"Diese Geschichte sagt viel über unsere Kultur aus":

The Bling Ring - Ein Gespräch mit Oscar-Preisträgerin Sofia Coppola

Mit Filmen wie „Lost In Translation“ oder „The Virgin Suicides“ ist die Autorin und Regisseurin Sofia Coppola längst aus dem Schatten ihres berühmten Vaters Francis Ford Coppola („Der Pate“) getreten. In ihrem aktuellen Werk greift die 42–jährige eine unglaubliche Story auf, die das Leben schrieb.

„The Bling Ring“ erzählt die Geschichte einer Jugendbande, die in den Jahren 2008 und 2009 in die Villen Prominenter wie Paris Hilton und Lindsay Lohan einbrach. Nach ihrer Verhaftung ließen die Kids, die sich Kleidung, Schuhe, Schmuck und Bargeld im Wert von mehreren Millionen Dollar unter den Nagel gerissen hatten, jegliches Unrechtsbewusstsein vermissen. Wir trafen Sofia Coppola in Berlin zum Gespräch.

Mrs. Coppola, hat Sie die Geschichte vom „Bling Ring“ auch deshalb fasziniert, weil Sie selbst in der Hollywoodgemeinde groß geworden sind?

Das ist nicht ganz richtig. Ich bin in einer kleinen Stadt im ländlichen Raum aufgewachsen. Die Lebensrealität der Stars, von denen die Klatschpresse berichtet, war mir nicht aus eigener Erfahrung bekannt. Ich wusste nicht, wie es im Heim von Paris Hilton aussieht. Dementsprechend interessant gestalteten sich meine Recherchen. Zunächst war es natürlich die Geschichte, die mein Interesse auf sich zog. Ich bin in diese Welt eingetaucht und hatte Spaß daran, mir auch mal diese Sichtweise zu gestatten.

Was hat Sie an der Geschichte fasziniert?

Ich hatte einen Artikel darüber in einer Zeitschrift gelesen und fand diese Sache so merkwürdig. Es war ein toller Filmstoff, unterhaltsam, humorvoll und gleichzeitig verstörend. Ich habe die Journalistin getroffen, um mehr Details zu erfahren, und ich durfte ihre Notizen einsehen. Vor allem die Aussagen der Kids, die sich kaum einer Schuld bewusst waren, haben mich überrascht. Diese Geschichte sagt viel über unsere Kultur aus, darüber, welche Dinge heute als wichtig erachtet werden. Es ist ein zeitgenössisches Phänomen. In meiner Jugend zählten noch ganz andere Werte. Ich überlasse es dem Publikum, sich ein Urteil über diese Entwicklung zu bilden.

Haben Sie echte Mitglieder des „Bling Ring“ getroffen?

Ich habe mit dem Jungen und mit einem der Mädchen gesprochen. Natürlich haben sie das Gesetz gebrochen. Aber ich kann auch nachvollziehen, wie sehr sie von den Wertvorstellungen geprägt wurden, die unsere Gesellschaft heute hochhält. Der Junge hat mir eine Nachricht gesendet, nachdem er den Film gesehen hat. Er meinte, er sei sehr akkurat.

Was für eine Gegend ist Calabasas, in der der Ring angesiedelt war?

Es ist ein Vorort von Los Angeles, im Tal jenseits der Hollywood Hills. Einige Leute aus der Filmindustrie leben hier, aber sie machen nicht den Großteil der Bevölkerung aus, die vorwiegend aus Mittelklasse-Familien besteht. Berühmt ist das Viertel für die Kardashians. Die Kids des „Bling Ring“ gehörten zumeist der Mittelklasse an.

In Deutschland ist es schwer nachvollziehbar, dass die Stars ihre Villen und Nobelkarossen einfach offen stehen lassen, wenn Sie verreisen. Hatte es der „Bling Ring“ tatsächlich so einfach?

Alles, was Sie im Film sehen, basiert auf der wahren Geschichte.

Auch, dass in Paris Hiltons Haus Kissen mit ihrem eigenen Konterfei zu finden sind?

Wir durften in ihrem echten Haus drehen und diese Dinge waren wirklich dort. Ich wollte den Film so authentisch wie möglich machen.

Bestand die Gefahr, dass Sie die Taten der Jugendlichen glorifizieren oder zur Nachahmung anregen?

Ich habe mich bemüht, so verantwortungsvoll wie möglich mit dem Stoff umzugehen. Die Täter landen am Ende hinter Gittern. Sie haben ihr Leben durch ihre Taten ruiniert. Ich glaube nicht, dass das eine Verherrlichung ist.

Wie konnte es geschehen, dass diese Kids jeden Bezug zur Realität verloren haben?

Sie waren sehr jung. Mit sechzehn verrennt man sich viel leichter in eine Sache, als man es als Erwachsener tun würde. Sie haben nicht rational gedacht. Sie haben sich so sehr auf diese Glitzerwelt fokussiert, während ihnen zu Hause der Rückhalt gefehlt hat.

Haben Sie den Film Ihrem Vater gezeigt, um seine Meinung einzuholen?

Ich habe ihm einen Rohschnitt vorgeführt und er hat seine Meinung dazu geäußert. Ich habe aber nichts verändert. (lacht)

Bisher haben Sie ausschließlich eigene Drehbücher verfilmt. Können Sie sich vorstellen, auch fremde Geschichten zu inszenieren?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich trenne diese Dinge nicht. Einen Film zu machen bedeutet für mich, an all seinen Entstehungsphasen beteiligt zu sein. Deshalb stellt sich mir diese Frage nicht.

Warum arbeiten Sie nicht mehr als Schauspielerin, wie seinerzeit in „Der Pate III“?

Ich habe die Schauspielerei nie wirklich gemocht und ich wollte diesen Weg nie einschlagen. Ich habe es gemacht, weil mein Vater mich darum gebeten hat. Diese Erfahrungen haben mein Interesse nicht geweckt, ich habe mich immer hinter der Kamera gesehen. Damals war ich in einem Alter, in dem ich verschiedene Dinge ausprobieren wollte. Es war eine ganz andere Zeit, es gab kaum Klatschzeitschriften und kein Internet. Alles war viel unschuldiger.

Welche Rolle spielt das Internet in der Geschichte vom „Bling Ring“?

Der Abstand zwischen diesen Jugendlichen und den Stars, denen sie nacheifern, hat sich verringert. Die sozialen Netzwerke vermitteln den Kids den Eindruck, den Stars näher zu sein. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum Betreten ihrer Häuser. Schließlich hat man das Gefühl, die Prominenten persönlich zu kennen. Ich bin neugierig, wie das alles weitergeht. An irgendeinem Punkt muss eine Reaktion erfolgen, wie immer sie auch aussehen mag.

Wussten Sie von Anfang an, dass Ihr Kameramann Harris Savides sehr krank war?

Ja, das wusste ich. Vielleicht habe ich ein wenig verdrängt, wie ernst es war. Ich wusste nicht, dass er sterben würde. Es wurde sein letzter Film. Er musste die Arbeit abbrechen und Chris Blauvelt ist für ihn eingesprungen. Kurz nach dem Ende der Dreharbeiten ist Harris dann gestorben. Es war eine sehr traurige Zeit für mich. Ich habe ihn sehr gemocht und immer gehofft, dass sich sein Zustand verbessern würde.

Haben Sie in Ihrer Kindheit je etwas gestohlen?

Nein, das habe ich nicht. Ich wünschte, ich könnte Ihnen eine spannende Geschichte erzählen. Bestimmt habe ich mal eine Kleinigkeit eingesteckt, aber nichts Signifikantes.

 

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