Suche im Boden bei Barth:

Auf den Spuren der Kriegsgefangenen

Mehr als 9000 Mitglieder von Flugzeugbesatzungen waren im ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Barth interniert. 70 Jahre nach der Befreiung ist auf dem Gelände ein ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger auf Spurensuche. Mit Erfolg.

Mehr als 20 lagerinterne Ausgangs- oder Urlaubsmarken hat Hobby-Archäologe Roman Buhl an der Gedenkstätte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers gefunden.
Mehr als 20 lagerinterne Ausgangs- oder Urlaubsmarken hat Hobby-Archäologe Roman Buhl an der Gedenkstätte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers gefunden.

In Gummistiefeln stapft Roman Buhl Zentimeter für Zentimeter über den schlammigen Acker. Den Metalldetektor voraus gerichtet, den Feldspaten im Anschlag, konzentriert er sich auf die Digital-Anzeige seines Suchgerätes. Immer wieder piepst es in den Kopfhörern. Dann gräbt der 42-Jährige eine Schaufeltiefe in den Boden und lässt das Erdreich durch die Finger rieseln. Meistens hat nur irgendwelcher Unrat das Signal ausgelöst – aber nicht immer.

Vier Jahren lang ist Roman Buhl schon auf dem steinigen Acker unweit des Barther Boddens unterwegs. Im offiziellen Auftrag des Landesamtes für Kultur und Bodendenkmalpflege sucht der ehrenamtlich tätige Hobby-Archäologe das Gelände eines früheren Kriegsgefangenenlagers ab. Im sogenannten STALAG Luft 1 waren im Zweiten Weltkrieg mehr als 9000 Gefangene interniert: Besatzungsmitglieder der britischen Royal Air Force, der US-Luftstreitkräfte, der Alliierten in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern sowie sowjetische Kriegsgefangene. Vor 70 Jahren, am 30. April 1945, wurde das Lager befreit, nachdem tags zuvor die Wachmannschaften geflüchtet waren.

Das, was Buhl und seine Kollegin Annette Weidemann zutage brachten, kann sich sehen lassen. Zu den mittlerweile über 600 Funden auf 22 Hektar Fläche gehören Identitäts- und Erkennungsmarken von Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren, Münzen, Abzeichen sowie Knöpfe von Uniformen aus Polen, Russland, Italien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Belgien. Auch Reste von Alltagsgegenständen der Internierten wie Rasierer, Gürtelschnallen, Bestecke, Beschläge, Geschirre und sogar Teile einer Trompete, einer Mundharmonika und eines Akkordeons sicherten die Helfer.

Sammeln, vermessen und wissenschaftliche Auswertung

Buhl legt Wert auf den Hinweis, dass es dabei nicht um das Sammeln historischer Militärausrüstungen geht. „Wir sind keine Military-Jäger“, betont er unter Anspielung auf Vertreter jener Szene, die heimlich und oft nachts illegal nach wertvollen Stücken im Boden suchen, um sie im Internet zu vermarkten.

Bei dem archäologischen Projekt „STALAG Luft 1“ gehe es um Sammeln, Vermessen und wissenschaftliche Auswertung, sagt Archäologe Michael Schirren. Gerade deshalb seien auch Entdeckungen von Bedeutung, die Schatzjäger sofort wieder wegwerfen würden. Mit Überresten des ehemaligen Elektrozaunes oder der Wasserleitungen etwa ließen sich Rückschlüsse auf Grundrissdetails des Lagers ziehen, das aus vier Teillagern bestand.

Aufgefallen war den Helfern zum Beispiel eine Stelle, auf der sie unzählige Reste von Nahrungsmittelverpackungen stießen. „Die Büchsen mussten seinerzeit unter strenger Aufsicht außerhalb des Lagerkomplexes entsorgt werden“, sagt Buhl. Denn vor dem Erlass hatten Gefangene die Blechringe zu Lüftungsrohren zusammengesetzt, um sie in geheimen Erdtunneln zu installieren, die für Fluchtzwecke bis in den benachbarten Wald gegraben worden waren. Überlieferungen zufolge soll es mehr als 80 Fluchtversuche in Barth gegeben haben.

Funde sollen öffentlich gezeigt werden

Andere Funde dokumentieren den Alltag der internierten Piloten und ergänzen somit Erkenntnisse, die zum Beispiel im kleinen Ausstellungszentrum in Barth präsentiert werden. Bekannt ist zum Beispiel, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen in einem separaten Trakt unter wesentlich unmenschlicheren Bedingungen eingesperrt waren als die Soldaten ihrer Kriegsverbündeten, denen laut Genfer Konvention Zusatzrationen zustanden.

Nach Mai 1945 diente der Komplex am Barther Bodden dem sowjetischen Volkskommissariat NKWD als Untersuchungslager. Dort wurde unter ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeitern nach Kollaborateuren mit den Deutschen gesucht. „Offenbar stießen wir auch auf Funde aus dieses Phase“, sagt Schirren. Dazu gehörten kleine Aluschnipsel mit kyrillischen Inschriften.

Es wird noch dauern, bis die Funde wissenschaftlich exakt bewertet sind. Anschließend sollen sie öffentlich gezeigt werden. Roman Buhl und seine wissenschaftlichen Mitstreiter wollen im Herbst und im Winter noch einmal das Lagerareal absuchen.

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