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Schwerelos überm Abgrund: Im Spinnennetz abhängen

Kunst als Mutprobe: Der Installationskünstler Tomás Saraceno lädt Besucher in ein spektakuläres stählernes Spinnennetz in luftiger Höhe ein. Dafür sollte man allerdings schwindelfrei sein.

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Federico Gambarini Installation "in orbit"

Der Atem stockt, und beim Blick in die Tiefe kann einem flau in der Magengrube werden. Es dauert eine Weile, bis sich ein Besucher der „Umlaufbahn“ des Installationskünstlers Tomás Saraceno an die schwindelerregenden Aussichten in 25 Meter Höhe gewöhnt hat. Auch das Laufen in einer „Wolkenstadt“ des 40-jährigen argentinischen Künstlers will gelernt sein, denn man spaziert auf einem ausladenden schwingenden Stahlseil-netz über dem Abgrund. Solche Netze schützen norma-lerweise in den Alpen gegen Steinschlag.

Besucher wandelt

auf „Spinnennetz“

Unter der gewaltigen Glaskuppel des denkmalge-schützten Düsseldorfer Ständehauses (K21), der Depen-dance der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, spannte Saraceno mit einem Team von Architekten, vier Ingenieur- und Statikbüros und einer Spezialfirma seine kühne Netzkonstruktion. „In orbit“ (In der Umlaufbahn) hat der Grenzgänger zwischen Kunst, Architektur und Wissenschaft sein spektakuläres Projekt genannt.

In luftiger Höhe umkreist der Besucher riesige luftgefüllte PVC-Ballons, die wie überdimensionale Seifenblasen aussehen und die drei Ebenen des stählernen „Spinnennetzes trennen.Tatsäch-lich bekommt man eine Ahnung von Schwerelosigkeit, wenn man auf dem Netz über dem Abgrund schwankt und die Ballons wie planetarische Körper umrundet. Für mindestens ein Jahr wird das Netz über der Piazza des Ständehauses gespannt sein. Allerdings rechnet die Kunstsammlung damit, dass nur ein Teil der Besucher wagt, die Konstruktion zu betreten. Wer Höhenangst hat, wird besser am Boden bleiben.

Es ist die bisher größte und technisch komplizierteste Arbeit von Saraceno, was auch die rund zweijährige Verzögerung des Projekts erklärt. 2500 Quadratmeter Sicherheitsnetz breiten sich in drei Ebenen unter der Glaskuppel aus. Bis zuletzt prüften Spezialisten die Statik der tonnenschweren Stahlseile und der bis zu 350 Kilo schweren PVC-Kugeln.

Selten wird bei einer Kunstausstellung in einer Reihe neben dem Kurator auch der technische Leiter genannt. Es ist Bernd Schliephake. „Technik, Inhalt und Ästhetik sind bei diesem Kunstwerk untrennbar miteinander verbunden“, sagt Kunstsammlungschefin Marion Ackermann. Saraceno schaffe mit seinen wagemutigen Konstruktionen zugleich „betörend schöne Bilder im Raum“.

Lebende Spinnen

weben Seidenpalast

Wer Saracenos Inspiration verstehen will, sollte in einen abgedunkelten und von ihm eingerichteten Nebenraum gehen. Dort weben lebende Spinnen dreidimensionale Mehr-Etagen-Netze. Aus zahllosen Fäden haben die Spin-nen einen filigranen Seidenpalast geschaffen, in dem sie buchstäblich miteinander vernetzt sind. Saraceno hält diverse Spinnenarten, um ihr Sozialverhalten und ihre Bauweise als Vorbild für seine Projekte zu studieren.

„Ko-Abhängigkeiten“ nennt Saraceno seine Vorstellung vom künftigen Leben in der Gemeinschaft, und er illustriert das auch mit seinem Stahlnetz. Jeder Besucher spürt die Schritte der anderen, egal wie weit sie entfernt sind. Wer seine anfängliche Angst überwinde und sich auf das Netz traue, werde mit einem Gefühl der Euphorie belohnt, sagt Kuratorin Susanne Meyer-Büser.