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Braun schillert in vielen Farben

Von außen Arzt oder Anwalt, Ökobauer oder Handwerker, Motorradrocker oder Kampfsportler, im Innern rechtsextrem – die Feinde der Demokratie breiten sich aus, jenseits von NPD und Kameradschaften. Ein neues Buch gibt Einblick in die Szene.

Ein Aktivist der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) gibt sich offen zu erkennen. Das sei aber nur bei wenigen der Fall, die ein radikales politisches Ziel vor Augen hätten, meint Journalistin Andrea Röpke.
Fabian Bimmer Ein Aktivist der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) gibt sich offen zu erkennen. Das sei aber nur bei wenigen der Fall, die ein radikales politisches Ziel vor Augen hätten, meint Journalistin Andrea Röpke.

Es wirkt wie ein Bild aus längst vergangene Zeiten: Ein Büdnerhaus am Wegesrand, eine Frau mit Haarkranz und langem Rock füttert das Federvieh, ein Mann mit scharfem Scheitel pflügt die Scholle, drum herum tummelt sich die Kinderschar. Harmlos nur auf den ersten Blick, denn hinter dem Idyll steckt der Feind der Demokratie, der gemeine Neonazi. Ihm will Andrea Röpke, freie Journalistin und Expertin für Rechtsextremismus, wo immer es geht die Maske abreißen. Zum Beispiel in der Gegend um Lalendorf, wo mittlerweile gut ein Dutzend „völkischer Siedlerfamilien“ mit rund 60 Kindern lebt.

Im Auftrag der SPD-Landtagsfraktion hat Andrea Röpke ein Buch geschrieben, das die braune Szene ausleuchtet. „Es wird zu stark auf die NPD geschaut, die vielen anderen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus werden unterschätzt“, sagt sie. Selbst „der Verfassungsschutzbericht klammert viele Bereiche aus“.

 

Menschenfeindliche Ideologie hinter gutbürgerlicher Fassade

Einerseits gibt es die sichtbaren Bastionen des Rechtsextremismus: Das martialische Thinghaus im Gewerbegebiet von Grevesmühlen. Den trutzigen Feldstein mit den Worten „frei, sozial, national“ in Jamel. Lübtheen, wo die Führungsriege der NPD um Udo Pastörs residiert. Nicht zuletzt Ostvorpommern, die Hochburg der braunen Kameradschaften. Darüber hinaus, so Andrea Röpke, entstehen immer mehr „nebulöse Strukturen, die schwer durchschaubar sind“. Der Nordosten habe sich zu einem Erprobungsgebiet rechtsextremer Netzwerke und Subkulturen entwickelt. „Wenige, die ein radikales politisches Ziel vor Augen haben, geben sich offen zu erkennen.“

Sie sind Nachbarn, Handwerker, Geschäftspartner, bieten Dienstleistungen an oder Ferien auf dem Reiterhof, dringen in Feuerwehren, Sportvereine und Bürgerinitiativen vor, bringen ihre Kinder in die Waldorf-Kita, kaufen im Bio-Laden ein. Hinter der gutbürgerlichen Fassade verbirgt sich die menschenfeindliche Ideologie, oft gepaart mit Gewaltbereitschaft. Mit vielen Bildern und Lebensläufen belegt Andrea Röpke, wie sich die Szene entwickelt und überregional vernetzt hat. Da ist der Biobauer, der um gentechnikfreie Landwirtschaft kämpft. Der Kampfsportler, der von seiner Vergangenheit als Skinhead schwadroniert und mit sozialem Engagement Pluspunkte sammelt. Oder der Anwalt, der sich ungeniert zum Sprachrohr krimineller Rockervereine macht. Gerade in der Bikerszene mit Zentren in Wismar, Rostock, Greifswald und Neubrandenburg gedeihen neben Machenschaften in Prostitution und Drogenhandel radikale politische Haltungen.

 

Diesem Treiben stehen starke bürgerliche Strukturen gegenüber

Zudem hat Mecklenburg-Vorpommern mit günstigen Grundstückpreisen rechtsextreme Siedler aus ganz Deutschland angezogen, abgeschottete Klüngel wie Artamanen, Ludendorffer oder die Arier-Sekte Artgemeinschaft. Die Gesinnungsgenossen tun sich in Wohngemeinschaften und Nachbarschaften zusammen. „Der Landtagsabgeordnete der NPD, David Petereit, baut anscheinend gemeinsam mit der Familie eines Kameraden ein verfallenes doppelstöckiges Stallgebäude in Püschow bei Satow aus“, schreibt Andrea Röpke. „In Miekendorf wohnt ein weiterer Kamerad mit Familie. In der Nähe betreibt ein Humanmediziner seine Praxis. Dessen Kinder… marschieren bei Neonazi-Demonstrationen mit.“

„Im Schatten der offen antidemokratisch auftretenden NPD versuchen rechtsextreme Strukturen bis weit in der Mitte der Gesellschaft vorzustoßen“, sagt Norbert Nieszery, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag. Grund zu Panik gebe es nicht, da diesem Treiben starke bürgerschaftliche, politische und staatliche Strukturen entgegenstehen. Doch die können schnell einmal versagen, wie Andrea Röpke an einem Fall aus der Region Güstrow zeigt. Im Werbeflyer für die jährliche Pfingstaktion „Kunst offen“ listet der Tourismusverband auch rechtsextreme Aussteller auf. Weder die Kritik der Landespolitik konnte daran etwas ändern, noch der Protest von Kunstliebhabern, die sich wider Willen beim Neonazi wiederfanden.

Andrea Röpke: Gefährlich verankert – Rechtsextreme Graswurzelarbeit, Strategien und neue Netzwerke in Mecklenburg-Vorpommern“, herausgegeben von der SPD-Landtagsfraktion, ISBN 978-3-00-048292-2