Legende um eine versunkene Stadt:

Was man von Vineta nicht weiß

Viele haben sie gesucht, gefunden wurde im Grunde nichts. Um so größer sind die Legenden, die sich um die reiche, versunkenen Stadt ranken. Über den Stand der Dinge informiert nun ein Buch.

Irgendwann vor etwa tausend Jahren soll die Stadt im Meer versunken sein. Was aus geologischer Sicht her unmöglich ist.
Mathias Gründling Irgendwann vor etwa tausend Jahren soll die Stadt im Meer versunken sein. Was aus geologischer Sicht her unmöglich ist.

Wie viele Sonntagskinder schon auf dem Streckelsberg bei Koserow gestanden und aufs Meer geblickt haben, in der Hoffnung, die versunkene Stadt Vineta aufsteigen zu sehen, wie die Sage es verspricht – man weiß es nicht. Den wenigsten dürfte das gelungen sein. Und wenn doch, dann haben sie es für sich behalten. In den vergangenen Wochen ist Martina Krüger immer wieder Menschen begegnet, die als Kinder auf dem höchsten Berg der Insel Usedom gestanden haben. Sie hat nämlich ein Buch über Vineta geschrieben, in dem fast alles steht, was es über die legendäre Stadt zu sagen gibt. Unter anderem auch, warum sie bei Koserow vermutet wird. Oder bei Barth, Peenemünde, Wollin, Menzlin oder der Stadt Usedom.

Fast alle diese Orte könnten Vineta gewesen sein, wenn man die geografischen Angaben der mittelalterlichen Chronisten großzügig auslegt: Die Stadt lag an der Odermündung, war von drei verschiedenen Gewässern umgeben und nach kurzer Ruderfahrt ist von dort die Stadt Demmin zu erreichen. Nur leider ist nicht klar, welche Gewässer gemeint waren und auch nicht, wie lang eine kurze Ruderfahrt dauerte. Und selbst gesehen hat die Stadt auch keiner der Chronisten. Warum also nicht Koserow? Die Odermündung ist nicht weit, es gibt die Ostsee, den Peenestrom und das Achterwasser. Auch nach Demmin käme man mit dem Ruderboot auch–- früher oder später. Aber das war es dann auch schon.

„Koserow gehört den Sonntagskindern“, sagt Fred Ruchhöft von der Abteilung Landesarchäologie im Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Er hat Martina Krüger beraten. Bei der ersten öffentlichen Präsentation des Buches war er dabei und hat dem Mythos Vineta reichlich Luft abgelassen. Zwar habe es vor tausend Jahren Städte an der südlichen Ostseeküste gegeben, die verhältnismäßig groß und reich waren. Aber das wären Orte mit vielleicht ein- bis zweitausend Einwohnern gewesen, die in Holzhäusern gewohnt hätten, die mit Stroh gedeckt waren, statt mit Gold, wie es in der Sage heißt.„Die damaligen Kölner hätten darüber nur gelacht.“ Die Stadt am Rhein hatte schon damals mehrere Tausend Einwohner, Hamburg allerdings noch nicht einmal 900.

Experte hält Barth nicht für Vineta-Standort

Auch dem Vineta-Standort Barth erteilte Ruchhöft eine klare Absage, auch wenn diese Theorie in den vergangenen Jahren immer wieder verhandelt wurde und es in der Stadt am Bodden sogar ein Vineta-Museum hat. Für den Wissenschaftler ist jedoch klar: „In den vergangenen 10  000 Jahren ist die Oder nicht bei Barth in die Ostsee gemündet.“ Die gesuchte Stadt hätte laut Buch auch bei Menzlin an der Peene liegen können, da dort Slawen und Wikinger friedlich zusammenlebten, wie es auch in Vineta der Fall gewesen sein soll. Aber die Blütezeit von Menzlin war etwas früher. Usedom käme auch in Frage, weil die Stadt zu jener Zeit eine wesentlich größere Bedeutung hatte als heute, ebenso wie Demmin. Vielversprechende Hinweise gebe es jedoch bisher vor allem bei der Stadt Wollin auf der gleichnamigen Schwesterinsel von Usedom.

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde bei Wollin bereits von deutschen Wissenschaftlern gegraben, danach von polnischen. Gefunden wurde dabei allerhand, unter anderem ein sogenannter Sonnenkompass, der den Wikingern bei ihren Atlantikfahrten hilfreiche Dienste geleistet haben könnte. Aber ein Ortseingangschild, auf dem Vineta steht, war nicht dabei. Wobei der Name selbst auch erst Jahrhunderte später durch einen Schreibfehler entstanden sein könnte, wie es in dem Buch heißt. Und auch, dass eine ganze Stadt in der Ostsee versinken sein könnte, sei unwahrscheinlich. Die geologischen Gegebenheiten gäben das nicht her, hieß es bei der Präsentation. Genau genommen gebe es aus Sicht der Archäologie nichts, was mit einer Stadt namens Vineta in Verbindung gebracht werden könnte, stellte Ruchhöft klar. Allerdings lägen in Stettiner Magazinen noch viele Fundstücke aus Wollin, die noch nicht ausgewertet seien.

Ganz gleich, was dabei herauskommen wird, gänzlich zerstört wird die Legende von der reichen Stadt, die wegen des Hochmutes ihrer Bewohner im Meer versank, wohl nie werden. Dafür hat sie schon zu viele Spuren in Büchern, Liedern und Theaterstücken hinterlassen, wie in dem Buch ebenfalls belegt ist. Und wie Martina Krüger bei ihren Lesungen feststellen konnte, spinnt sich die Sage inzwischen von alleine weiter. Ob es denn tatsächlich wahr sei, dass die Bürgermeister von Koserow und Zinnowitz – wo seit 20  Jahren die Vineta-Festspiele laufen – wutentbrannt nach Barth gefahren wären, um ihren Amtskollegen handgreiflich zur Ordnung zu rufen, als der den Titel „Vineta-Stadt“ beantragte, wurde sie bereits gefragt. Und die Antwort darauf ist die gleiche, wie auf fast alle Fragen, die mit Vineta zu tun haben: Man weiß es nicht. 

 

Martina Krüger: Vineta –Trugbilder, 129 Seiten, 28 Fotos und Zeichnungen, zwei Karten (historisch und aktuell), 19.90 Euro

Herausgeber: Vorpommersche Landesbühne Anklam, Vertrieb: Nordlicht Verlag

ISBN: 978-3-00-053241-2

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