Ein Gespräch mit Hauptdarsteller Christian Clavier:

"Vielleicht kann man eine gute Komödie nur mit Groll im Bauch schreiben"

Egal, ob er Asterix oder Napoleon Bonaparte verkörpert, der charismatische französische Schauspieler Christian Clavier liefert stets eine überzeugende Leistung ab, die im Gedächtnis haften bleibt.

In der Komödie "Nur eine Stunde Ruhe!" spielt Clavier den Jazz-Liebhaber Michel Leproux.
Jens Kalaende In der Komödie "Nur eine Stunde Ruhe!" spielt Clavier den Jazz-Liebhaber Michel Leproux.

Monsieur Clavier, kam der große Erfolg von „Monsieur Claude“ für Sie überraschend?

Ja, das war eine große Überraschung. Ich wusste, dass wir einen guten Film gemacht hatten, der sympathisch und sehr lustig ist. Er richtet sich an verschiedene Generationen und würde gewiss funktionieren. Aber dann hat sich der Film zu einem Phänomen ausgewachsen, das hätte ich nicht gedacht. Das Thema der kulturübergreifenden Paarbeziehungen ist offensichtlich sehr wichtig für diese Generation. Wir nehmen dieses Thema unter die Lupe, indem wir darüber lachen. Das macht die Sache natürlich leichter, als sie sich häufig in der Realität gestaltet. Wenn das Kind einen Angehörigen eines fremden Kulturkreises mit nach Hause bringt und ihn als zukünftigen Ehepartner vorstellt, ist das noch keine Normalität. Man tastet sich gegenseitig heran und versucht, so höflich wie möglich miteinander umzugehen. Diese Situation in einem Film zu erforschen, war äußerst interessant.

Was mochten Sie nun an „Nur eine Stunde Ruhe!“?     

Der Film war sehr gut geschrieben und unheimlich komisch. Der sehr junge Autor Florian Zeller wirft einen pessimistischen Blick auf die Menschen. Er hat eine Bitterkeit und Grausamkeit. Diese Dinge verpackt er in äußerst lustige Dialoge. Vielleicht kann man eine gute Komödie nur mit Groll im Bauch schreiben. Man lernt diesen Mann kennen, der sehr egozentrisch ist und überhaupt einen schlechten Charakter hat. Und dann verliert er alles, seine Frau, seinen Sohn, seine Freunde. Dabei wünscht er sich nur eine Stunde Zeit, um sich diese verfluchte Schallplatte anzuhören. Eine sehr kleine Ursache zeitigt eine enorme Wirkung. Ein schrecklicher Mechanismus setzt sich in Bewegung, eine schlimme Situation folgt der nächsten. Das war sehr witzig. Sein Leben explodiert und am Ende er findet heraus, dass er etwas ändern muss.

Besuchen Sie selbst Flohmärkte? Und falls ja, welche Entdeckung wäre für Sie ein echter Schatz?

Keine Jazz-Platte wie die im Film. Jazz ist nicht so mein Ding. Aber eine Schallplatte könnte es schon sein, etwa eine der ersten Scheiben der „Bee Gees“. Als ich zum ersten Mal nach England kam, war ich 13 Jahre alt. Es liegt also ein halbes Jahrhundert zurück, aber vielleicht würden das Gefühl und der Geruch jener Zeit mit dieser Musik zurückkommen. Ich mag alles, was Geschichte hat. Die Vergangenheit fasziniert mich über alle Maßen. Gestern bin ich durch Berlin spaziert, habe mir das Brandenburger Tor angeschaut und bin „Unter den Linden“ gewandert. Das löst Emotionen aus, wenn man in historischen Dimensionen denkt und fühlt. Viele Leute vor mir haben das gesehen und es werden noch viele nach mir tun. Auf einem Flohmarkt findet man vielleicht eine Platte, die sich vorher ein Anderer angehört hat. Wenn man sie nun selbst hört, ist das wie eine generationenüberspannende Unterhaltung. Wir haben alles geerbt, das Gute und das Schlechte. Wenn man ein wenig Nostalgie zulässt, kann einem das in der Gegenwart behilflich sein.

Sie Sie tatsächlich ein nostalgischer Mensch?   

Oh ja. Nicht in dem Sinne, dass ich mich dem technischen Fortschritt verwehren würde. Da bin ich immer auf dem Laufenden. Aber bei einem Oldtimer geht mir das Herz auf, wie wahrscheinlich den meisten Menschen. Ich bin nostalgisch, was Erinnerungen betrifft.

Was würden Sie mit einer Stunde Freizeit anfangen?

Ich würde ein Buch lesen.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass auch Ihr Leben immer schneller voranschreitet oder nehmen Sie sich die Zeit für die Dinge, die Ihnen wirklich wichtig sind?   

Ich versuche, mir diese Zeit zu nehmen. Aber nie mit Erfolg. Sie haben Recht, das Leben wird nicht länger. Ich hätte allen Grund, um kürzer zu treten. Aber momentan gelingt mir das nicht. Ich bin nur am Arbeiten. Tatsächlich wird das Leben ja nicht immer schneller. Wir haben nur den Eindruck, dass es so ist. Die Ursache dafür ist in den Medien zu suchen. Eine Nachricht wechselt die nächste immer schneller ab. An einem Tag stürzt ein Flugzeug ab, am nächsten explodiert schon wieder irgendwo eine Bombe. Wie in der Trommel einer Waschmaschine werden wir permanent durchgeschüttelt. Das ist sehr unangenehm.

Welchen Einfluss hatte Louis De Funès auf Ihre Arbeit?                    

Er war sehr wichtig für mich. Ich habe ihn zum ersten Mal gesehen, als ich noch sehr jung war, sechs oder sieben. Er hat mich zum Lachen gebracht, obwohl er einen ziemlich miesen Typen verkörpert hat. Das hat mich beeindruckt. Auf der einen Seite liebte ich ihn. Aber seine Charaktere waren böse Menschen, schlecht gelaunt und immer zornig. Und unglaublich witzig. Genügt das als Antwort?

Warum haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt nach London verlegt?

In London werden 200 verschiedene Sprachen gesprochen. Die Stadt ist eine Mixtur vieler verschiedener Kulturen, Menschen und Küchen. Hier finde ich, was ich in jungen Jahren in New York gefunden habe. London ist gewissermaßen das New York Europas. Es ist ein sehr schöner Platz zum Leben. Tatsächlich finde ich dort meine Ruhe, mein Leben läuft dort viel normaler ab. Das ist eine erfrischende Erfahrung, die mich wieder zum Schreiben inspiriert. Hier ist auch das Drehbuch zur Fortsetzung der „Zeitritter“ entstanden, das ich gemeinsam mit meinem Freund Jean-Marie Poiré geschrieben habe. Nächste Woche beginnt der Dreh. Ich habe endlich wieder den alten Geist und den Enthusiasmus wiedergefunden, den ich einmal hatte. Ich bin sehr glücklich.

Werden Sie in Frankreich sehr oft angesprochen?

Oh ja, nach vierzig Jahren des Erfolgs ist das so. In London benutze ich täglich die U-Bahn, mein Leben ist sehr einfach. Das ist gar nicht so übel. Wenn man als Person in der Öffentlichkeit steht, gewöhnt man sich schnell an viele Dinge. Man fährt zum Beispiel immer mit dem Auto in ein bestimmtes Restaurant. Das hat mir noch nie gefallen. Ich war immer sehr nah an den Menschen dran. Ich wollte nie da verkehren, wo all die Schauspieler verkehren. Ich bin in meiner Jugend sehr viel gereist. Ich bin Jahrgang 1952. Vermutlich ist meine Generation die erste, die aus purem Vergnügen auf Reisen gegangen ist und die Welt erkunden wollte. Sich dann in seinen Gewohnheiten gefangen wiederzufinden, nur weil man erfolgreich ist, wäre sehr schade.

Russland wäre keine Option für Sie gewesen? Ihr Kollege Gérard Depardieu ist dort Staatsbürger geworden.

Natürlich nicht, das werden Sie sich denken können. Aber ich glaube nicht, dass man Gérard Depardieu fair behandelt hat. Ich liebe diesen Kerl. Ich finde, dass er das französische Volk repräsentiert. Und er ist ein herausragender Schauspieler.

Bleiben Sie Frankreich trotzdem verbunden?

Aber ja. Ich bin ein typischer Franzose, ich repräsentiere mein Volk. Meine Herkunft ist mir stets sehr bewusst, ich liebe dieses Land und seine Menschen. Ich finde es sehr bedenklich, wenn der Nationalismus wieder aufflackert. Wir haben ein gemeinsames Europa aufgebaut, um solche Gedanken abzustreifen, die die Gedanken unserer Großeltern waren. Plötzlich scheint wieder etwas falsch daran zu sein, anderswo zu leben. Man wird nach den Gründen dafür gefragt: Was ist Dein Problem, wie denkst Du? Die Globalisierung mag Gefahren in sich bergen, aber sie eröffnet auch fantastische Möglichkeiten für jeden Einzelnen.

Ähneln sich der deutsche und der französische Humor?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dem deutschen Humor wirklich vertraut bin. Ich habe in Filmen wie „Napoleon“ oder „Les Misérables“ mit deutschen Kollegen gearbeitet. Dabei sind echte Freundschaften entstanden. Diese Schauspieler sind sehr talentiert. Es ist schön, dass wir nach den düsteren Kapiteln in der Vergangenheit heute wieder gemeinsam lachen können. Deutschland ist in Europa in vieler Hinsicht sehr erfolgreich und Berlin ist eine Stadt von immenser kultureller Bedeutung.

Würde es Sie langweilen, für einen zweiten Teil noch einmal in die Rolle des „Monsieur Claude“ zu schlüpfen?

Oh nein, gar nicht. Ich wäre glücklich. Der Regisseur und Autor Philippe de Chauveron hat mir „Monsieur Claude“ auf den Leib geschrieben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch eine Fortsetzung zu Papier bringen würde, die sehr interessant für mich ist. Nein, ich bin nie gelangweilt.

Sie haben zweimal den „Asterix“ gespielt. Warum sind Sie danach ausgestiegen?

Wenn Sie sich die letzten beiden Filme anschauen: Habe ich irgendetwas falsch gemacht? (lacht)

Die Fragen stellte André Wesche.
        

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