"Die menschliche Stimme" :

Seelenschmerz am Telefon

Mit einem Opern-Monolog gibt Regisseur Fabian von Matt sein Musiktheater-Debüt im Neubrandenburger Schauspielhaus. Zur Premiere überzeugt Sopranistin Yvonne Friedli in einer Inszenierung, bei der – zum Glück – viele Fragen offen bleiben.

Sopranistin Yvonne Friedli verzweifelt als namenlose Frau am Telefon: Am Sonnabend feierte "Die menschliche Stimme / Die Frau von Monte-Carlo" in Neubrandenburg Premiere.
Joerg Metzner Sopranistin Yvonne Friedli verzweifelt als namenlose Frau am Telefon: Am Sonnabend feierte "Die menschliche Stimme / Die Frau von Monte-Carlo" in Neubrandenburg Premiere.

In diesem Stück ist etwas aus den Fugen geraten, das verrät schon das Bühnenbild: Ein spärlich eingerichtetes Zimmer in Schieflage, dessen mit blauen Wellen bemusterte Wände längst nicht mehr heil sind. Eine Schiffskajüte? Ein Hotelzimmer? Ein Krankenlager? Zwei große, bulläugige Fenster jedenfalls, und ein Bett mit weißem Metallgestell. Darauf eine junge Frau mit rotem Haar im weißen Kleid. Sie hält einen altmodischen Telefonhörer in der Hand. „Mein Kopf liegt nicht mehr an deinen Hals geschmiegt“, singt sie klagend ins Telefon.

Regisseur Fabian von Matt setzt in seiner Inszenierung des Opern-Monologs „Die menschliche Stimme“ von Francis Poulenc ganz auf die Sopranistin Yvonne Friedli. Sie spielt und singt die namenlose Frau. Eine gute Stunde lang brüllt, flüstert, lacht und fleht sie in den Hörer – nur unterbrochen von den kurzen Auftritten eines Mannes (Reinhard Maash), der das Zimmer aufräumt und das Bett macht. Mal streichelt sie das Telefon, mal wirft sie es wutentbrannt zu Boden. Mal hält sie es wie ein rohes Ei, mal wie eine Waffe. Der Hörer ist ihre einzige Verbindung zu einem Gegenüber, von dem der Zuschauer sich nicht sicher sein kann, wie real es wirklich ist.

Steht sie im Begriff, verrückt zu werden – und so zu enden wie die zerzauste Alte im rosa Nachthemd (Andrea Maash), die gegen Ende des Stücks wie ein Geist über die Bühne wandelt? Oder ist die junge Frau selbst nur eine Erinnerung der alten – und ist ihr Schicksal als zerrüttete Greisin längst besiegelt? Es gehört zu den Stärken der Inszenierung von Fabian von Matt, dass sie sich nicht festlegt, sondern die Phantasie des Publikums fordert. „Die menschliche Stimme“ verbindet der Regisseur dafür mit dem Solostück „Die Frau von Monte-Carlo“, das er der Telefon-Arie voranstellt. Auch in „Die Frau von Monte Carlo“ verkörpert Yvonne Friedli eine zerrüttete Frauenfigur, die inmitten der glitzernden südfranzösischen Casino-Welt in ihrem windschiefen Zimmer sitzt und weiß: „Ich hab im Leben kein Glück mehr zu erwarten.“

Yvonne Friedli spielt die beiden nahe am Abgrund stehenden Frauen und ihre extremen Gefühlsschwankungen mit einer herausragenden Dynamik in der Stimme und einem nahtlosen Übergang zwischen gesprochener Sprache und Gesang. Nur begleitet von Emiliano Greizerstein am Flügel erzeugt sie eine intime Atmosphäre. Gleichwohl verlangt das Stück seinen Zuhörern volle Konzentration ab.

Die Termine

  • Freitag, 18. Oktober: Landestheater Neustrelitz, Probenhaus, 19.30 Uhr
  • Sonnabend, 9. November: Schauspielhaus Neubrandenburg, Saal, 19.30 Uhr
  • Sonnabend, 23. November: Schauspielhaus Neubrandenburg, Saal, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 8. Dezember: Landestheater Neustrelitz, Probenhaus, 19.30 Uhr
  • Sonnabend, 28. Dezember: Landestheater Neustrelitz, Probenhaus, 19.30 Uhr