Filmfest:

Springen sie von selbst oder werden sie geschubst?

Was es nicht alles gibt! Fiktionale Dokumentarfilme. Das Festival dokumentART steht seit über zwanzig Jahren auch für Grenz-überschreitungen und hat in diesem Jahr gleich mehrere Filme des Genres „Mockumentary“ im Programm.

Tobias Rehm brachte seinen Film über den Blattfall-Forscher Dr. Schonger und einen Waldmenschen mit zur dokumentART. Da es diese Figuren im realen Leben nicht gibt, hat er sie für sein Mockumentary erfinden müssen. Foto: Ralph Schipke
Tobias Rehm brachte seinen Film über den Blattfall-Forscher Dr. Schonger und einen Waldmenschen mit zur dokumentART. Da es diese Figuren im realen Leben nicht gibt, hat er sie für sein Mockumentary erfinden müssen. Foto: Ralph Schipke

Um es gleich vorwegzunehmen: Noch ist die wissenschaftliche Blattfall-Forschung zu keinem Ergebnis gekommen. Es bleibt unklar, ob die Blätter jetzt im Herbst selbst springen oder von den Bäumen abgeworfen werden.

Quatsch? Humbug? Nein! Diese Frage wird in einer Mockumentary mit großer Ernsthaftigkeit gestellt. Das Wort „Mockumentary“ kommt vom Englischen (to) mock. Das bedeutet vortäuschen oder verspotten. Und besteht natürlich aus „documentary“ – Dokumentarfilm. Also ein Film, der so tut als ob. Tobias Rehm zeigt in „Qe skem a’malla harza – Ich bin manchmal einsam“ so, als ob. Bis in den Titel hinein: „Qe skem …“ ist eine erfundene Sprache. Die spricht in dem Kurzfilm aus München ein Waldmensch.

„Das Genre ‚Mockumentary‘ war für mich sehr praktisch, um Gefühle zu beschreiben, die im Raum standen“, erklärt der junge Filmemacher, wie es zu seinem inzwischen dritten Film kam. Seine Mitstreiter Silke Dietrich und Sebastian Linder studieren wie er selbst Design. Alle drei wollten sich anlässlich eines Kunstprojektes zum Thema Wald Begriffe wie Einsamkeit, Ruhe, Rastlosigkeit und Zurückgezogenheit hinterfragen.

Aber wie macht man das mit filmischen Mitteln? Das Trio hat den Waldmenschen „Bigfoot“ aus der nordamerikanischen Folklore entliehen und dazu den Blattfallforscher Dr. Hans Schonger schlicht erfunden. Ein einsamer Waldmensch wird von einem wissenschaftlichen Einzelgänger entdeckt. Im Wald natürlich.

„Wir brauchten jemanden, der Bigfoot nicht verschreckt und trotzdem neugierig genug ist, sich mit ihm anzufreunden“, erklärt Rehm die Entstehung der Geschichte. Das Genre sei ihm nicht so wichtig gewesen. „Mit einem Dokumentarfilm kann man aber jemanden sehr nah zeigen. Und in einer Fiktion lassen sich Gedanken ,aussprechen‘“. So einfach sei ihre Mockumentary entstanden.

Die Bigfoot-Sprache hat Tobias Rehm vor sich hin „gebrabbelt“. Die ganze Blattfall-Forschung ist ein erfundenes Vehikel oder ein Kunstgriff, um den Fakt Wald und das Gefühl Einsamkeit zusammenzubringen. Mit dem 15-minütigen Streifen werden aber gleichzeitig die ganz großen Sinnfragen gestellt.

Gespielt haben die Filmemacher ihre Fantasie-Figuren gleich selbst. „Für mich ist es ein relativ sinnvoller Film, denn wir stellen Gefühle dar“, sagt der Macher. Ihn fasziniert, wie unterschiedlich der Film in unterschiedlich gefüllten Kinos aufgenommen wird. Sei das Kino nur zu einem Drittel gefüllt, kämen beim Publikum vorrangig die traurigen Elemente an. Sei das Kino voll, werde viel mehr über den Nonsens auf der Leinwand gelacht.

Bei der Arbeit am Film gab es ebenfalls eine Trennung zwischen heiteren Momenten und Ernsthaftigkeit, erinnert sich Tobias Rehm. „Spaß hatten wir beim Konzept und mit den vielen Ideen.“ Doch beim Drehen sei sehr ernsthafte Arbeit angesagt gewesen. „Damit beim Zuschauer die Komik und der Hintersinn ankommt und nicht unfreiwillig alles in Richtung Klamauk gerät“, erklärt der Mockumentarist.

„Ich glaube, am Ende haben wir einen Film über uns selbst gemacht“, sagt der junge Filmemacher. „Jeder fühlt sich doch manchmal unverstanden.“ Und so hängen er und sein Bigfoot weiter den großen Fragen der Menschheit nach: Springen sie oder werden sie geschubst? Die Blattfallforschung könnte das klären, wenn es sie gäbe.

Die 22. dokumentART zeigt heute unter anderem eine weitere Mockumentary: „Trantor Chronicles“ über das fiktive Leben einer chinesischen Familie. Beginn 14 Uhr im Latücht.

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