Fußball:

Geigenspieler geht als Schiri nicht den klassischen Weg

Tobias Retzlaff möchte als Fußball-Schiedsrichter möchte er der Chef auf dem Platz sein, „ohne das besonders hervorkehren zu müssen“.

Im Kinder-Kreisfußball im Einsatz: Tobias Retzlaff.
Roland Gutsch Im Kinder-Kreisfußball im Einsatz: Tobias Retzlaff.

„So ein Junge – Goldstaub im Nachwuchsfußball“, hält Fred Nowak, Abteilungsleiter vom SV Turbine Neubrandenburg, mit seiner Begeisterung nicht hinterm Berg. „Ein ganz intelligenter Bengel.“ Er meint Tobias Retzlaff. Der 14-Jährige ist in seiner zweiten Saison für den Verein als Schiedsrichter unterwegs. Und „der macht sich“, wie Fred Nowak sagt.

„Schnell und richtig entscheiden“, benennt Tobias Retzlaff, der mit seinen 1,85 Metern wie ein Leuchtturm zwischen den kickenden Kindern wirkt, die Herausforderung und Motivation. „Immer um eine Regel schlauer sein als die Spieler.“ Nach rund 30 Einsätzen als „Pfeifenmann“, zumeist auf Kreisebene, ist er zu der Grunderkenntnis gelangt: „Wenn es mir gelingt, der Chef auf dem Platz zu sein, ohne das besonders hervorkehren zu müssen, habe ich alles richtig gemacht.“ Leite er Partien von Gleichaltrigen, gibt‘s „die volle Härte“, bei den Kleineren „eher nicht“.

Der Neubrandenburger gehört zu den aktuell 48 Unparteiischen unter 18 Jahren beim Kreisfußballverband Mecklenburgische Seenplatte. „Die Vereine sind verpflichtet, ab der B-Junioren-Klasse aufwärts Schiedsrichter zu stellen, wenn sie entsprechende Mannschaften im Spielbetrieb haben“, sagt Wolfgang Schöning, Obmann des Schiedsrichterausschusses. Es ist also wichtig, Talente wie Tobias Retzlaff oder auch den 13-jährigen Moritz Hantke, der zwar bei Turbine Fußball spielt, doch als Schiri dem 1. FC Neubrandenburg 04 angehört, rechtzeitig zu entwickeln. Schöning ist nicht unzufrieden mit der Anzahl des Schiri-Eleven. Aber: „Momentan haben wir für sie leider zu wenige Einsatzmöglichkeiten.“

Den klassischen Weg geht Tobias Retzlaff nicht. „Viele andere werden erst Fußballer im Verein und dann Schiedsrichter. Das war bei mir anders. Es gefiel mir, wenn ich früher Schiris im Fernsehen beobachtete, die es drauf hatten, positiv zu schlichten. Irgendwann sagte ich mir: Das möchte ich auch können. Ich meldete mich selbst für eine Schiedsrichter-Ausbildung an und erst danach beim SV Turbine.“ Im Leben des Jungen, der im Einstein-Gymnasium zu einer Hochbegabten-Klasse gehört, sind aber noch ganz andere Dinge wichtig. In der Freizeit lernt er an der Musikschule Geige und Klavier spielen. Vor einigen Jahren war er Landesschulmeister im Schach.

Ein interessanter Teenager. Das findet auch Wolfgang Schöning: „Solche Jungen behalten wir natürlich im Auge, zumal Tobias die Prüfungen gemeistert hat und mit der Teilnahme an Weiterbildungen seinen guten Willen zeigt. Einmal war er auch schon für eine Assistenz bei einem Spiel auf Landesebene angesetzt. Er hat Spaß an der Sache, das ist das Wichtigste.“ Das Angebot, bereits dem Schiri-Förderkader des Fußballkreises beizutreten, nahm Tobias Retzlaff nicht wahr. „Er sagte, er sei noch nicht so weit. Das ist eine ehrliche Antwort“, so Obmann Schöning. Allerdings wäre es auch eine Chance gewesen zu sehen: Wo stehe ich?

Die Fluktuation in der Szene der Nachwuchs-Referees ist hoch. „Etwa die Hälfte bleibt nicht dabei. Da wollen wir gegensteuern“, so Schöning. Man müsse immer bedenken, es handele sich um unerfahrene Menschen, keine fertigen Schiedsrichter. Ganz klar, dass denen noch Fehler unterlaufen würden.

Kicker-Eltern am Spielfeldrand, „die durchdrehen“ und Jung-Referees beschimpfen, hat Turbine-Abteilungsleiter Nowak oft erlebt. „Unglaublich, was da manchmal abgelassen wird. Darüber kann man nur den Kopf schütteln.“ 

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