Theaterkritik:

Spaßiger Blick hinter die Theaterkulissen

Streitereien, Zickereien, Liebeleien: Der „Raub der Sabinerinnen“ verrät, wie es auf so mancher Bühne der Republik zugeht. Allerdings mit ein paar Einschränkungen.

Eine Kulisse für alle Szenen, das wirkt verwirrend: Professor Gollwitz (Michael Kleinert), Direktor Striese (Dietmar Lahaine) und Meißner (Wolfgang Grossmann, v.l.) Foto: Joerg Metzner
joerg metzner Eine Kulisse für alle Szenen, das wirkt verwirrend: Professor Gollwitz (Michael Kleinert), Direktor Striese (Dietmar Lahaine) und Meißner (Wolfgang Grossmann, v.l.) Foto: Joerg Metzner

Der Zuschauer sitzt bequem im Fauteuil und schaut zwar auf die Bühne, aber doch wieder in den Zuschauerraum. Ein gern genommener Trick, dass die Kulisse die Hinterbühne darstellt und das Publikum sozusagen da platziert ist, wo es sonst hinschaut. Beim „Raub der Sabinerinnen“, das am Samstagabend im Landestheater Neustrelitz Premiere feierte, bietet sich das an. In diesem Stück nimmt sich das Theater selbst auf die Schippe. Schauspieler röcheln und sie fauchen. Sie knutschen und sie streiten. Sie spaßen und sie kalauern. Sie tragen Ritterrüstungen und Helme.

Sicher suchte sich Regisseur Wolfgang Bordel die „Sabinerinnen“ aus, weil sie ein Schlaglicht auf die landauf, landab stets klammen Kassen der Kulturbetriebe werfen. Und wo, wenn nicht in Mecklenburg-Vorpommern, wo nur wenige Euro für die leichte, unterhaltsame Muse übrig bleiben, hätte es mehr Sinn, unterschwellig Stimmung zu machen?

Die Vorlage von Franz und Paul von Schönthan macht deutlich, weshalb es Theater braucht: für die Leidenschaft, für Visionen, zur Unterhaltung, auch und gerade für die seichten Gefühle. Kurz: für den Genuss und für die schönen Momente im Leben.

In seiner Studentenzeit hat Professor Gollwitz (herrlich tüttelig und mit schnutigen Grimassen: Michael Kleinert) eine Römertragödie geschrieben, „Der Raub der Sabinerinnen“. Jahre später fällt ihm das Stück durch Zufall wieder in die Hände. Er liest es mit Schuldiener Meißner (verpeilt: Wolfgang Grossmann), und sie sind begeistert.

An diesem Punkt irrt der Zuschauer etwas hilflos durch die Kulissen. Weil ein Schuldirektor hinter seinem Schreibtisch sitzt, aber ganz offensichtlich eben doch hinter den Theaterkulissen. Die Inszenierung hätte also dringend mit Kulissenwechseln arbeiten müssen. Das Bild der Hinterbühne taugt nicht für die komplette Handlung.

Auch der weitere Verlauf wäre in der Wohnstube bei den Gollwitzens besser aufgehoben: Wie es der Zufall will, ist Gollwitz’ Frau Friederike (stelzern: Beate Biermann), die das Theater strikt ablehnt, gerade auf Kur. Und passenderweise ist gerade das Wandertheater Striese im Ort zu Gast. Gollwitz nutzt die Gelegenheit und bietet Striese (Dietmar Lahaine will sächseln, schafft es aber partout nicht) das Stück an. Der möchte es zur Eröffnung spielen. Die Proben laufen, da kommt Friederike früher aus der Kur zurück. Die Zuschauer dürfen dabei einen Blick hinter die Kulissen des Theaters werfen.

All die Streitereien, Zickereien, Liebeleien hinter den Kulissen deutet die Neustrelitzer Inszenierung nur an. Aber nicht mehr. Leider. Immerhin bilden Susanne Groß als Tochter Paula und Fabian Quast als Schauspieler Emil Groß ein entzückendes Pärchen, dem man beim Verliebtsein gerne zuschaut. Überhaupt spielt sich Susanne Groß mit ihrer süßen Art in den Vordergrund, mal davon abgesehen, dass sie die beste Singstimme des Ensembles besitzt. Denn, ja, neuerdings lässt Bordel die „Sabinerinnen“ singen.

Harmlos, zahnlos, kampflos, belanglos

Obwohl die „Sabinerinnen“ gerne den Stempel Schwank aufgedrückt bekommen, besitzen sie das Potenzial zur sozialkritischen Betrachtung, zur abgrundtiefen, fiesen Kritik am Schmierentheater. Stattdessen gibt sich die Premiere in dieser Hinsicht harmlos, zahnlos, kampflos. Die Pointen kommen bisweilen belanglos daher. Manch andere Produktion in der Republik, etwa die vor zwei Jahren am Hamburger Thalia-Theater, zeigte da mehr Schmackes und mehr Biss.

Der Zuschauer wünscht sich ein Feuerwerk an Gemeinheiten und Witzen. Die gibt es in Bordels Fassung, keine Frage. Es sollte sie nur noch mehr geben und sie gehören krachender bis über die Rampe gespielt. Das Publikum sollte aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. Dafür ist das Werk der Schönthan-Brüder gemacht.

Das elfköpfige Ensemble singt doch sogar selbst: „Euer Schenkelklopfen ist unser Lob“. Doch zum Tränenlachen kommt es an diesem Abend nicht. Eine Aussage wie „Ein Schauspieler braucht eine Grundspannung im Körper als knacke er mit seinem Arsch eine Nuss“, die Isolde Wabra als Strieses Frau Rosa tätigt, gehört schon zu den besseren Kalauern. Vielleicht fehlt es dem Stück deshalb an Tempo. Vor allem die musikalischen Einsprengsel, die mal Chanson, mal Revue sind, bremsen den Fluss der Handlung.

Das klingt nun so, als raubten die „Sabinerinnen“ dem Zuschauer den letzten Nerv. Nur keine Angst. Mit der Produktion kann man nichts falsch machen. Alles in allem ist’s ganz unterhaltsam. Nur wäre da noch einiges mehr herauszuholen gewesen.

Weitere Vorstellungen am 3., 8., 15. November, 31. Dezember, 11. Januar und am 12. Februar im Landestheater Neustrelitz.

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