Rudi Carrells Miesepeter-Hymne:

Seit 40 Jahren jammern wir über den Sommer

„Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer?“ Warum uns ein Lied von Rudi Carrell, das nie ein Top-Ten-Hit war, bis heute so fesselt. Und wieso in Wirklichkeit nicht die SPD an allem schuld ist, sondern US-Präsident Nixon.

Der Sommer 1975 startete kühl, wurde aber besser. Ob das an Rudi Carrells Miesepeter-Hymne lag?
Dieter Klar Der Sommer 1975 startete kühl, wurde aber besser. Ob das an Rudi Carrells Miesepeter-Hymne lag?

An diesem Sonntag ist nach dem Kalender Sommeranfang und das große Motzen geht wieder los. Zu kühl, zu nass, zu stürmisch, zu windig, zu wechselhaft, zu langweilig. Seit 40 Jahren gibt Rudi Carrell allen Nörglern eine Stimme. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer; ein Sommer, wie er früher einmal war? Ja, mit Sonnenschein von Juni bis September und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr.“ Der Schlager schallt seit 1975 Trost spendend aus dem Radio und gipfelt in dem Kalauer: „... denn schuld daran ist nur die SPD“. Carrell ist 2006 gestorben. Doch das Lied des Gastgebers von Showklassikern wie „Am laufenden Band“ scheint unsterblich zu sein.

Die Geburt eines Klassikers

Was macht die Faszination des „Sommer“-Liedes aus? Schließlich haben viele Prominente in den 70er Jahren mehr oder weniger anspruchsvolle Liedchen geträllert, ohne damit große Spuren zu hinterlassen. Da schmetterte etwa Bundespräsident Walter Scheel „Hoch auf dem gelben Wagen“, Fußballer Franz Beckenbauer sang „Gute Freunde kann niemand trennen“, Schauspielerin Johanna von Koczian „Das bisschen Haushalt“. Warum stellt Carrell sie alle in den Schatten?

„Das hat verschiedene Gründe. Zum einen hat es mit der Person Rudi Carrell zu tun, der immer in seinen Shows gesungen hat. Das war kein Nebenberuf, sondern Teil seines Entertainments“, erläutert Rainer Moritz, der das Literaturhaus Hamburg leitet. „Es ist ihm mit diesem Lied, seinem Texter sei Dank,
gelungen, einen Klassiker zu schaffen.“

Die Melodie ist älter als Carrells Song

Radiosender griffen gern darauf zurück, gerade zum Sommeranfang, sagt Moritz. „Und da die Leute ja immer dazu neigen, über das Wetter zu klagen, immer unzufrieden sind mit dem Sommer und sich einbilden, früher sei alles besser gewesen, ist natürlich so ein Lied wunderbar geeignet, um Zeitaktuelles zu kommentieren.“ Es seien „originelle Bezüge“, die solche Lieder zu Evergreens machten. Das treffe etwa auch auf Gunter Gabriels Lied „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld“ zu.

Was viele nicht wissen: Die Melodie ist älter als Carrells Song. Es ist ein Cover des
Liedes „City of New Orleans“, geschrieben von Steve Goodman. Das war ein hochpolitischer Titel gewesen. Goodmans Text kritisierte den Beschluss der Regierung von US-Präsident Richard Nixon, der den Eisenbahngesellschaften erlaubte, unrentable Strecken stillzulegen. Das Aus für viele Linien traf vor allem arme Leute.

Western-Version längst nicht so populär

Und was noch weniger Leute wissen: „Es gibt eine zweite deutsche Version“, schildert Literaturwissenschaftler Moritz. Ronny, ein damals sehr populärer Western-Schlagersänger habe sie ungefähr zur gleichen Zeit wie die von Carrell eingesungen. „Ronny hat gesungen: ‚Einmal vergeht der schönste Sommer‘.“ Grundlage war dieselbe amerikanische Originalversion. „Das ist ein sehr schönes Lied von Ronny. Aber es hat – man merkt es schon am Titel – eben nicht diese Fähigkeit, zum Klassiker zum Kommentieren des Zeitgeschehens zu werden. Deswegen ist Ronnys Lied leider vergessen, während Rudi Carrell immer noch rauf und runter gespielt wird.“ Obwohl nie in den Top Ten gewesen, entwickelte sich das Carrells Lied zum Dauerbrenner.