Linksfraktion verleiht Preis:

Courage gegen Rechts ist in Demmin zu Hause

Ein Bündnis aus gebürtigen und zugezogenen Vorpommern stellt sich seit vier Jahren Naziaufmärschen in den Weg. Der Linksfraktion im Landtag ist das alle Ehre wert.

Die Mitglieder vom „Aktionsbündnis 8. Mai“ auf der Verleihung des Courage-Preises: Helmut Hauck (li.), Kerstin Lenz, Daniel Brisch, Heinz Wittmer und Kornelia Gillert. Foto: Büttner
Jens Büttner Die Mitglieder vom „Aktionsbündnis 8. Mai“ auf der Verleihung des Courage-Preises: Helmut Hauck (li.), Kerstin Lenz, Daniel Brisch, Heinz Wittmer und Kornelia Gillert. Foto: Büttner

Demmin/Schwerin. Es war der Nieselregen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Am 8. Mai 2009 standen Menschen in und vor der Kirche von Demmin, um gegen die Rechtsextremisten zu protestieren, die an diesem Tag wieder einmal in der Kleinstadt an der Peene eingefallen waren. Dem Gottesdienst sollte eine Gegendemonstration folgen. Doch die wurde abgesagt. Wegen ein paar Tropfen von oben und der Ansicht der Stadtoberen: Ignorieren und laufen lassen seien die besten Mittel gegen Nazi-Marschierer. „Das war bisschen viel für einen Tag“, sagt Heinz Wittmer. Er gehörte zu denen, die sich seinerzeit nicht bremsen ließen. Rund drei Dutzend Frauen und Männer stellten sich an diesem Tag spontan gegen die rund 200 Rechtsextremen auf die Straße.

Zudem gab dieses „bisschen viel“ genug Anschub, um in Demmin einen dauerhaften Widerstand zu formieren – das Aktionsbündnis 8. Mai. Es will den Neonazis an den Jahrestagen des Kriegsendes weder die Straße überlassen noch die Deutungshoheit für die tragischen Ereignisse im Frühjahr 1945. In Demmin wurden vom 30. April bis 2. Mai rund 500 Tötungen und Selbsttötungen gezählt. Frauen und Männer hatten sich und ihre Kinder aufgehängt, vergiftet und ertränkt.

Zum Aktionsbündnis zählen 15 Menschen, die auf den ersten Blick gar nicht viel gemeinsam haben, Menschen wie Kerstin Lenz und Heinz Wittmer. Er läuft gern barfuß und trägt Botschaften auf dem T-Shirt, so wie die Missbilligung für den G8-Gipfel 2008. Damals war er aus der Nähe von Heidelberg aufs Land bei Demmin gezogen. In diesem Mai hat Heinz Wittmer bei der Demo in Demmin die Straße blockiert. „Beinahe hätten wir es geschafft, die Nazis am Loslaufen zu hindern“, sagt er. „Noch 100 mehr und es hätte gereicht.“

„Wir sind ein loser, bunter Haufen“

Kerstin Lenz ist in Demmin geboren, betreibt eine Hundepension und erledigt im Laufschritt Termin auf Termin. „Ich bin nicht so der Typ, der sich auf die Straße setzt“, sagt sie. Lieber steht sie am 8. Mai beim Friedensfest am Hafen. „Wir sind ein loser, bunter Haufen“, sagt sie über das Bündnis.

Rund 15 Leute, ganz Junge ebenso wie solche, die das Kriegsende noch erlebt haben. Parteimitgliedschaften spielen keine Rolle, es gibt keine Sprecher oder Vorsitzenden, sondern nur Vielfalt mit einem gemeinsamen Nenner: „Leute, die aus innerer Überzeugung etwas tun wollen.“ Ihre Treffen einmal im Monat sind öffentlich. Sie haben Erkenntnisse über die letzten Kriegstage in Demmin gesammelt und Diskussionen und historische Stadtführungen dazu veranstaltet, sie organisieren Kulturveranstaltungen und thematisieren sexualisierte Gewalt im Krieg ebenso wie die brisante Lage in Ägypten.

Am Freitag stand das Engagement der Demminer im Mittelpunkt einer Feierstunde. Die Linksfraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat dem Bündnis aus Demmin den Courage-Preis verliehen. Er ehrt „Menschen, die nicht zulassen, dass sich rechtsextremistisches Denken und Handeln weiter ausbreiten – nicht auf den Straßen und Plätzen, nicht in den Parlamenten und vor allem nicht in den Köpfen“, sagte der Fraktionschef Helmut Holter.

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