Dresdener Zankapfel:

Wird Brücke neues Wahrzeichen?

Ihr Name steht für die erste Aberkennung eines Weltkulturerbe-Titels der Unesco. Trotzdem und gegen alle anderen Widerstände hat die Stadt Dresden die umstrittene Waldschlößchenbrücke im Elbtal gebaut.

In einer Woche rollen Autos über die Dresdner Waldschlößchenbrücke. Foto: Jürgen-Michael Schulter
Jürgen-Michael Schulter In einer Woche rollen Autos über die Dresdner Waldschlößchenbrücke. Foto: Jürgen-Michael Schulter

Geliebt und gehasst: Als breites, hellgraues Betonband spannt sich die jüngste Dresdner Elbbrücke über Fluss und Uferauen – an der breitesten Stelle. Kühler Stahl formt sich über dem Wasser zum puristischen Bogen. Nur die massiven Fundamente zeugen von tonnenschwerer Last. Noch sind die vier Spuren auf dem Asphalt, Fußwege und Bushaltestellen verwaist. Aber in einer Woche, am 26. August, werden Autos über die Waldschlößchenbrücke rollen, die das Dresdner Elbtal 2009 den Unesco-Welterbetitel kostete. Viele Dresdner können das kaum erwarten.

Mit dem Wachsen der Brücke schwanden nicht nur öffentliche Proteste, sondern auch Widerstände, und selbst einige Gegner wurden versöhnt. „Ist ja gar nicht so schlimm, sieht doch ganz gut aus“, überwiegt bei spontanen Beurteilungen. Das deckt sich mit Umfragen des Dresdner TU-Instituts für Kommunikationswissenschaft, die von einer gewachsenen Zustimmung in der Bevölkerung zeugen – von 67,9 Prozent beim entscheidenden Bürgervotum 2005 auf 80 Prozent im Oktober 2012.

Neue Konstruktion besänftigte Kritiker nicht

Der Streit um das größte Bauprojekt hatte wegen der Blamage bei der Unesco tiefe Gräben in der Stadt gerissen. Deren „Sturheit“, die zur ersten Titelaberkennung für eine Kulturerbestätte geführt hatte, wurde nicht nur im Inland kritisiert. Die Welterbehüter sahen die einzigartige Flusslandschaft irreversibel geschädigt und sprachen sich für einen Tunnel aus. Letztlich besänftigte auch eine von der Stadt vorgelegte filigranere Konstruktion nicht.

Massenproteste, Sitzblockaden, Anschläge auf und Besetzungen von Baugeräten machten bundesweit Schlagzeilen. Zum Symbol des Widerstands wurde eine 200-jährige Rotbuche, die Natur- und Umweltschützer tagelang vor der Säge bewahrten – bis die im Geäst angeketteten Aktivisten 2008 von der Polizei heruntergeholt und der Baum gefällt wurden.

Auch Baustoppanträge in Parlamenten und Klagen bei Gericht scheiterten. Zuletzt hatte das Sächsische Oberverwaltungsgericht Ende 2011 die Berufung dreier Naturschutzverbände abgewiesen. Sie sehen den Lebensraum von Tieren und Pflanzen beeinträchtigt. Revision beim Bundesverwaltungsgericht wurde eingereicht. Aber eigentlich glaubt niemand mehr daran, dass das Bauwerk zugunsten eines Tunnels abgerissen wird.

Alle Auflagen zum Naturschutz wurden erfüllt, sagt Stadtentwicklungsbürgermeister Jörn Marx (CDU). Und das, obwohl bisher keine Kleine Hufeisennase aufgetaucht ist. Die seltene und geschützte Tierart musste als Kronzeugin gegen den Brückenbau vor Gericht herhalten. „Fledermäuse gibt es hier an der Elbe ja eine Menge, aber ich kenne keinen, der eine Hufeisennase gesehen hat“, sagte Oberbauleiter Hans-Joachim Kummert.

Entlastung der Infrastruktur erhofft

„Kritik ist verstummt“, sagt Marx. Nur ein Mal im Monat komme noch ein böser Brief. Immerhin war an dem Standort schon vor über 100 Jahren eine Brücke geplant. „Jetzt haben wir sie gebaut.“ Der für die Unesco überarbeitete Entwurf mit kleineren Widerlagern, flacherem Bogen und schmaleren Füßen habe nichts von dem „Monstrum“, das die Kritiker stets zeichneten. „Es ist eine schöne Brücke, die zu Dresden passt.“

Die Stadt hofft auf Entlastung der Infrastruktur, vor allem der anderen Elbbrücken. „Sie ist für knapp 40 000 Fahrzeuge pro Tag ausgelegt“, sagt Marx. Durch Tunnel und sanierte Straßen haben Anwohner auf nördlicher Seite schon jetzt mehr Ruhe. Der Hang dient Radfahrern und Skatern als Piste. „Im Winter ist das ein Rodelberg“, so Bauingenieur Kummert. „Die Brücke bietet fantastische Ausblicke auf Altstadt und Elbhänge“, sagt Marx. Auf der städtischen Homepage wird sie schon jetzt als Sehenswürdigkeit geführt. Es wäre nicht der erste Dresdner „Zankapfel“, der zum Wahrzeichen wird. Die Frauenkirche und die Brücke Blaues Wunder wurden abgelehnt, dann kontrovers diskutiert und doch realisiert.

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