Kritik an Attest-Pflicht :

Ausgerechnet Ärzte sagen: Schreibt Euch selbst krank!

Es ist der Traum eines jeden kranken Arbeitnehmers – still im Bett liegen bleiben und sich auskurieren. Für ein Attest ist der Gang zum Doktor aber ein Muss. Mediziner wollen das nun ändern. Vor- und Nachteile dieses Vorschlags.

Beschäftigte sollten sich für die Dauer von bis zu einer Woche selbst krankmelden können, fordern Mediziner.
Karl-Josef Hildenbrand Beschäftigte sollten sich für die Dauer von bis zu einer Woche selbst krankmelden können, fordern Mediziner.

Wer kennt das nicht: Überfüllte Arztpraxen, lange Wartezeiten und ein Sitznachbar, der mit den Bakterien nur so um sich schleudert. Der Gang zum Arzt ist kein Zuckerschlecken – für Arbeitnehmer im Falle einer Krankheit aber ein absolutes Muss. Schließlich benötigt er gegenüber seinem Chef einen Nachweis über die Fehlzeiten.

Wann der Arbeitgeber eine Krankschreibung erwartet, ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. In der Regel wird aber ab dem vierten Tag der Krankheit eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangt. Das soll, wenn sich der Wunsch der Mediziner der Universität Magdeburg erfüllt, schon bald der Vergangenheit angehören. Demnach sollen sich Beschäftigte bis zu fünf Tage am Stück selbst krankmelden können, wie Wolfram Herrmann, Leiter des Magdeburger Forscherteams bestätigt.

Bei vielen Kranken auch aufs Arbeitsklima schauen

Dieter Kreye vom deutschen Hausärzteverband des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern ist sich sicher, dass der Krankenstand immer auch ein Stück mit dem Arbeitsklima zusammenhängt. Er rät daher den Firmen, den Krankheitsstand zu beobachten. „Weist eine Firma einen höheren Krankheitsstand als ein vergleichbarer Betrieb auf, dann sollte zuerst nach dem Arbeitsklima geschaut werden.“

Kreye, der neben seiner Tätigkeit beim Hausärzteverbund auch als Hausarzt in Neubrandenburg arbeitet, appelliert an das gegenseitige Vertrauensverhältnis. „Wir Ärzte können beim Erstkontakt häufig nicht zu 100 Prozent prüfen, wie krank ein Patient tatsächlich ist. Auch wir müssen dem Patienten vertrauen und hoffen, dass er ehrlich zu uns ist.“ Genau dieses Grundvertrauen wünscht sich der Arzt auch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Gefahr, ernste Krankheiten zu spät zu erkennen

Der Unternehmerverband Rostock-Mittleres Mecklenburg zeigt sich darüber verwundert, dass gerade Medizinern der Einfall kam, sich selbst krankschreiben zu können. „Die Gefahr, ernsthafte Erkrankungen nicht frühzeitig zu erkennen, ist dabei sehr groß. Auch arbeitsrechtlich ist ein solches Verfahren fragwürdig, denn der Arzt stellt nach festen Kriterien die Arbeitsunfähigkeit fest“, so die Geschäftsführerin Manuela Balan. „Insgesamt ist es kein geeigneter Vorschlag, um dem Ärztemangel zu begegnen, da dies zulasten der Arbeitgeber und der Patienten gehen würde. Hier müssen andere Wege gegangen werden“, sagt Balan.

Auch in der Politik wird das Thema diskutiert. „In Deutschland ist die Zahl der durchschnittlichen Arztbesuche auch deswegen so hoch, weil Patienten nur für Rezepte, Verlaufskontrollen oder auch Kurzzeitkrankschreibungen immer zum Arzt müssen“, sagt der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn.

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