Fachkräftemangel im Nordosten:

Auszubildende ergreifen die Flucht

„Keiner wird zurückgelassen!“ Den Fachkräftemangel vor Augen wollen sich Politik und Unternehmen unter dieser Parole gegen die Abwanderung junger Menschen stemmen. Tausende Euro Fördermittel kommen nicht an. Der Nordosten verliert seine Fachkräfte von morgen.

Damit Patienten nicht gelassen werden, bräuchte es Fachkräfte. Doch die können sich die Ausbildung kaum leisten.
upixa - Fotolia Damit Patienten nicht gelassen werden, bräuchte es Fachkräfte. Doch die können sich die Ausbildung kaum leisten.

Die Sache mit der Ausbildung hat sich Laura irgendwie anders vorgestellt. Im vierten Monat ihrer Lehre zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ist die 19-Jährige mittlerweile, es könnte der letzte sein. Nicht weil ihr die Ausbildung nicht gefällt, im Gegenteil. Laura kann sich ihre Ausbildung einfach nicht mehr leisten. Statt davon leben zu können, zahlt sie am Ende noch oben drauf.

Wie das sein kann? Laura rechnet vor: Bei 519 Euro netto liegt ihr monatlicher Lohn, dazu kommen 184 Euro Kindergeld. Von den 705 Euro gehen 294 Euro für die Miete ab, bleiben 411 Euro. Wirklich zur Verfügung hat sie den 20 Euro über dem Sozialhilfesatz liegenden Betrag aber nur jeden zweiten Monat. Weil Laura alle vier Wochen für einen Monat in die 80 Kilometer entfernte Berufsschule muss, fallen weitere Kosten an: 200 Euro für die Unterkunft vor Ort, 150 Euro für die Fahrten nach Hause. Ergo: Der Auszubildenden bleiben auf den einzelnen Monat gerechnet 236 Euro zum Leben, die Kosten für Schul- und Lernmaterialien sind da noch gar nicht berücksichtigt.

Sozialarbeiterin weiß, dass Laura kein Einzelfall ist

Simone Kunze treibt das beinahe zur Weißglut. Die Sozialarbeiterin kennt Laura aus ihrer Zeit in der Jugendhilfe, betreute die bereits früh straffällig gewordene junge Frau über mehrere Jahre. „Laura hat sich hier eingelebt und sich bewusst für die Region entschieden, nun wird sie geradezu zum Abbruch ihrer Ausbildung gezwungen“, erklärt Kunze. Dass der spätestens mit Aufnahme der Ausbildung in geordnete Bahnen gelenkte Weg Lauras ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt unterbrochen wird, sie kann es kaum fassen.

Doch es geht nicht um Laura allein, Simone Kunze bemüht den Blick aufs Ganze. „Alle wundern sich über die Abwanderung der jungen Menschen, alle reden vom Pflegenotstand und davon, die Jugend mit allen Mitteln im Land zu halten. Unter diesen Bedingungen aber brauchen wir uns überhaupt nicht zu wundern. In ein paar Jahren werden wir hier nur noch alte Leute haben und massig Pflegepersonal benötigen. Nur ist dann keiner mehr da.“

Regionale Verwurzelung wird torpediert

Dabei ist das Problem längst erkannt: Weil Auszubildende im Nordosten gleich doppelt benachteiligt werden, ist ihre Lage häufig prekär. Zu ohnehin niedrigen Löhnen gesellen sich vergleichsweise lange Fahrten zu Berufsschulen und Ausbildungsstätten. Wohl auch deshalb liegt die Abbrecherquote bei knapp 30 Prozent. Wer bleibt, ist während der Lehre häufig auf die Unterstützung der Familie angewiesen, nach dem Ausbildungsende ist ein attraktiv vergüteter Arbeitsplatz längst keine Selbstverständlichkeit. Kurz gesagt: Die häufig stark ausgeprägte regionale Verankerung der jungen Leute wird regelrecht torpediert.

Das weiß auch Christiane David. Jahrelang in Sozial- und Jugendamt des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte und seiner Vorgänger tätig, leitet sie jetzt das Projekt „Jugendservice“ von Kreis und Agentur für Arbeit. Fälle wie den von Laura kennt sie viele. „Unter den gegebenen Bedingungen kriege ich viele Jugendliche hier nicht gehalten, das ist einfach so“, erklärt David. Besonders geholfen wäre den Auszubildenden ihrer Meinung nach mit einer großzügigeren Übernahme der Fahrt- und Unterkunftskosten für die Berufsschulen.

Eigentlich sollten sich Arbeitgeber, Land und Azubi die Kosten teilen

Die aktuell geltende Drittelregelung – Arbeitgeber, Land und Azubi teilen sich die Kosten zu je einem Drittel – funktioniere offensichtlich nicht. Das belegen Zahlen des Bildungsministeriums. Von den jährlich für die Drittelregelung zur Verfügung stehenden 100 000 Euro wurden im Jahr 2013 nur 976 Euro ausgereicht, im laufenden Jahr waren es bislang sogar nur 326 Euro. Eine wirksame Unterstützung sieht anders aus. Deshalb fordern Christiane David und andere: Zugangsvoraussetzungen für die Drittelfinanzierung absenken, besser aber noch die Bedingung des Arbeitgeberzuschusses aufheben und insbesondere die Pauschale für die Unterkunftskosten „den Tatsachen“ anpassen.

Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) erteilt dem eine klare Absage. „An der Drittelregelung wird festgehalten, auch weil ich die 200 bis 300 Euro Mehrkosten für die Unternehmen durchaus für machbar halte“, erklärte Brodkorb gegenüber dem Nordkurier. Auch die bislang geltende Übernachtungspauschale in Höhe von zehn Euro pro Nacht solle beibehalten werden. Sie basiere auf „empirischen Erfahrungen“ und sei „durchaus angemessen“.

Laura fasst eine Abwanderung ins Auge

Dass Laura im Internat am Standort ihrer Berufsschule 18 Euro pro Nacht bezahlen müsste, stimmt mit dieser „Empirie“ zwar nicht überein, Brodkorb aber ficht das nicht an. Er verweist darauf, dass laut neuer Richtlinie zur Erstattung von Fahrt- und Unterkunftskosten für Auszubildende alle Azubis mit weniger als 400 Euro Lehrlingsgehalt im Monat anspruchsberechtigt sein sollen. Die Richtlinie soll im Januar 2015 in die Anhörung gehen.

Für Laura könnte es dann nicht nur zu spät sein, sie würde ohnehin weiter durch das Raster fallen. Weil sie auf dem Papier zu viel Geld zur Verfügung hat, müsste sie die Ausgaben für die Zeit an der Berufsschule weiterhin selbst tragen. Dass sie das schafft, ist unwahrscheinlich. Den Abbruch ihrer Ausbildung und Abwanderung bezeichnet sie als „ernsthafte Option“. Das selbst gesteckte Ziel „Keiner wird zurückgelassen!“ wäre damit einmal mehr verfehlt.

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