Buchkritik:

Zoom in die Zeit als Kind

In seinem Buch „Herkunft“ erzählt der Autor Botho Strauß unverkrampft von einem halbblinden Erinnerungsmenschen, der Kindheit in einem wegbröckelnden Kurort und den Billigangeboten des Gedächtnisses.

Buchcover Herkunft Botho Strauß
Verlag Herkunft von Botho Strauß erscheint im Hanser Verlag

Als "abweisend und stolz" habe er gegolten. Das sagt Botho Strauß über den Vater, den er als zentrale Figur seines Erinnerungsbuchs "Herkunft" liebevoll, doch keineswegs verklärend porträtiert. Der schreibberühmte Sohn, er wird am 2. Dezember 70 Jahre alt, spürt in den Texten der eigenen Prägung nach und findet den Vorfahr ähnlich attribuiert wie er heute selbst.

Eine Wesensparallele? Botho Strauß lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in uckermärkischer Dünnbesiedelung. Lesungen lehnt er ab. Die Abschlussrede bei der Abiturfeier sei sein einziger öffentlicher Auftritt gewesen, gibt er Auskunft. Dass sich Strauß dem gängigen Kulturbetrieb entzieht und allein durch die Kraft seiner hochreflexiven Erzählwerke und Theaterstücke zu den wichtigsten Gegenwartsautoren Deutschlands geworden ist, macht das Feuilleton bisweilen biestig.

"Herkunft"-sforschung bringt den sprachreichen Strauß zurück in die 1950/60er Jahre und den historischen Badeort Ems an der Lahn, wo einst Prominenz aus Politik und Kunst kurte und nun alte Würde bröckelte. Eine Kulisse, wie geschaffen für eine „letzte Bürgerlichkeit“, die der Vater abstrahlte. Ein approbierter Apotheker, promoviert in Chemie, der mit der Kleinfamilie Hab und Gut im DDR-Osten verlassen hatte, ehe der Sohn ein Kommunist werden konnte, im Westen indes nie richtig auf die Beine kam. Er war ambitioniert in Wissenschaft und Kunst, erfolglos sowohl als auch. Der 1. Weltkrieg hatte ihm das linke Auge zerstört - um den Ruf eines Misanthropen musste er nicht buhlen. Das Benimm einer verblichenen Epoche, Formwahrung, Akkuratesse. „Ich wollte meinen Vater gewöhnlicher haben“, zoomt Botho Strauß in seine Zeit als Kind. Doch obgleich er der entsprechenden Generation angehört: Er sei auch später nie ein Rebell geworden, der seinen Vater los sein wollte.

Ohne zu vergrübeln, geschweige abzurechnen, blickt Botho Strauß auf seine „Frühe“. Familie, Ems, die Lahn, erste Bücher und Liebeleien. „Man gebe mir nur einen Bruchteil dieser Unerfahrenheit … zurück!“, ist der alte Strauß ein wenig neidisch auf den jungen, der völlig frei von Erinnerungen war.

Nun sei er, wie der Vater, ein Erinnerungsmensch. Doch dem Gedächtnis sei nur bedingt zu trauen: Eine Variable der Sehnsucht, die nach Unschuld strebt. Sentimentalität nennt Strauß ein Rauschmittel, günstig zu haben. Der Autor widersteht der Verlockung.

 

Botho Strauß: Herkunft
Hanser Verlag, 2014
96 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-446-24676-8

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