Theaterpremiere:

Schweißtreibender Kampf um eine längst gescheiterte Liebe

Das Theaterstück „Offene Zweierbeziehung“ gibt einen tiefen Einblick in den Alltag vieler Partnerschaften. Dieser mag komisch sein. Zum Lachen ist er nicht.

Um was ich Dich bitte! Antonia (Lisa Voß) fleht ihren Mann (Michael Goralczyk) an, doch endlich zur Vernunft zu kommen und die ständigen Affären sein zu lassen. Foto: Bela Witt
Um was ich Dich bitte! Antonia (Lisa Voß) fleht ihren Mann (Michael Goralczyk) an, doch endlich zur Vernunft zu kommen und die ständigen Affären sein zu lassen. Foto: Bela Witt

Das junge Pärchen sprüht sich vor Wut mit dem Wasserzerstäuber beim Bügeln an. Sie kippt ihm beim Essen den Pott Spaghetti über den Kopf, sodass die Nudeln glitschig übers Haar herabrutschen. Sie zieht ihn mit dem Stuhl durchs Wohnzimmer. Er holt sie zum x-ten Mal vom Fensterbrett, bevor sie aus lauter Verzweiflung über die missratene Ehe den Sprung aus dem fünften Stock wagt. Dabei macht er urkomische akrobatische Verrenkungen wie ein Affe im Urwald.

Der Mann macht sich in der Komödie „Offene Zweierbeziehung“, die am Freitagabend auf der Probebühne des Landestheaters in Neustrelitz Premiere feierte, zum Gespött. Es genügt etwa, wenn er sich entblättert. Erst das Hemd, dann die Hose und die Socken. Übrig bleibt die blau-rote Unterhose mit dem Supermann-Logo. Ausgerechnet. Selbstüberschätzung hoch zehn. Was sonst?

Der Zuschauer lacht und lacht und lacht. In vielen Situationen hört er gar nicht mehr auf, weil das pfiffig und schnell inszenierte Stück (Regie: Cornelia Birkfeld) mit seinen Dialogen Witze am laufenden Band produziert. Dabei sollte einem eher jedes Kichern im Halse stecken bleiben. Weil es traurig ist, wenn zwei Menschen, die sich die ewige Liebe schworen, nichts mehr füreinander empfinden, sich nur noch anbrüllen, anschreien und der Hass aus ihren Augen spricht.

Bei Antonia (Lisa Voß) und ihrem Mann (Michael Goralczyk) stellt sich der Ehealltag nicht anders dar. Und weil der Mann ein Pars pro Toto ist – also stellvertretend für alle Männer, die ihre Hormone nicht im Griff haben –, besitzt Antonias Partner nicht einmal einen Namen. Er ist eben: der Mann. „Weibergeschichten spielen sich doch nur auf der sexuellen Ebene ab“, erklärt er und versucht dadurch sein Fremdgehen zu rechtfertigen, ja zu legalisieren. Denn mit den Gefühlen sei er ja weiterhin nur bei seiner Frau. Die beschwert sich allerdings, dass „bei uns auf der sexuellen Ebene schon lange nichts mehr läuft“. Dieses Unverständnis ist es, was zum Streit in „Offene Zweierbeziehung“ führt. Da ist eine Ehe, in der es aus unerklärlichen Gründen keinen Sex mehr gibt. Zugleich aber sucht der Mann nach Abenteuern, um seine Geilheit auszuleben, die er doch zu allererst zu Hause mit seiner Frau in den Griff bekommen könnte, ja müsste.

Dario Fo hielt Anfang der 80er Jahre mit seiner Komödie, die vielmehr Tragödie ist, der Gesellschaft den Spiegel vor. Witzigerweise büßte der Stoff bis heute nichts, rein gar nichts an seiner Brisanz sein. Waren es früher andere Verlockungen, so sind es heute die unzähligen Dating- und Chat-Plattformen, die es einem leicht machen, eine Affäre anzufangen. Sie stellen noch eine andere Gefahr dar, die das Stück herausarbeitet: Man hat Angst, etwas zu verpassen – eine schönere, charmantere, schlankere, klügere, anziehendere, reichere, erfolgreichere Frau. Dabei handelt es sich stets um eine andere, nie aber um eine bessere, vollkommenere Person, die man kennenlernt. Jeder Partner fordert Kompromisse. Nur jeder andere.

Weitere Vorstellungen am 15. September, 5. und 28. Oktober, 22. November, 27. Dezember im Schauspielhaus in Neubrandenburg sowie am 5. Dezember auf der Probebühne des Landestheaters Neustrelitz.

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