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„Ziemlich beste Freunde“ funktioniert auch auf der Bühne

Gefühle pur – und das bis zur letzten Minute bietet die Kommödie am Schwedter Theater.

Driss (Ireneusz Rosinski) und Philippe (Uwe Heinrich) werden über alle Standesgrenzen hinweg ziemlich beste Freunde.
UDO KRAUSE Driss (Ireneusz Rosinski) und Philippe (Uwe Heinrich) werden über alle Standesgrenzen hinweg ziemlich beste Freunde.

Bei Theateradaptionen von Filmstoffen, die zumal noch frisch sind, besteht immer die Gefahr, dass der Zuschauer das Bühnengeschehen mit dem Filmstoff vergleicht. Die Enttäuschung lässt dann meist nicht lange auf sich warten: Der Hauptdarsteller sah ja ganz anders aus, Mimik und Gestik stimmten auch nicht überein. Und überhaupt, die Lieblingsszene fehlte ganz.

Wer sich innerlich von dieser Vergleicherei befreite, konnte am Samstagabend an den uckermärkischen Bühnen Schwedt (UBS) einen ganz vergnüglichen Theaterabend erleben: „Ziemlich beste Freunde“, die Theateradaption der französischen Erfolgskomödie, feierte unter Regie von Cesary Morawski ihre Premiere.

Der Film begeisterte eine Millionenpublikum

Die Story ist hinlänglich bekannt: Ein Underdog aus den Pariser Vorstädten (Driss) wird von einem reichen, aber querschnittsgelähmten Mann aus dem Pariser Bürgertum (Philippe) als Pfleger angeheuert. Und was niemand vermutet: Über die unüberwindlichen sozialen Grenzen hinweg entsteht zwischen den beiden eine tiefe Freundschaft. Wohl auch deshalb, weil Driss in Philippe nicht den bemitleidenswerten Kranken sieht, sondern einen normalen Menschen, der halt ein Handicap hat. Die Geschichte, die einen realen Hintergrund hat, berührte ein Millionenpublikum. Und sie berührte das Theaterpublikum in Schwedt.

Zwar gibt Ireneusz Rosinski den Driss in der ersten Hälfte der Inszenierung ein wenig zu ruppig, streckenweise wirkt seine Ruppigkeit wie aufgesetzt. Deswegen braucht das Bühnengeschehen ein wenig Zeit, ehe es so in Fahrt kommt, dass es das Publikum mitreißt. Doch diese Schwächen sind entschuldbar angesichts einer insgesamt soliden schauspielerischen Ensemble-Leistung. Ines Venus Heinrich zeigt – wie kaum sonst – ihre Wandelbarkeit: Sie muss in die Rolle der persönlichen Referentin des Kranken, einer Hure, einer Galeristin und zum Schluss der neuen Liebe von Philippe schlüpfen. Peter Benjamin Eichhorn gibt einen Pfleger, den Butler und Antoine, ein Mitglied der bourgeoisen Familie von Philippe, der sich sorgt, dass Driss kein guter Umgang für den Mann aus den besseren Kreisen ist.

Ganz besondere schauspielerische Disziplin wird von Uwe Heinrich verlangt, der als Philippe an den Rollstuhl gefesselt ist, gelähmt vom vierten Halswirbel abwärts. Nur der Kopf und seine Mimik sowie seine Stimme stehen ihm für die Schauspielerei zur Verfügung. Und er überzeugt. Man nimmt ihm die tiefe Verzweiflung über sein Schicksal, die er mit Ironie und Sarkasmus zu tarnen versucht, ebenso ab wie die aufbrechende Lebensfreude, die Driss in ihm hervorruft.

Regisseur Morawski versteht es dabei meisterhaft, mit Licht und Musik so zu spielen, dass sie die beabsichtigten emotionalen Reaktionen genau im richtigen Moment verstärken. Das Bühnenbild von Anke Fischer: herrlich minimalistisch.

Grandios die Schlussszene

Driss schiebt Philippe in ein Restaurant – er hat hinter Philippes Rücken ein Date mit Eleonore, seiner neuen Angebeteten arrangiert, die Philippe bislang nur aus Briefen kennt. Dann verabschiedet er sich von Philippe. Eleonore erscheint und sagt: „Philippe“, legt dabei ihre ganze Liebe in dieses eine Wort und setzt sich zu ihm an den Tisch. Langsam erlischt das Bühnenlicht. Das alles ist karg gespielt, knappe Gesten, hier setzt die Regie punktgenau einen emotionalen Volltreffer. Das ist, was Theater kann, das kann Film nicht. Das Publikum wagt den Applaus erst, als das Licht wieder angeht und die Schauspieler sich verneigen.