Einkaufen auf dem Land:

Das sind die Trümpfe unserer Händler

Geschäfte im Internet sind voller verlockender Angebote. Wie dagegen die Kaufleute vor Ort punkten können, erläutert Torsten Haasch, Hauptgeschäftsführer der IHK Neubrandenburg, im Interview.

IHK-Hauptgeschäftsführer Torsten Haasch.
IHK-Hauptgeschäftsführer Torsten Haasch Foto: Jörg Spreemann

Im harten Wettbewerb um Kunden scheint der Online-Handel auf dem Vormarsch zu sein. Jeder zehnte Euro wird heute im Netz ausgegeben.

Der Internethandel ist zur Riesenherausforderung für jeden stationären Einzelhändler geworden. Ausgebrochen ist ein Wettbewerb, den wir in diesem Ausmaß in den ländlichen Regionen bisher nicht kannten. Diese Dynamik hat vor Jahren keiner so vorhersehen können. Verluste durch den Online-Handel sorgen insbesondere in schwierigen Lagen für Schließungen und Umsatzeinbrüche.

Haben Händler und Dienstleister den Ernst der Lage erkannt und sich auf diese Entwicklung eingestellt?

Nur zum Teil. Viele haben das Kundenverhalten unterschätzt. Der Kunde entscheidet sehr spontan über den Kauf. Davor sind auch Stammkunden nicht gefeit. Deswegen spielen Kundenkarten oder Bonussysteme ebenso eine große Rolle wie frühzeitige Informationen über neue Sortimente. Händler vor Ort müssen ihren wichtigsten Trumpf ausspielen – die kompetente Beratung ihrer Kunden. Außerdem bietet das Internet die Chance, ein Sortiment zu erweitern, ohne dass die Ware vorrätig sein muss. So könnten zum Beispiel gewünschte Farben oder Größen im Laden gleich online bestellt werden.

In Dörfern und Städten stehen viele Läden leer. Müssen wir uns an diesen Zustand gewöhnen?

Daran ist nicht nur der Online-Handel schuld. Wir haben durch den Bevölkerungsrückgang ständig Verluste bei der Kaufkraft hinnehmen müssen. Leerstand ist ein Riesenproblem in kleineren Städten oder in ehemaligen Kreisstädten. Die Zeit, in der man als Einzelhändler mit einem kleinen Laden wirtschaftlich erfolgreich sein konnte, ist an vielen Standorten nicht mehr gegeben. Es ist traurig, dass viele Traditionsunternehmen, die teils seit mehr als 100 Jahren existiert haben, aufgeben mussten. Das schmerzt, weil dadurch auch Besonderheiten verloren gehen und die Uniformität im Handel immer mehr zunimmt.

Welche Folgen haben geschlossene Läden für die Wirtschaft in der Region?

Florierender Einzelhandel macht Orte oder Regionen attraktiv. Lässt die Anziehungskraft nach, bekommen Unternehmen Probleme, die qualifizierte Mitarbeiter suchen. Denn nach der Frage, wo sich der nächste Arzt befindet, folgt auch immer die nach den Entfernungen zu Einkaufsmöglichkeiten. Lücken in der Geschäftslandschaft senken die Sogwirkung auf Kunden. Das kann zu einem Dominoeffekt führen und andere Händler in Schwierigkeiten bringen. Irgendwann bleiben Investitionen in die Innenstädte aus.

Müssen Bürgermeister tatenlos zusehen, wie ein Laden nach dem anderen dichtmacht?

Die Fürsorge für den innerstädtischen Einzelhandel ist in den Rathäusern oft nicht genug ausgeprägt. Es wurden und werden immer noch Geschäftsstandorte außerhalb der Stadtzentren zugelassen. Das gräbt den Händlern in der Ortsmitte das Wasser ab.

Was können Städte tun, um für einen lebendigen Handel im Heimatort zu sorgen?

Einzelhandel in einer Innenstadt lebt auch von seiner Erreichbarkeit. Wenn immer mehr das Parken erschwert wird, schreckt das ab. Zumal viele Kunden älter werden. Oft fehlt, wie in Neubrandenburg, ein Nahverkehr direkt in die City. Die Städte haben es natürlich auch in der Hand, ihre Kaufleute zu unterstützen, wenn die besondere Aktionen planen oder Sonderöffnungszeiten geplant sind. Das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Kaufleute unterstützen Vereine in ihren Städten und Dörfern und leisten für das Gemeinwohl einen konkreten Beitrag.

Das Internet hat 24 Stunden lang geöffnet, Geschäfte nur tagsüber und dann oft nicht einheitlich. Welchen Wert haben längere und einheitliche Öffnungszeiten für die Kunden?

Wenn ein Unternehmer meint, das Geschäft könnte sich lohnen, sollte er aufmachen dürfen. Die staatlichen Reglementierungen bei der Ladenöffnung haben in den letzten Jahren zu einer großen Verunsicherung geführt. Kunden wissen nicht mehr, worauf sie sich verlassen können. Natürlich sind einheitliche Öffnungszeiten besonders kundenfreundlich, gemeinsame Kernöffnungszeiten das Mindeste.

Wie ticken Kunden, wenn sie einkaufen? Wer denkt an den lokalen Handel?

Es spielt für Kunden schon eine entscheidende Rolle, ob das Produkt aus der Region kommt. Insofern ist der Kunde interessiert daran, die regionale Wirtschaft zu stärken. Ich bin sicher, dass viele gern in ihrem Laden um die Ecke einkaufen. Geht es um vergleichbare Produkte oder Preise, wird aber auch dort gekauft, wo es billiger ist. Viele Menschen haben angesichts ihrer Einkommensverhältnisse gar keine Wahl.