Sport:

Ein Pfarrer mit olympischer Karriere

Sieben Mal begleitete Klaus-Peter Weinhold als Sportpfarrer die deutschen Olympia-Asse. Was er erlebte, erzählte er in Neubrandenburgs Friedenskirche.

Klaus-Peter Weinhold hat als Seelsorger olympische Erfahrungen gesammelt.
Roland Gutsch Klaus-Peter Weinhold hat als Seelsorger olympische Erfahrungen gesammelt.

„Früher ist bei uns der Parteifunktionär mitgefahren. Jetzt bist du es, Pfarrer.“ Das hatte Klaus-Peter Weinhold nach der Wende von Spitzensportlern aus dem Osten zu hören bekommen. Und als er die Anekdote nun zum Besten gab, wurde sein Lächeln vom Kreis der Zu­hörer in der Neubrandenburger Friedenskirche mit einem Lachen erwidert. Der 1,91-Meter-Mann arbeitete einst anderthalb Jahrzehnte als Sportpfarrer bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), zu seinen vielfältigen Aufgaben gehörte die Seelsorge der Nationalmannschaften bei Weltsportereignissen – was der Viertorestädter Pastor Christian Finkenstein so spannend fand, dass er Weinhold und die Friedensgemeinde zusammenbrachte. Die Einladung in die Kirche endete auf „Sport frei!“ Hat man auch nicht alle Tage.

So einen Erzähler auch nicht. Sieben Mal war Klaus-Peter Weinhold neben einem katholischen Kollegen der kirchliche Begleiter bei Olympischen Spielen. Mit Barcelona 1992 ging es los. 2004 sei für ihn der Abschluss gewesen, „in Athen, da ging’s chaotisch zu“. Viel erlebt, viel erfahren. „Ich habe immer versucht, den Sportlern in Gesprächen den enormen Druck zu nehmen, der auf ihnen lastete.“

Eine bemerkenswerte Episode: „In Lillehammer 1994 saß Skirennfahrer Markus Wasmeier bei mir. Der benötigte Trost, weil er die Abfahrt verpatzt hatte. Ein paar Tage später war er ­Doppel-Olympiasieger.“

Als zwei Jahre zuvor Tischtennis-Ass Jörg Roßkopf mit Steffen Fetzner das Doppel­finale dramatisch vergeigt hatte, war Weinhold ebenfalls gefordert. Gern erinnert er sich an einen Gedanken­austausch mit Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stir­nemann: „Sie hatte gerade geheiratet und mir erzählt, dass die Pastorin, die sie getraut hatte, die einzige gewesen sei, die sich für ihre Gefühle interessiert habe.“

Der 61-Jährige ist ein Sport-Fachmann. Früher spielte er Volleyball in der Bundesliga und sogar 56 Mal für die bundesdeutsche Auswahl. „Es hat natürlich geholfen, wenn die Sportler mitbekamen, dass ich kein Ahnungsloser im Metier bin.“ Letztlich sei es ihm aber immer darum gegangen zu vermitteln, dass ein Sieg kein Grund zum Abheben sei und eine Niederlage nicht das Ende bedeute. ­Kommerzialisierung, Glitzerwelt, olympischer Größenwahn, Doping – Weinhold sieht den Leistungssport kritisch. Umso wichtiger seien Seelsorge, Zuhören, Beistand. Für den Betroffenen da sein, etwa wenn zu Hause ein Angehöriger gestorben war.

Die Morgen- und Abendandachten im religiösen Zentrum des olympischen Dorfes „sind auch gut gegen den Lagerkoller“. Die Resonanz indes war – „so nicht gerade der Bundespräsident auftauchte“ – überschaubar. Weinhold: „Die Sportler sagten immer: ,Auch wenn ich nicht hingehe, ist es gut zu wissen, dass du da bist.‘“ Eine Maskottchen-Rolle wollte er dennoch nicht annehmen. Die Situation vorausdenkend, hatten der evangelische und der katholische Sportpfarrer gemeinsam „Mittendrin“-Heftchen mit Gebetstexten und Segenswünschen zusammengestellt und allen deutschen Team-Mitgliedern zukommen lassen.

Selbstredend ließ sich Klaus-Peter Weinhold die Wettkämpfe nicht entgehen. „Da war ich auch bei den Sportlern gern gesehen. Nur die Hockey-Leute meinten: ,Du musst nicht mitkommen. Immer wenn du dabei bist, verlieren wir.‘“

Auch diese Randgeschichte amüsierte die Besucher in der Friedenskirche. Danach machte sich Weinhold auf den Rückweg nach Ahlbeck, wo er seit Kurzem als Pastor arbeitet. Nachdem er 2005 sein Amt als EKD-Sportpfarrer beendet hatte, war er neun Jahre für die deutschsprachige Gemeinde auf den Balearen tätig. Dann zog es ihn heim nach Deutschland. 

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