Streit um Warhol-Werke:

Sind zwei Bilder 100 Millionen Euro Wert?

Die geplante Versteigerung von zwei hochkarätigen Warhol-Bildern aus dem Besitz des Casino-Betreibers hat eine heftige Debatte ausgelöst. Geht es hier um einen gefährlichen Präzedenzfall oder nur um Deko für Spieltische? Gegner und Befürworter streiten erbittert.

Die Bilder „Tripple Elvis“ und „Four Marlons“ von Andy Warhol (von links) erhitzen die Gemüter. Grund: Der Spielkasinobetreiber Westspiel aus NRW lässt beide Bilder jetzt in New York versteigern.
Chris Melzer Die Bilder „Tripple Elvis“ und „Four Marlons“ von Andy Warhol (von links) erhitzen die Gemüter. Grund: Der Spielkasinobetreiber Westspiel aus NRW lässt beide Bilder jetzt in New York versteigern.

Ist es ein kulturpolitischer Sündenfall oder ein ganz normales Geschäft? In der Nacht zum Donnerstag werden in New York bei Christie's zwei wertvolle frühe Bilder von Andy Warhol aus dem Besitz des NRW-Casino-Betreibers Westspiel versteigert. Das Pikante: Westspiel gehört indirekt dem Land Nordrhein-Westfalen. Der geplante Kunstverkauf hat einen Streit zwischen der Kulturszene und der rot-grünen Landesregierung ausgelöst. Hier sind die Argumente für und gegen den Verkauf:

PRO: Ja, die Warhol-Bilder sollten verkauft werden.

Westspiel: Das 100-prozentige Tochterunternehmen der landeseigenen NRW.Bank argumentiert, dass die Warhol-Bilder sowie mehr als 200 andere Kunstwerke in den 70er und 80er Jahren nur zu "Ausstattungszwecken" gekauft worden seien. Die inzwischen immens im Wert gestiegenen Warhol-Siebdrucke "Triple Elvis" und "Four Marlons" lagerten aus Sicherheitsgründen seit 2009 in einem Tresor. Niemand habe sie vermisst, kein NRW-Museum habe sie je als Leihgabe für eine Ausstellung angefragt. Mit dem erhofften Auktionserlös von rund 100 Millionen Euro will Westspiel seine defizitären Casinos sanieren und eine neue Spielbank in Köln bauen.

Hannelore Kraft (SPD): Die NRW-Ministerpräsidentin schrieb als Antwort auf einen Protestbrief von 26 Museumsdirektoren, dass Westspiel die Bilder mit eigenen Mitteln erworben habe. Die Warhol-Kunstwerke seien "kein nationales Kulturgut", das vor dem Verkauf ins Ausland geschützt werden müsse. Westspiel müsse Investitionen aus eigener Kraft bestreiten. Die Landesregierung habe nicht die Absicht, Kunst aus direktem Landesbesitz zur Haushaltskonsolidierung zu verkaufen.

Norbert Walter-Borjans (SPD): Nach Worten des NRW-Finanzministers geht es "nicht um den Ausverkauf von Kunst des Landes", denn die Bilder gehörten dem Land ja gar nicht. Das Land halte am Casino-Betrieb fest, denn aus den Einnahmen flössen jährlich rund 25 Millionen Euro in die Stiftung Wohlfahrtspflege. Insgesamt habe Westspiel in den vergangenen fünf Jahren 250 Millionen Euro ans Land abgeführt. Der richtige Zeitpunkt zum Verkauf der Bilder sei jetzt, denn auf dem überhitzten Kunstmarkt würden derzeit Spitzenpreise für Warhol erzielt.

Wolfgang Becker: Der Gründungsdirektor des Aachener Ludwig Forums verfasste einst einen Katalog mit den Kunstwerken der Aachener Spielbank. Als einer der wenigen Personen aus der Kulturszene ist Becker für den Verkauf. "Die Bilder wurden als Dekoration für die Spielbank gekauft, sie waren umgeben von Menschen, die rauchten, tranken, lebten", sagt er. "Kein Mensch hat sich dafür interessiert, dass die Bilder in Wert gestiegen sind." Kein Museum in NRW habe bisher Anspruch auf die beiden Bilder erhoben. Es bestehe auch kein Bedarf, denn es gebe genug Warhol-Bilder, unter anderem im Museum Ludwig in Köln.

CONTRA: Nein, die Warhol-Bilder dürfen nicht verkauft werden.

NRW-Museumsdirektoren: 26 namhafte NRW-Museumsleiter warnten Ministerpräsidentin Kraft, einen Präzedenzfall zu schaffen. Die geplante Versteigerung der mittelbar dem Land gehörenden Werke widerspreche allen internationalen Konventionen zum Schutz von öffentlichem Kunstbesitz. Dass der Erlös zur Deckung von Defiziten bei Westspiel oder gar zum allgemeinen Schuldendienst des Landes NRW herangezogen werde, mache den Vorgang zu einem "brisanten Politikum". Ein "grundlegender Kulturwandel" werde vollzogen. Die Auktion sei ein "Tabubruch", weil sie jahrzehntelange Kultur- und Sammlungspolitik durch kurzfristiges Gewinnstreben beschädige. "Damit wären der öffentliche und auch der Museumsbesitz nicht mehr sicher".

Monika Grütters (CDU): Auch die in Berlin residierende Kulturstaatsministerin warnte Rot-Grün in NRW vor einem "Tabubruch". Keine Landesregierung habe bisher "nationales Kulturgut" veräußert, "um damit Haushaltslöcher zu stopfen". Kunstwerke seien keine Spekulationsobjekte. "Sie zu veräußern, um klamme Staatskassen zu sanieren, wäre schlichtweg unanständig und ein Systembruch."

Olaf Zimmermann: Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats warnte davor, dass als nächster Schritt die verschuldeten kommunalen Haushalte versucht sein könnten, sich mittels ihrer Kunstbestände zu sanieren.

Isabel Pfeiffer-Poensgen: Die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder (Berlin) und ehemalige Aachener Kulturdezernentin hält den Verkauf für leichtfertig. Sie bedauerte, dass die Warhol-Bilder nicht einem NRW-Museum übergeben worden seien. Wenigstens der Erlös der Auktion müsse zwingend der Kunstförderung in NRW zugute kommen.

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