Das letzte Mal "Wetten, dass...?":

Wette verloren ...

Mit der 215. Ausgabe des ZDF-Showklassikers geht diesen Samstag eine Ära der  Fernsehunterhaltung zu Ende. Ein kritischer Rückblick auf fast 34 Jahre TV-Geschichte.

Drei Generationen "Wetten, dass..?": Frank Elstner, Thomas Gottschalk und Wolfgang Lippert (von links).
Kay Nietfeld Drei Generationen "Wetten, dass..?": Frank Elstner, Thomas Gottschalk und Wolfgang Lippert (von links).

Egal, wer was über diese Show sagt, allein, dass er etwas sagt, zeigt die besondere Bedeutung von „Wetten, dass..?“ für die Entwicklung des Fernsehens in Deutschland. Vor allem aber für die Samstagabendunterhaltung. Sie stellt eben doch etwas ganz Besonderes dar – auch und gerade in Zeiten von Internet und Hunderten von Fernsehprogrammen. Denn am ersten Tag des Wochenendes ist bei einem Großteil der Nation nach wie vor spätestens um 20 Uhr die Arbeit getan, man weilt mit der Familie, dem Partner oder einfach zur Entspannung auch allein zu Hause. Abschalten, Zerstreuung, Unterhaltung, Spiel, Spaß, Stars. Nicht mehr. Nicht weniger.

In dieser Geborgenheit, das manche das televisionäre Lagerfeuer nennen, konnte die Idee von Frank Elstner gedeihen. Dabei rechneten Kritiker diesem Konzept aus Wetten, ein bisschen Blabla auf dem Sofa und kleinen Show- und Musikeinlagen keine großen Chancen aus. Als Elstner gleich in seiner ersten Sendung am
14. Februar 1981 mit 43 Minuten den Überziehungsrekord aufstellt, weil er langwierig überhaupt erst einmal die Show erklären muss, scheint alles nur ein kurzer Testballon zu werden. Weit gefehlt. Dieses neue „Wetten, dass..?“ lieferte am Sonntag und noch am Montag danach in den bundesdeutschen Büros, Werkstätten und an der Supermarktkasse Gesprächsstoff ohne Ende. Und so blieb es über Jahrzehnte.

Wieso die simple Showidee so sehr begeistert

Dieser unglaubliche Flachsinn – bei näherer Betrachtung ist es nicht mehr – begeisterte. Die Zuschauer bogen sich vor Lachen, als am 8. Dezember 2007 ein Mann seine Kühe am Schmatzgeräusch erkannte. Das Publikum staunte, als es einem Kandidaten am 21. Februar 1987 gelang, während der Fahrt einen Autoreifen zu wechseln. Ihm stockte der Atem, als am 23. März 1997 ein Teilnehmer mit seinem 15 Tonnen schweren Bagger auf einen 15 Meter hohen Turm kletterte. Millionen Menschen schauten anderen zu, die etwas besonders gut konnten – allerdings etwas, das kein Mensch benötigte. „Wetten, dass..?“ war ein Vorläufer und damit ein Trendgeber der vielen, bis zur Ohnmacht aufkommenden Casting- und Quiz-Formate, bei denen völlig unbekannte Menschen wie du und ich vor die Kameras treten und fünf oder zehn Minuten Ruhm bekommen.

Der Zuschauer wird zum Akteur vor der Kamera

Plötzlich musste sich der Zuschauer nicht mehr nur damit begnügen, was ihm irgendwelche Programmchefs vorsetzten. Nein, sie durften mitgestalten. Sie waren die Akteure und nicht mehr prominente, abgehobene, unnahbare TV-Nasen. Fernsehen mit Publikumsbeteiligung. Mehr geht nicht.

Dieser Gedanke lässt sich natürlich nicht patentieren. Er ist nicht exklusiv. Deshalb folgten über die Jahre alle anderen diesem genialen Frank Elstner, ob sie nun Stefan Raab hießen oder Joko und Klaas oder Günther Jauch oder Jörg Pilawa oder, oder, oder. Vom ZDF ging’s in die ARD, zu RTL, zu Sat.1, zu ProSieben und eben auch ins Internet, wo Youtube Filmchen mit Kuriositäten bietet, die es in den Anfangsjahren von „Wetten, dass..?“ eben nur im Fernsehen gab. Durch die Perfektionierung und Inflation hat sich das TV selbst kaputt gemacht. Dennoch bleibt es ein Gemeinschaftserlebnis. Nur wenige sitzen um einen Computer oder Laptop und schauen sich in der Gruppe Filmschnipsel an.

Das ZDF-Flaggschiff mit Zuschauerzahlen von 15, 20 Millionen und mehr war eben nie nur eine Show. Es hing immer auch am Moderator. Er entschied darüber, wie gut die Überleitungen gelangen, wie unterhaltsam Pannen und Sendelöcher überbrückt wurden, wie knackig die Interviews gerieten, wie pfiffig die spontanen Sprüche während der Wetten ausfielen.

Wer Thomas Gottschalk nur einmal live erlebt hat, ihn moderieren sah (am besten „Wetten, dass..?“ selbst), seine Routine miterlebte, der weiß, dass es keinen Besseren für diese Monster-Sendung mit den spektakulärsten Wetten, den berühmtesten (Hollywood-)Stars, den größten Hallen dieser Republik und der längsten Sendezeit geben konnte. Nicht einmal Erfinder Frank Elstner schaffte dies. Wolfgang Lippert (neun Ausgaben) wollte witzig sein, wirkte aber nach fünf Jahren Gottschalk nur aufgesetzt.

Für Markus Lanz war dieser Fernsehzirkus nicht nur eine, sondern mindestens fünf Nummern zu groß. Er wirkte mit seinen oft unbedachten Aussagen, seinen Karteikärtchen, seinen dümmlichen Fragen und seiner Unterwürfigkeit Promis gegenüber verloren in dieser großen orange-braun-grauen Kulisse.

884 Mal ging jede Wette glatt. Dann kam die 885. Mit dem grauenvollen Unfall von Samuel Koch (siehe rechts) verlor die ZDF-Sendung ihre Unschuld. Die Mainzelmänner entschieden sich für weniger Wagnis, die risikolose Langeweile. Künftig lag das Hauptaugenmerk noch mehr auf dem Moderator, auf Markus Lanz. Nur der Moderator hätte dieses einzigartige Konzept am Laufen halten können, weil es das andere zuhauf in Mediatheken, Apps, auf Youtube gibt. Er hätte das Besondere, das Andersartige, das Unterhaltsame, das Exzentrische, das Kühne, das Kindische – kurz: das Alleinstellungsmerkmal – bewahren müssen.

Lanz zerbrach unter diesem Druck. Der Glamour, der Glanz, die Größe von „Wetten, dass..?“ verblassten mehr und mehr. Sonntags, geschweige denn montags im Büro war die Show kaum mehr ein Thema. Man konnte sie sehen. Von müssen war schon lange keine Rede mehr. Die Zeiten, in denen Madonna ihr Comeback und Take That ihren Abschied in dieser Sendung feierten – lange vorbei. Wer nicht einschaltete, hatte schon lange nicht mehr dieses Ich-habe-etwas-verpasst-Gefühl. Weniger TV-Größen zu Gast, weniger Witz, weniger Esprit, weniger Verve, weniger Schmackes. Und zuletzt weniger Einschaltquoten, die aber für heutige Verhältnisse noch immer höher lagen als bei anderen Shows.

Fehler, die nach Kochs Unfall gemacht wurden

In Zeiten Hunderter Kanäle und unzähliger Internet-Angebote gibt es dennoch ein Bedürfnis nach Gemeinschaft und verbindenden Themen. Die Quotenkrise diverser Showformate scheint auf dem ständigen Wiederaufbereiten sattsam bekannter Erfolgsmuster und fehlender Innovationen zu basieren. Denn nicht einmal das Spartenprogramm hat Innovationen gebracht. Noch immer führt der „Musikantenstadl“ beim Volksmusikliebhaber und der Quizfan mag „Wer wird Millionär?“. Wo sind die grandiosen Formate?

Das ZDF hat mit „Wetten, dass..?“ nach dem tragischen Moment mit Samuel Koch den Fehler begangen, keinen schlagkräftigen Moderator zu benennen. Oder die Programmchefs hätten den Mumm haben müssen, die Sendung einzustellen und ein bombastisches neues Format nachzulegen. Aber wie auch? Formidable Nachwuchsmoderatoren fehlen genauso wie brillante Showentwickler. Also ließ man den Klassiker viel zu lange ausbluten. Es war eine jahrelange Abschiedstour, weil man glaubte, das Ruder herumreißen zu können. Bei Ausgaben von mehr als zwei Millionen Euro pro Ausgabe sollte das doch gelingen. Den Programmverantwortlichen gelang es nicht und sie raubten einer der größten Sendungen des deutschen Fernsehens, die fast 34 Jahre wie die Mainzelmännchen zum Zweiten gehörte, jedwede Würde. Diesen Samstag wird sie nun zu Grabe getragen. Wenn es auch nicht das Ende der Ära der Fernsehunterhaltung ist, so ist es immerhin eine Ära, die endet. Eine sehr große.

Wetten, dass?

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