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Wie viele TV-Tote waren es denn nun wirklich?

Der „Tatort“ ist immer wieder für Gesprächsstoff gut. So heftig wie diesmal beim leichenreichen und anspruchsvollen Fall aus Wiesbaden mit Ulrich Tukur und Ulrich Matthes war es aber schon lange nicht mehr.

Als Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) im blutigen „Tatort“ zur Waffe griff, sahen am Sonntagabend neun Millionen Zuschauer gebannt zu.
HR Als Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) im blutigen „Tatort“ zur Waffe griff, sahen am Sonntagabend neun Millionen Zuschauer gebannt zu.

War das jetzt ein Meisterwerk und große Kunst oder eine überambitionierte Fehlleistung und pseudo-intellektueller Quatsch? Selten zuvor hat ein „Tatort“ so viel Wirbel und Gesprächsstoff verursacht wie die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot, die am Sonntag im Ersten lief und etwa 9,3 Millionen Zuschauer hatte.

Bei Twitter schien die Hölle los zu sein, fast jeder hatte seine Facebook-Zeitleiste voll mit Meinungen zu dem TV-Film mit Theater-Elementen. Millionen waren begeistert. Nach der „Tagesschau“ mit echten Schreckensnachrichten vom IS (Islamischen Staat) flüchteten sie sich in eine schaurig-schöne Scheinwelt.

Der durchkomponierte Krimi bot viel klassische Musik, etwa von Beethoven, Brahms, Bach, Dvorák, Sibelius, Tschaikowsky oder Verdi, vieles eigens eingespielt vom HR-Sinfonierorchester. Diese Folge war ganz und gar keine klassische Sonntagskrimi-Ware. Es war ein Krimi, der die TV-Nation spaltete. Wer einen gängigen „Wer hat’s getan?“-Krimi oder aber ein gesellschaftskritisches „Tatort“-Sozialdrama erwartete, wurde maßlos enttäuscht.

Ästhetisiertes Gemetzel an der Spielbank

Es ging um eine Lebenslüge, Freundschaft, blutige Rache und die Folgen einer Ménage à Trois (eine Anspielung auf François Truffauts Liebesfilm „Jules und Jim“) – das alles nach der Art Shakespeare’scher Dramen, in ungewöhnlichen Bildern und begleitet von einem Erzähler, gespielt von Alexander Held.

Am beeindruckendsten fanden viele die Leistung von Bösewicht-Schauspieler Ulrich Matthes als Murots alter Freund Richard Harloff, der nach Jahrzehnten aus Bolivien zurückkehrt, wo er lange im Drogenkrieg aktiv war. Nah am Wahnsinn will Matthes’ Figur seinen früheren Kumpel Murot unbedingt töten sehen. Hängen blieb im Kopf vieler Zuschauer auch das Spiel von Murots Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) sowie das ästhetisierte Gemetzel an der Wiesbadener Spielbank mit Dutzenden Toten in Zeitlupe.

Für viel Aufmerksamkeit sorgte die hohe Leichenzahl – ein absoluter Rekord in der 44-jährigen Geschichte der ARD-Krimireihe. Während der Hessische Rundfunk (HR) vorab monatelang von 47 Leichen am Ende der Handlung gesprochen hatte und dies auch in die Presseunterlagen zu dem Film schrieb, zählten Fans wie Experten 51 Leichen, andere Medien sogar auch bis zu 54.

Mischung aus Tarantino, Shakespeare und Western

Die Mitverantwortliche Liane Jessen vom HR hatte schon vor Monaten zur Rekordzahl betont: „Wir haben uns das nicht ausgesucht, wir laufen damit keinem Trend hinterher, das ist schlicht und einfach dem Genre geschuldet. Es handelt sich um einen Western, mit einem typischen Rachefeldzug und einer beeindruckenden Friedhofsszene am Schluss.“ Man sehe bei diesem Film „eine Mischung aus „Tatort“, Tarantino, Italo-Western und Shakespeare.

Die Tukur-Krimis haben in den vergangenen Jahren Wert darauf gelegt, besonders anspruchsvoll zu sein. Der erste Fall 2010 („Wie einst Lilly“) kreiste um den Linksterrorismus der RAF, der zweite 2011 („Das Dorf“) spielte mit Edgar-Wallace-Versatzstücken, und der dritte im Jahr 2013 („Schwindelfrei“) war ein Zirkusfilm. Die Dreharbeiten für den fünften Tukur-“Tatort“ sollen im November losgehen – Arbeitstitel „Wer bin ich?“. Es soll um einen Film im Film gehen.