Neuer Zoff:

Marktplatz-Baulücke spaltet das Parlament

Der Streit um die Neubebauung zwischen Rathaus und Kirche steckt in der Klemme. Die Stadtvertretung muss nach Recht und Gesetz entscheiden. Doch der Wunsch vieler Demminer ist ein zutiefst emotionaler. Also: Bauen oder den Blick auf St. Bartholomaei frei lassen?

Demmins berühmteste Baulücke: Seit die Ruine an der Ostseite des Marktplatzes verschwunden ist und einen nie gekannten Blick auf St. Bartholomaei freigibt, wollen viele Demminer, dass dass nun so bleibt. Aber der Pommersche Diakonieverein will hier bauen - eigens und nur dazu hat er das Grundstück gekauft.
Thoralf Plath Demmins berühmteste Baulücke: Seit die Ruine an der Ostseite des Marktplatzes verschwunden ist und einen nie gekannten Blick auf St. Bartholomaei freigibt, wollen viele Demminer, dass dass nun so bleibt. Aber der Pommersche Diakonieverein will hier bauen - eigens und nur dazu hat er das Grundstück gekauft.

 Die wichtigste Hürde hat der Pommersche Diakonieverein nun wohl genommen für seine Pläne, am Demminer Marktplatz ein seniorengerechtes Wohnhaus zu bauen. Das Stadtparlament stimmte in seiner aktuellen Sitzung der notwendigen Änderung des Bebauungsplanes für das Areal an der Ostseite des Marktes zu, auch der dazugehörige städtebauliche Vertrag zwischen Investor und Kommune wurde abgesegnet. Damit kann die Diakonie jetzt den eigentlichen Bauantrag stellen - für das derzeit wohl umstrittenste Bauprojekt in der Hansestadt. Die Proteste vieler Demminer hingegen, die für den Erhalt der freien Blickachse auf das Portal von St. Bartholomaei kämpften, sie waren wohl vergebens.

Doch waren sie das wirklich?

Die Debatte in der Stadtvertretung zeigte in aller Deutlichkeit, wie sehr der Widerstand der Bürger auch die Abgeordneten beeindruckt hat. Selten ist im Rathaussaal so heftig über ein Bauprojekt diskutiert worden wie vorigen Mittwoch über das geplante Diakoniehaus zwischen Markt und Kirche: Abgeordnete aus allen Fraktionen meldeten ihre Zweifel an, ob man dem Vorhaben in der derzeitigen Form wirklich zustimmen könne. Roland Thomas (SPD) nannte die aktuelle, von den Architekten im Sommer vorgestellte Variante ein „liebloses Hingebastel“ nach Art „aufeinander gestapelter Baucontainer“. Thoms forderte gar einen Architektenwettbewerb, um verschiedene Versionen der Bebauung an diesem markanten Ort des Stadtzentrums vergleichbar zu machen. „Lassen Sie das, was hier vorliegt, so nicht durchgehen“, rief er seinen Abgeordnetenkollegen beschwörend zu.

Auch Rainer Tietböhl (SPD) kann dem „Glaskasten“, wie er den Entwurf des Diakoniehauses nannte, noch nicht viel abgewinnen: „Ich hab von Anfang an gesagt, mir gefällt der Bau in der bisherigen Planung nicht. Man kann dort an der Marktseite gewiss etwas Wunderbares bauen, aber dazu muss es noch deutliche Änderungen geben.“

Seitens der Links-Fraktion zollt Sigrid Konieczny vor allem den Bürgern Respekt, für eine neue Idee gekämpft und Unterschriften gesammelt zu haben. „Erst nach dem Abriss der Ruine wurde der Blick auf das Kirchportal doch so frei sichtbar, und eine Diskussion kam in Gang, die aus heutiger Sicht völlig verständlich ist. Das können wir nun nicht einfach ignorieren! Und was uns bisher als Entwurf vorgestellt wurde, dem sollten wir nicht zustimmen, das können wir unseren Bürgern nicht antun.“

Ähnlich äußerte sich ihr Fraktionskollege Stefan Tabbert, der dem Bauherrn Arroganz vorwarf: „Der Diakonieverein hätte seine Pläne zumindest einmal öffentlich präsentieren und sich auf die Bürger einlassen sollen.“ Er wandte allerdings zugleich ein, dass es natürlich Recht eines Investors sei, ein Grundstück, das er zur Bebauung erworben habe, nun auch zu bebauen.

Und eben da liegt der Knackpunkt dieses Streits. Denn der Pommersche Diakonieverein erwarb das Ruinengrundstück an der Marktseite eigens in der Absicht, dort ein Haus zu bauen. Das alles war im Vorfeld bekannt. Und darum erwartet der neue Eigentümer nun, dass sich auch Kommune und Stadtparlament an vereinbarte Rahmenbedingungen halten - die Schaffung eines aktualisierten und angepassten Baurechts gehört dazu.

So argumentierte denn auch die CDU-Fraktion in der Debatte um den geänderten B-Plan. Herbert Frank erinnerte an eine Online-Umfrage im Nordkurier und daran, dass seinerzeit auch viele Bürger für die Bebauung gewesen seien. Bürgermeister Michael Koch verwies darauf, dass die Kommune jahrelang vergeblich darum gerungen habe, die Ruinenparzelle zu erwerben: „Uns wäre das nicht gelungen. Nun haben wir endlich einen neuen Eigentümer, und diesem obliegt es, einen Architekten seiner Wahl zu beauftragen.“

So einfach freilich sind die Demminer nicht zu überzeugen. Das Thema ist emotionsgeladen, nach wie vor. Das zeigte auch die Parlaments-Debatte, in der allgemeines Baurecht und Kritik am Architektenentwurf des Seniorenhauses munter durcheinander gingen. Doch der Änderungsbeschluss des B-Plans beinhaltet noch gar keine Gestaltungsdetails zum eigentlichen geplanten Gebäude, das zu betonen sah sich Bauamtschef Dietmar Schmidt mehrfach gezwungen: „Das steht erst zur Debatte, wenn der Diakonieverein den eigentlichen Bauantrag gestellt hat und der Entwurf des Projektes vorliegt.“

Doch den Weg dahin haben die Stadtvertreter jetzt grundsätzlich freigemacht - mit einer Abstimmung, wie sie nicht alle Tage vorkommt im Demminer Parlament: Neun Ja-Stimmen, vier Ablehnungen, acht Enthaltungen. Einigkeit sieht anders aus.

 

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