Überraschung bei der Buchlesung:

Der Terrorist, der früher mal mein Schwager war

Im Sommer 1990 wurden in Neubrandenburg zwei ehemalige RAF-Terroristen verhaftet. Im Frühjahr stellte Nordkurier-Reporter Frank Wilhelm sein Buch über das Thema vor und erlebte zur Premiere eine Überraschung.

Henning Beer (links) war in der Bundesrepublik ein gesuchter Terrorist, in der DDR konnte er mithilfe der Staatssicherheit ein bürgerliches Leben führen.
Henning Beer (links) war in der Bundesrepublik ein gesuchter Terrorist, in der DDR konnte er mithilfe der Staatssicherheit ein bürgerliches Leben führen.

Die Welt ist klein. Das zeigte sich, als die DDR-Führung in den 1980er Jahren zehn steckbrieflich gesuchte RAF-Terroristen aus der Bundesrepublik versteckt hat. Und es bestätigt sich, als Jahrzehnte später bei einer Buchvorstellung in Schwerin ein Mann aufsteht und sagt: „Ich bin ein Ex-Schwager des Terroristen Henning Beer.“

Der hatte unter dem Namen Dieter Lenz seit 1982 in Neubrandenburg gelebt und war dort im Sommer 1990 aufgeflogen, ebenso wie die Silke Maier-Witt alias Sylvia Beyer. Sie waren die letzten der zehn RAF-Aussteiger, die nach der Wende im Osten verhaftet wurden. Mit Hilfe der Staatssicherheit hatten sie diesseits des eisernen Vorhangs ein unbescholtenes Leben geführt.

RAF-Aussteiger mit neuen Identitäten

Nordkurier-Reporter Frank Wilhelm hat immer wieder zu diesem Thema recherchiert, in Stasi- und Zeitungsarchiven nachgeforscht und Zeitzeugen ausgefragt. Seine Erkenntnisse legt er in dem Buch „RAF im Osten. Terroristen unter dem Schutz der Stasi“ dar. Zur Premiere hatte die Landeszentrale für politische Bildung den Journalisten am Mittwoch nach Schwerin eingeladen.

Das Publikum erfuhr, wie die RAF-Aussteiger in Zweiergruppen über Berlin-Schönefeld in die DDR eingereist waren. In einer konspirativen Ferienanlage bei Frankfurt/Oder wurden sie auf das Leben im Arbeiter- und Bauernstaat vorbereitet. Sie erhielten neue Identitäten und mussten fiktive Lebensläufe pauken, bevor sie möglichst weit entfernt von Transitstrecken und den Grenzen zum Westen in volkseigenen Betrieben und Plattenbausiedlungen untergebracht werden konnten – überwacht von Stasi-Zuträgern und hauptamtlichen Mitarbeitern.

Familie von der Stasi durchsetzt

„Es gab aber nur sehr, sehr wenige, die Bescheid wussten“, sagt Frank Wilhelm. „Einige hochrangige Stasi-Offiziere und Stasi-Chef Erich Mielke, dem nachgesagt wird, dass er nichts ohne Zustimmung von Erich Honecker tat.“

Dieter Lenz alias Henning Beer fand in Neubrandenburg Arbeit und eine Frau. Er wird als verdienstvoller Wandzeitungsredakteur des Arbeitskollektivs gelobt und gilt unter Kollegen als „200-Prozentiger“.

Die angeheiratete Familie des Terroristen ist von gleich mehreren inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter durchsetzt, darunter zwei seiner Schwager. Mit ihnen hat der Mann, der zur Lesung gekommen ist, nichts zu tun. Im Gegenteil, er selbst war Opfer der linientreuen Verwandtschaft.

Nach seiner Verhaftung sagte Henning Beer als Kronzeuge gegen frühere Kampfgefährten aus. Er verbüßte eine Haftstrafe, danach verlor sich jede Spur. „Ich denke, er lebt irgendwo mit einer neuen Identität“, sagt sein Ex-Schwager.

Gesuchte RAF-Kämpfer fanden in der DDR Unterschlupf

1980 und 1982 nahm die DDR zehn RAF-Aussteiger auf. Unter Regie der Stasi erhielten unter anderem Silke Maier-Witt (Hoyerswerda, Erfurt und Neubrandenburg), Henning Beer (Neubrandenburg), Silke Sternberg und Ralf Baptist Friedrich (beide Schwedt) und Inge Viett (Dresden, Magdeburg) eine neue Legende. Erst im Juni 1990 konnten die Ex-Terroristen, die in der BRD steckbrieflich gesucht wurden, verhaftet werden.

Die teils abenteuerlichen Lebenswege der Terroristen und ihre Ankunft im sozialistischen Alltag werden in dem Buch „RAF im Osten“ beschrieben. Im Zentrum stehen Beer alias „Dieter Lenz“ und Maier-Witt alias „Sylvia Beyer“. Der Beitrag wurde dem Band entnommen. Das Buch ist im Nordkurier-Buchverlag erschienen und ist über mecklenbook.de, im Neubrandenburger Medienhaus sowie im Buchhandel zu erwerben.

Frank Wilhelm, RAF im Osten. Terroristen unter dem Schutz der Stasi. 200 Seiten, 14,90 Euro

www.mecklenbook.de

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