Bahn werfen und dann wieder die kabarettistische, alberne und spaßige Karte ziehen. Darüber hinaus übt die Produktion hier und da Gesellschaftskritik an der Nachkriegszeit und den Wirtschaftswunderjahren. Auch das ist in der Musicalbranche eine Seltenheit, weil es ja sonst nur seicht und herzschmerzig in den Publikumssaal triefen soll.

Nein, nein, bonbonbunt geht hier fast gar nichts zu. Der Ruhrpott ist dreckig, dampfig, neblig, düster, verschwitzt. Die Zeit vor 1954 alles andere als Jubeljahre. Deshalb spielt Jens Kilian bei den Kulissen viel mit Schwarz-Weiß-Effekten, mit dunklen, sumpfigen Farben. Für wuchtige Showtreppen gibt es keinen Platz. Die Bühne stellt ein Fußballfeld, eine Küche, einen Hof mit Wäscheleine, einen Musikclub, eine Kirche, ein Büro und, und, und dar. An die 30 bis 40 verschiedene Bilder dürften es den Abend über locker sein, die aus dem Boden, aus der Rückwand, von der Decke und aus den Seiten auf die Bühne schweben. Was für ein Aufwand! Welch Kreativität!

Die atemraubendste Kulisse fährt in den letzten fünf Minuten herein. Eine 17 mal 10 Meter große LED-Videowand, die ein Fußballfeld darstellt. An ihr turnen die Darsteller vertikal an Seilen befestigt die Spielszenen des 3:2-Sieges nach. Das Publikum erlebt das akrobatische Spiel quasi aus der Vogelperspektive. Zugegeben, da ertappt sich der Kritiker und Fußballhasser dann doch beim Mitfiebern. Also, wenn dieses Musical kein Volltreffer ist.

Karten für das Musical „Das Wunder von Bern“ gibt es im Medienhaus des Nordkurier am Friedrich-Engels-Ring 29 in Neubrandenburg oder unter der kostenlosen Hotline 0800  4575033.

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