Buch-Kritik:

Vorlesungen eines großen Schwindlers

Vor seinem „Lolita“-Reichtum hielt sich Vladimir Nabokov auch mit „Vorlesungen über westeuropäische Literatur“ an US-Unis über Wasser. Die eigensinnigen Ansichten des Weltautors machen (neue) Lust auf die Klassiker.

Vladimir Nabokov.
UPI Vladimir Nabokov.

„Jeder große Schriftsteller ist ein großer Schwindler.“ So lautet einer der Kernsätze in den „Vorlesungen über westeuropäische Literatur“, mit denen die Gesammelten Werke des eigensinnigen Sprachvergolders Vladimir Nabokov (1899-1977) bereichert worden sind. Band 18 der verlegerischen Großtat ist kürzlich erschienen.

Noch so ein Nabokov-Satz: „Geboren wurde die Literatur an jenem Tag, an dem ein Junge mit dem Schrei ,Ein Wolf, ein Wolf' gelaufen kam und er keinen Wolf auf den Fersen hatte.“ Und noch einer: „Stil und Aufbau machen das Wesen eines Buches aus; große Ideen sind großer Quatsch.“ Der Sitz des ästhetischen Genusses befinde sich übrigens zwischen den Schulterblättern; ein sanfter Schauer dort sei die höchste Form von Gefühlsregung.

Nabokovs Hörsaal war immer voll

Es muss der pure Spaß gewesen sein, als Student der Universität Cornell dem kauzigen Mann mit dem harten Akzent gelauscht (und zugesehen) zu haben. Thomas Pynchon, Ikone der Postmoderne, soll seinerzeit als jung-pickliger Kerl dabei gewesen sein. Nabokovs Hörsaal war knackvoll, die theorieferne (Show)-Veranstaltung Kult. Absolute Aufmerksamkeit schien indes geboten, da man später mit Klausur-Anforderungen zu rechnen hatte wie: „Erörtern sie Flauberts Verwendung des Wortes ,und'! Immer galt: „Versuchen Sie zu denken.“ Und: „Ohne ärztliches Attest geht mir keiner auf die Toilette.“

Vladimir Nabokov, der zweimal in die Verbannung getrieben worden war - durch den Bolschewismus aus Russland, durch Hitler aus Europa –, hielt seine Kleinfamilie nach dem Anlanden in den Vereinigten Staaten 1940 mit literarischen Vorträgen über Wasser. Als der geniale Prosa-Autor zu Weltruhm und Reichtum durch den Roman „Lolita“ gekommen war, der 1958 endlich auch in den prüden USA erscheinen durfte, gab er den Broterwerb mittels Dozenturen und Professuren umgehend auf.

Schmetterlinge waren seine zweite Leidenschaft

Sein analytisches Querulantentum ging von diesem Grundsatz aus: Wer die „sonnigen Kleinigkeiten“ und inspirierten Details in Schönheit und Funktion nicht erfasst, dem wird das Buch auf immer verschlossen bleiben. Der Student, der nicht die Fassade von Doktor Jekylls Haus zu rekonstruieren vermöge, komme nie in den vollen Genuss von Stevensons Erzählung. Ähnlich akribisch, wie sich Nabokov mit der Erforschung von Schmetterlingen - seiner zweiten großen Leidenschaft – beschäftigte (etwa mit den Feinstrukturen derer Geschlechtsorgane), nahm er sich einiger Werke europäischer Meister an.

Eingeschmuggelte Ironie bei Jane Austens „Mansfield Park“ (1814) nannte er „besondere Grübchen“. Obgleich er „gegen alle Schriftstellerinnen voreingenommen“ war, musste Nabokov einsehen: Es gebe schlechtere Lehrer als die Austen. Charles Dickens, in dessen „Bleakhaus“ (1852/53) er sich aalte, fand er als Zauberkünstler ergiebiger denn als Geschichtenerzähler. Er lobte Wortspiele und -effekte, Tricks, Alliterationen - all die bösen, von konventioneller Literaturwissenschaft verpönten Dinge. Gustave Flauberts „Madame Bovary“ (1856) sei zum Glück „langlebiger als eine Frau“. „Der sonderbare Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1885) von Robert Louis Stevenson „verströmt ein herrliches Weinaroma“. Allerdings sei die viktorianische Verschwiegenheit in sexuellen Angelegenheiten zu tadeln. Die Bildlichkeit in Marcel Prousts „In Swanns Welt“ (1913) aus dem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ könne nur oberflächliche Leser langweilen. Man bemerke den „violetten Ton“, der den Text durchwirke. Kafkas „Verwandlung“ (1915) und „Ulysses“ (1922) von James Joyce sind zwei weitere Zentralwerke, die Vladimir Nabokov säuberlich zerlegte.

Die Welt komplett neu erschaffen

Romane sind laut Nabokov allein um ihrer Kunst willen zu lesen. Zumal ein perfekter Autor die Welt ohnehin nicht abbilde, sondern eine komplett neue erschaffe. Jede Beere, die darin reife, sei unbekannt und müsse auf ihre Essbarkeit überprüft werden. „Literatur handelt nicht von etwas: Sie ist dieses Etwas selbst.“ Bloß kein Identifizieren mit den Romanfiguren!

Wer sich strikt an seine Anweisungen hält, hat – so Vladimir Nabokov – das Zeug zu einem guten Leser. Der beste Leser sei indes der Wiederleser. Die Lektüre der Nabokov-Vorlesungen mit ihrem hohen O-Ton-Anteil machen trotz/wegen ihrer abenteuerlichen Ansätze jedenfalls Lust, sich den einen oder anderen Klassiker (wieder einmal) vorzunehmen. Unterrichtsziel erreicht!

Vladimir Nabokov: Vorlesungen über westeuropäische Literatur. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2014. 781 Seiten. 38 Euro. ISBN 978 – 3 - 498 – 04656 – 9.

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