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Schwule im Fußball: Das Versteckspiel geht weiter

Berlin hat einen schwulen Bürgermeister, Deutschland einen schwulen Außenminister. Schwule Fußballer sucht man aber vergebens. Der Sportjournalist Ronny Blaschke hat einen gefunden und mit ihm zusammen ein Buch geschrieben.

Laut Statistik, heißt es, kickt in jeder Mannschaft ein schwuler Spieler - im Amateur- und Profi-Bereich.
Uwe Anspach Laut Statistik, heißt es, kickt in jeder Mannschaft ein schwuler Spieler - im Amateur- und Profi-Bereich.

Jung, dynamisch, erfolgreich – Marcus Urban hat, was viele andere gern hätten. Als Nachwuchskicker beim FC Rot-Weiß Erfurt lebt er einen Traum, der in unzähligen Kinderzimmern rauf und runter geträumt wird. Am Stoff mangelt es nicht: Nach einer erfolgreichen Saison winkt der Aufstieg in die zweite Fußball-Bundesliga, Urban steht vor dem Sprung ins gut dotierte Profigeschäft.

Doch er springt nicht. Irgendetwas unterscheidet ihn von den anderen. Marcus Urban ist schwul. Während er auf dem Platz stürmt und kämpft, ist er neben dem Platz der Versteckspieler. Genau so lautet der Titel des Buches, das der aus Rostock stammende Ronny Blaschke in Form einer Biografie über den schwulen Fußballer Marcus Urban geschrieben hat. Darin geht es um das „Anderssein“, um das „schwarze Schaf“ inmitten einer normierten Sportlerwelt, die in erster Linie männlich, heterosexuell und weiß ist.

Angst vor Enttarnung – nicht nur in der Dusche

Erzählt wird sie an den kleinen, den alltäglichen Begebenheiten des Profigeschäfts. Abendliche Ausflüge im Kreise der Mannschaftskollegen beispielsweise, testosterongeschwängerte Kabinenpredigten des beinharten Trainers oder den Besuch der Gemeinschaftsdusche nach dem Training oder Spiel. Über allem schwebt die Furcht vor der Enttarnung, die Bürde des Versteckens. Denn während die Probleme homosexueller Sportler scheinbar spaßig auf den „Seifentrick unter der Dusche“ verengt werden, sind gesellschaftliche Hürden für schwul-lesbische Sportler viel höher.

Outing ist für viele unrealistisch

„Von der Debatte her sind wir da heute nicht weiter als 2006“, sagt Ronny Blaschke am Rande der Lesung seines Buches in Neubrandenburg, organisiert von der schwul-lesbische Initiative „rosa-lila“. „Ich als Fußballer würde mich auch nicht outen, alles andere wäre unrealistisch“, sagt Blaschke weiter und fragt: „Warum sollte sich ein einzelner Fußballer die Bürde auferlegen, wenn die Gesellschaft noch nicht soweit ist?“ Das sehen seine Zuhörer genauso. „Die Spitzen kommen unterschwellig, das kriegen die Leute gar nicht mit“, sagt ein Besucher der Lesung. Der Vereinsvorsitzende André Sandmann fügt an: „Gesellschaftliche Muster verändern sich eben nicht so schnell.“ Alle zusammen sind sich einig: Ob in Kultur, Politik, Verwaltung – Versteckspieler gibt es viele.

Das Versteckspiel ist vorbei

Marcus Urban – der etwas andere, weil schwule Fußballer – hat sich gegen das ständige Abducken entschieden. Er hängte die Profikarriere an den Nagel, outete sich einige Jahre später in einem Interview. Fußball spielt er auch heute noch. Nicht im Leistungsbereich, sondern zum Spaß. Verstecken muss er sich nun zwar nicht mehr, es guckt aber auch kaum noch einer hin.

 

Das Buch „Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“ von Ronny Blaschke ist erschienen im Verlag Die Werkstatt und kostet 9,90 Euro, 144 Seiten. ISBN: 3895336114