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Wie der Paul zum Auster wurde

Mit seinem „Bericht aus dem Inneren“ legt der US-Schriftsteller Paul Auster ein weiteres autobiografisches Buch vor. Seiner „Autorwerdung“ auf diese Weise nachzuspüren erweist sich allerdings als eine Crux.

US-Schriftsteller Paul Auster
Soeren Stache US-Schriftsteller Paul Auster.

Zugezogene sind nicht selten die größten Lokalpatrioten. Paul Auster, der New York einen Erfolgsroman nach dem anderem widmet, wuchs im eher kleinstädtischen Newark auf. Eine Dreiviertelzugstunde entfernt vom „Mittelpunkt der Welt“, wie er NYC in seinem „Bericht aus dem Inneren“ - nach dem „Winterjournal“ das zweite autobiografische Buch in Folge - nennt.

Dass der Millionen-Seller, mittlerweile 67 Jahre alt, bislang viel Eigenleben ins fiktionale Werk fließen ließ, ist der weltweiten Fan-Gemeinde bekannt. Dass er sich nun, seinen Ursprüngen auf der Spur, streng dem Faktischen verschreibt, erweist sich allerdings als eine Crux. Einer, der ansonsten gern und mit Gewinn aus dem american Realo-Erzählen ausschert, will sich partout durch nichts als die Wahrheit bewusst werden, wie der Paul zum Auster wurde.
Zunächst als Newarker Kind, dem die Erde eine Scheibe war, der Kühlergrill voller Zähne, die Comic-TV-Figur ein schwarz-weißer Nachbar. Autor Auster kommt, sich fremd stellend, mit einem Paul-Du ins Gespräch, seinem Selbst als kleiner Junge. Mittelschicht, guter Sportler, zwei linke Hände, frühreife Leseratte, Außenseiter-Neigung. Nichts Verwunderliches also. Früheste Lyrik: „Frühling ist hier/Jetzt jubeln wir!“ Der Knabe wollte gut und redlich sein, was in Grenzen gelang.

Zu wenig Tiefe

Es ankedotet erfreulich unchronologisch. Und hätte tatsächlich packend werden können: Als Auster, der jüdische Wurzeln hat, das Gefühl gegeben wurde: Solche wie dich wollen wir hier nicht. - Da brach für den Jungen, bis dahin ein richtiger kleiner Ami, Heimat in Stücke. Nach seinem damaligen Verständnis hätte das Thema Antisemitismus mit Besiegen der deutschen Nazis beendet sein sollen. Doch im Nachkriegsamerika gab es für Juden sogar noch Zulassungsquoten an Colleges. Der Vater hatte wenige Jahrzehnte zuvor für den berühmten Thomas Edison gearbeitet, nach wenigen Tagen schickte ihn der „Welterleuchter“ weg. Warum wohl!

Es ist ein Versäumnis des Erinnerungsbuches, hier Tiefen nicht auszuloten. Auch als es um die verpfuschte Ehe der Eltern und die dem Wahnsinn verfallende Schwester geht, verharrt Auster im Vagen und kümmert sich stattdessen mit leichter Hand um Episoden, darunter Banalitäten, die das späte Mühen um Daten-Genauigkeit nicht verdienen.

Teil drei sagt am meisten aus

Im zweiten Teil des Bandes gibt Paul Auster, der auch als Drehbuchautor anerkannt ist, einen bisweilen minuziösen Nachbericht zweier Filme, die für ihn als Heranwachsenden „kinematographische Erdbeben“ waren: „Die unglaubliche Geschichte des Mister C.“ und „Jagd auf James A“. Teil drei ist eine Zusammenstellung von Passagen und Exzerpten aus Briefen, die er in den 1960ern als Student und hart Sinnsuchender seiner späteren Ex-Frau Lydia Davis geschickt hatte. Zweifellos der Part, der am meisten über die „Autorwerdung“ preisgibt. Jahre der inneren und äußeren Not in Paris, der Vietnam-Krieg, die Auseinandersetzung mit linken Ideen, Revolten in New York – Zeit und Erlebnisse, die Paul Auster zum Schreiben drängten.

Dass das Buch mit einem „Album“ von Bildmaterial schließt, das die drei Texte ausgiebig illustriert, indes kein einziges persönliches Foto enthält, verstärkt freilich den vorherigen Eindruck. Dieser „Bericht aus dem Inneren“ wirkt weniger vielstimmig als – mit Verlaub – zusammengeschustert.

Paul Auster: Bericht aus dem Inneren. Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg, 2014. 360 Seiten. 19,95 Euro. ISBN 978 – 3 – 498 – 00089 – 9.

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