Wartezimmer statt Orchestersaal:

Wenn die Liebe zur Musik krank macht

Für Besucher ist es ein wahrer Hörgenuss, für Musiker oft harte Arbeit. Wenn sich Konzertgänger entspannt auf ihrem Sitz zurücklehnen, haben die Orchestermusiker oft enorme Belastungen hinter sich.

Dem Horn einen Ton zu entlocken, erfordert höchste Konzentration von Musiker Johannes Gnau.
Gesine Prägert Dem Horn einen Ton zu entlocken, erfordert höchste Konzentration von Musiker Johannes Gnau.

Der erste Schlag traf sie bereits im Studium, erinnert sich Michaela Kieck. Damals, sie war Mitte 20, spürte sie ein heftiges Ziehen im rechten Unterarm. Vier bis sechs Stunden hatte die Musikerin der Neubrandenburger Philarmonie bis dahin täglich auf ihrer Geige geübt. Die Diagnose des Arztes war eindeutig: Sehnenscheidenentzündung. Die Folge: sechs Wochen komplettes Spielverbot.

„Ich hatte das Gefühl gehabt, immer mehr leisten zu müssen. Irgendwann ging gar nichts mehr“, sagt die heute 46-Jährige. Stundenlanges Proben, dazu immer in der gleichen Haltung. Schiefstellungen sind da programmiert. Michaela Kieck konnte nach ihrer Pause wieder spielen. „Doch man hat Angst, dass die Schmerzen wiederkommen. Man lauert fast schon drauf. Das ist auch eine Kopfsache.“ Mit ihrem Problem ist die Violinistin nicht allein.

Der Hornist trägt regelmäßig eine Spange

Musikerärztin Anke Steinmetz weiß um die Sorgen von Berufsmusikern. Seit sieben Jahren bietet sie spezielle Sprechstunden am Institut für Musikermedizin Berlin-Brandenburg an. Auch Michaela Kieck war bei ihr in Behandlung. „Professionell Musik zu machen ist vergleichbar mit Hochleistungssport“, sagt Anke Steinmetz, „Musiker kommen häufig in die Grenzbereiche der körperlichen Leistungsfähigkeit.“ Beispielsweise galten viele Werke, die heute von einem Musikstudenten erwartet würden, zu ihrer Entstehung als unspielbar, so die Ärztin.

Die Grenzen seines Körpers hat auch Johannes Gnau schon gespürt. Der 50-Jährige ist Solohornist in der Neubrandenburger Philarmonie. Während die Schmerzen bei Streichern vor allem im Hals-Nacken- und Lendenwirbelbereich auftreten, wird bei Gnau noch ein ganz anderer Muskel belastet. „Das Horn hat einen sehr kleinen Durchmesser beim Mundstück. Um einen Ton zu erzeugen, werden die Lippen extrem beansprucht.“

Sechs Stunden am Stück zu üben sei für Hornisten deshalb nicht denkbar. „Man muss Pausen machen, sonst wird der Muskel nicht mehr durchblutet und versteift.“ Auch Gnau musste für ein Vierteljahr eine Zwangspause einlegen. Die Schneidezähne hatten sich übereinander geschoben – ein laut Ärztin Steinmetz bekanntes Symptom bei Bläsern. Gnau ließ seinen Kiefer regulieren und muss noch heute alle zwei Nächte eine Spange tragen.

Im Orchestergraben wird’s bis zu 100 Dezibel laut

Auch Michaela Kieck musste sich in ihrer fast 39-jährigen Spielzeit noch mit einigen Leiden herumplagen. „Mit der Zeit wächst man um sein Instrument herum“, sagt sie und lacht. Doch man lerne auch, bewusster auf seinen Körper zu hören und nicht erst Hilfe aufzusuchen, wenn gar nichts mehr geht.

Die Möglichkeiten seien heutzutage viel besser, weiß Kollegin Carla Prestin-Koch, ebenfalls Violinistin in der Philarmonie. Sie hat sich in ihrer Diplomarbeit mit dem Thema Musikerkrankheiten beschäftigt. „Heutzutage gibt es viele Fachleute in Deutschland, die sich speziell mit diesen Problemen beschäftigen. Dort wird gemeinsam mit Musiker und Instrument geschaut, wo die Ursachen liegen und was verändert werden kann.“ Auch werde das Bewusstsein für die Probleme schon in der Musikschule und Musikhochschule geschärft.

Muskuläre Probleme sind die eine Seite. Ein anderes, vielleicht das wichtigste Gut, das Musiker haben, steht auf der anderen und muss geschützt werden: ihr Gehör. Denn zwischen Tuba und Piccolo werden im Orchestergraben schnell auch mal bis zu 100 Dezibel erreicht – vergleichbar mit einem Presslufthammer.

"Jetzt möchte ich einfach nur Stille"

Deshalb bieten viele Arbeitgeber ihren Musikern vorbeugenden Schutz durch Plexiglas-Wände und einen kostenlosen Gehörschutz. Den benutzen viele Musiker jedoch nur im absoluten Notfall. „Mit dem Gehörschutz im Ohr habe ich das Gefühl, unter einer Glasglocke zu sitzen. Man nimmt das eigene und die Instrumente der anderen ganz anders wahr. Auch emotional ist man dadurch unbeteiligt“, sagt Michaela Kieck.

Also wird die Lautstärke ertragen. Johannes Gnau hat deshalb oft nur einen Wunsch, wenn er nach der Arbeit mit dem Auto nach Hause fährt. „Eigentlich habe ich beim Fahren sehr gerne klassische Musik gehört. Aber jetzt möchte ich einfach nur Stille.“

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