Wahl zum Wehrführer in Postlow:

Allianz mit einem zweifelhaften Kameraden

Rechtsextremer Musiker und Chef der Freiwilligen Feuerwehr - in Postlow ist beides möglich. Einstimmig wurde Ralf Städing zum Wehrführer ernannt. Für einen weiteren Eklat sorgte der Bürgermeister.

Der neue Wehrführer Ralf Städing (rechts) bei einem Auftritt der Band "Wiege des Schicksals" im Jahr 2010.
Archiv Der neue Wehrführer Ralf Städing (rechts) bei einem Auftritt der Band "Wiege des Schicksals" im Jahr 2010.

In der Demokratie entscheidet die Mehrheit, und die hatte Ralf Städing auf seiner Seite. Ohne Gegenstimme passierte der Postlower Gemeindevertreter die Ernennung zum Wehrführer. Der Status des Ehrenbeamten – er war ihm damit sicher. „Ralf, jetzt bist Du dran“, kommentierte Bürgermeister Norbert Mielke und ergänzte: „Wir haben einen neuen Wehrführer, das ist das Wichtigste.“

Die Diskussion darüber, ob der mutmaßliche Rechtsextremist Städing tatsächlich der richtige Mann für den Posten sei, wischte Mielke damit beiseite. Medienberichte über die Mitgliedschaft Städings in der rechtsextremen Band „Wiege des Schicksals“, Zweifel des Innenministeriums an der Eignung des Kandidaten zur Ernennung zum Ehrenbeamten, all das konnte den Bürgermeister und seine Gemeindevertreter nicht beirren. „Der Ralf war schon in der Jugendwehr dabei, seiner Wahl steht nichts entgegen“, so Mielke. Kurz darauf erhöhten die Gemeindevertreter, diesmal mit einer Gegenstimme, ihrem neuen Wehrführer die monatliche Aufwandsentschädigung um knapp 60 Euro.

Bürgermeister greift Reporter an

Unkommentiert wollte der Bürgermeister und Amtsvorsteher die „Verleumdungen der Presse“ im Vorfeld der Ernennung Städings zum Wehrführer aber nicht stehen lassen. „Mich hätte das heute Abend nicht gewundert, wenn Ihr Auto hier abgebrannt wäre“, sagte er nach der Sitzung zu einem Journalisten des Nordkurier. „Sie provozieren doch nur mit solchen Äußerungen“, erklärte er in Bezug auf die Berichterstattung unserer Zeitung zu Ralf Städing. Es folgte eine Aufzählung vermeintlicher „Lügen und Gerüchte“ des Nordkurier gegenüber seiner Person und Gemeinde. Den anwesenden Journalisten bezeichnete Mielke als „Schmierfinken“ und „Ochsen“. „Wir müssen unser Geld noch verdienen und kriegen nicht für so ein Geschmiere Gehalt“, sagte er weiter. Ob Städing in der vom Innenministerium als rechtsextrem eingestuften Band spiele oder nicht, sei ihm „vollkommen egal“. Der frisch ernannte Wehrführer selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Nachdem der Landkreis Vorpommern-Greifswald bereits angekündigt hatte, die Ernennung Städings zum Wehrführer überprüfen zu wollen, rücken nun auch die Äußerungen Mielkes in den Fokus. „Die Aussagen des Amtsvorstehers interessieren uns natürlich sehr“, sagte dazu Kreissprecher Achim Froitzheim. Das Innenministerium bedauerte in einer Mitteilung die Ernennung Städings zum Wehrführer.

Demokraten müssen endlich Flagge zeigen – auch in Postlow

Ein Kommentar von Frank Wilhelm

Das Ergebnis aus Postlow kann eigentlich niemanden erstaunen: 2006 wählten knapp 40 Prozent der Einwohner der 360-Seelengemeinde die NPD – das war „Spitze“ in Deutschland. Schon damals stand der parteilose Bürgermeister Norbert Mielke an der Spitze der Gemeinde, die angesichts des Wahlergebnisses sogar vom Magazin „Der Spiegel“ besucht wurde. Mielke machte seinerzeit aus seinem Herzen keine Mördergrube. Im typischen NPD-Vokabular wetterte er über „Scheinwahlen“ und die „Diktatur“ der „etablierten Parteien“. Auch er könne sich vorstellen, NPD zu wählen.

Das einmütige Wahlergebnis für den neuen Wehrführer zeigt, dass diese Haltung längst in der Gemeindevertretung angekommen ist. Niemanden scheint es zu interessieren, wenn Ralf Städing in einer rechtsextremen Band spielt. Und so dürften auch keinen Dorf-Politiker die Band-Texte stören. Eine Kostprobe aus dem Lied „Germanien erwache“ reicht, um sich einen Eindruck zu verschaffen: „Schwule und Lesben tummeln sich in unseren Grenzen. Antifaschisten, die gegen uns hetzen. Jenes Pack, das wir hassen.“

Weniger die Haltung des Bürgermeisters ist aber das Problem, sondern vielmehr der komplette Rückzug von SPD, CDU und Linke. Abgesehen davon, dass diese Parteien in der Gemeindevertretung keine Rolle spielen, ließen sich auch kein Kreistagspolitiker, kein Landtagsabgeordneter bei der Sitzung blicken. Es passt zum Bild, dass Landkreis und Innenministerium erst durch die Medien – Nordkurier und NDR – auf das Thema aufmerksam wurden.

Dass sich der Bürgermeister nicht weit weg von der braunen Ideologie von Städings Band bewegt, zeigt seine Drohgebärde gegenüber dem Kollegen des Nordkurier. Das Erschreckende: Angesichts des Postlower Klimas erscheint es nicht einmal unrealistisch, dass irgendwann die Autos von Menschen brennen, die nur eine andere Meinung haben.

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Kommentare (1)

Statt ein Viertel der Meldung damit zu verschwenden, zu berichten, das der anscheinend angenervte Bürgermeister den anwesenden Journalisten beleidigt hat, hätte ich mir gewünscht, das der Autor mal nachbohrt: bei den Parteien, die sich, so behauptet der Autor, zurückgezogen haben (zumindest entnahm ich dem Artikel keine Fakten, die das belegen), oder dem neuen Wehrführer. Stattdessen speist er mich damit ab und schreibt, das dieser für keine Stellungnahme bereit war. Artikel des Herrn Kiesel lamentieren leider nur allzuoft ins Leere - ohne Fakten, ohne Hintergründe. Das ist Schade, denn das Thema NPD ist aktuell und sollte dann doch lieber von richtigen Profis bearbeitet werden - die auch mal Nachbohren und Nachfragen.