Der "Child Alert" :

Deutsch-polnische Erleichterung

Im Nachbarland wurden alle Register gezogen, um ein entführtes Mädchen wiederzufinden. Gerettet wurde sie jedoch dank vieler Faktoren. Und ein bisschen Glück war auch dabei.

In der Nähe von Stettin durchsuchten Polizisten auf der Suche nach dem Mädchen jeden Winkel. Doch da war sie wohl schon nach Deutschland entführt.
Marcin Bielecki In der Nähe von Stettin durchsuchten Polizisten auf der Suche nach dem Mädchen jeden Winkel. Doch da war sie wohl schon nach Deutschland entführt.

Die Entführung des polnischen Mädchens aus der Grenzregion schlägt in den polnischen Medien hohe Wellen. Dass diese so glücklich ausging, wird dabei auch einem modernen Aktionsprogramm namens „Child Alert“ zugeschrieben, mit dem die Bevölkerung alarmiert und zur Mithilfe aufgefordert werden kann. Doch letzten Endes war es vor allem „Kommissar Zufall“, der bei der Rettung der Zehnjährigen seine Hände im Spiel hatte. Allein schon der Umstand, dass ein Verwandter des Mädchens in dem Ort Bismark an der deutsch-polnischen Grenze einen Winterstiefel des Mädchens gefunden hatte, habe dafür gesorgt, dass Deutschland überhaupt als Fluchtrichtung ins Spiel kam und die Suche in den nahen Wäldern unverzüglich begann, bei der neben über 40 Polizisten und einem Hubschrauber auch Fährtensuchhunde der Polizeidirektion Neubrandenburg zum Einsatz kamen, sagte Polizei-Pressesprecher Axel Falkenberg.

Das Mädchen hatte sich das Bein gebrochen

Allerdings sorgten die Hunde auch dafür, dass die Beamten bereits das Schlimmste befürchteten. Ihr Verhalten ließ nämlich darauf schließen, dass sich das Mädchen zwar noch im Wald befindet, aber nicht mehr am Leben ist. Doch gerade als die Suche noch weiter intensiviert werden und Spezialkräfte angefordert werden sollten - da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass der Täter bewaffnet ist - kam die erlösende Mitteilung der Friedländer Kollegen, dass sie das Mädchen und den Täter hatten. Die Kollegen hätten vor Freude die Arme in die Höhe gerissen, erzählt der Anklamer Polizeisprecher. Die Anspannung der stundenlangen Suche sei von ihnen abgefallen. Die Polizisten konnten den Entführer widerstandslos festnehmen.  Das Mädchen schien da auch noch unversehrt. „Bei einer genaueren Untersuchung wurde jedoch festgestellt, dass das Mädchen sich das Bein gebrochen hatte“, so Axel Falkenberg.

Es sei ein glücklicher Umstand gewesen, dass ein Anwohner das Fahrzeug auf der Landstraße 282 in der Nähe des Abzweiges nach Friedrichshof bemerkte, so Axel Falkenberg. Diese schmale Landstraße führt von Lübbersdorf bei Friedland Richtung Straßburg und zur Autobahn 20 Richtung Berlin und Stettin. Auf gut vier Kilometern stehen nur ein großes Forsthaus, die alte Mühle und ihr gegenüber noch ein weiteres Wohnhaus. Sie wisse nicht von der Entführung, so eine Bewohnerin an der Alten Mühle. Im nur vielleicht zwei Kilometer entfernten Dörfchen Friedrichshof leben etwa 20 Leute. Es gibt eine Stallanlage unweit des Ortes und ein verlassenes, verfallenes Gutshaus in der Dorfmitte.  Er habe von der ganzen Sache am Vorabend aus dem Fernsehen erfahren, sagt ein Friedrichshofer. Dass das Mädchen nur unweit von seinem Dorf gefunden wurde, das habe er nicht mitbekommen.

Der "Child Alert" lief auf Hochtouren

„Ein Foto des Mädchens war zu diesem Zeitpunkt für die Öffentlichkeit noch gar nicht Spiel“, sagt Axel Falkenberg. Als die vom Zeugen alarmierten Polizisten vor Ort waren, brauchten sie nur noch eins und eins zusammen zählen, da der Fall bundesweit zur Fahndung ausgeschrieben war. Im Nachbarland lief da bereits der „Child Alert“ auf Hochtouren. Dabei handelt es sich um ein System, mit dem alle möglichen Medien mit Informationen über die Kindesentführung versorgt werden. Also Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, aber auch Portale und soziale Netzwerke im Internet wie Facebook oder Twitter. Im Fall des entführten Mädchens handelte es sich um ein Foto und Angaben über Alter, Aussehen und Bekleidung.

Auch in Deutschland gibt es dieses System, allerdings unter dem Namen „Amber Alert“. Das werde aber kaum genutzt, erklärt Daniel Kroll, Sprecher der „Initiative Vermisste Kinder“, weil viele Einrichtungen und Behörden sich erst abstimmen müssten, um dieses Mittel einzusetzen. Auch in Polen müssen die ermittelnden Behörden abwägen, ob sie die Entführung öffentlich machen oder ob das dem Opfer eher schaden könnte. Das System wurde in Polen im November 2013 eingeführt und kam im aktuellen Fall zum ersten Mal zum Einsatz. Davon hatte der Zeuge aber gar nichts mitbekommen, denn die Aktion lief nur in Polen, so Polizeisprecher Falkenberg. Im Endeffekt haben viele Faktoren eine Rolle Gespiel, dass das Mädchen zwei Tage nach seiner Entführung zwar mit einem Beinbruch - aber doch - ins Elternhaus im Ort Wolczkowo (Völschendorf) zurück kehren konnte. Vor allem auch die gute Kooperation mit den polnischen Kollegen.

Ihr Entführer war unterdessen gestern schon auf dem Weg in die Justizvollzugsanstalt Bützow, nachdem das Amtsgericht Neubrandenburg Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte. In Anklam, wo der Täter vorläufig festgehalten wurde, hatte der Fall für einen außergewöhnlich großen Medienrummel gesorgt, auch polnische Radio- und Fernsehsender waren vor Ort.

Schätzungsweise acht Millionen Kinder werden nach Angaben der Internet-Suchplattform "Centre for Missing and Exploited Children" weltweit jedes Jahr als vermisst gemeldet. Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) waren es allein in Deutschland am 1. Oktober 536 Kinder bis 13 Jahre. Ihre Schicksale sind sehr unterschiedlich. Doch weltweit gibt es immer wieder Fälle von Rückkehrern - auch noch nach langer Zeit. Einige Beispiele:

Mai 2013: Rund zehn Jahre nach ihrer Entführung entkommen drei Frauen in den USA ihrem Kidnapper. Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight waren zwischen 2002 und 2004 verschwunden - damals 14, 16 und 20 Jahre alt. Ihr Entführer Ariel Castro versprach ihnen einen Hund und lockte sie damit in sein Haus. Castro wurde wegen Entführung, Misshandlungen und Vergewaltigungen zu lebenslanger Haft verurteilt und im September erhängt in seiner Zelle gefunden.

Mai 2010: Zwei im Jemen entführte Mädchen aus Sachsen kehren in ihre Heimat zurück. Anna und Lydia waren knapp ein Jahr zuvor im Alter von drei und fünf Jahren mit ihrem jüngeren Bruder, ihren Eltern und vier weiteren Ausländern verschleppt worden. Alle Erwachsenen arbeiteten für ein staatliches Krankenhaus. Eine Spezialeinheit befreite die Mädchen, die sich Fatima und Sarah nannten und nur Arabisch miteinander sprachen. Von Eltern und Bruder fehlt nach wie vor jede Spur. Drei Erwachsene aus der Gruppe waren bereits kurz nach der Entführung erschossen aufgefunden worden.

Januar 2007: Zwei entführte Jungen werden in den USA von der Polizei unversehrt befreit. Der 15-jährige Shawn Hornbeck war über vier Jahre in den Händen seines Entführers. Die Polizei kam dem Mann erst auf die Schliche, als er einen weiteren Jungen kidnappte - diese Tat wurde von einem Freund des Opfers beobachtet. Als die Polizei den 13-jährigen Ben Owby nach wenigen Tagen aus der Wohnung des Kidnappers befreit, findet sie auch Shawn.

August 2006: Die 18 Jahre alte Natascha Kampusch aus Wien taucht nach acht Jahren wieder auf. Das Mädchen war im Alter von zehn Jahren auf dem Schulweg entführt und in einem Verlies unter der Garage seines Kidnappers gefangen gehalten worden. Kampusch gelang schließlich die Flucht, der Täter nahm sich am selben Tag das Leben.

2004: Mehr als sechs Jahre nach einem Brand in ihrem Haus und dem angeblichen Flammentod ihrer kleinen Tochter sieht eine Frau aus den USA auf einem Kindergeburtstag ein Mädchen, das ihren Kindern und ihr selbst sehr ähnlich sieht. Da sie selbst nie an den Tod ihres Kindes - damals ein Baby - geglaubt hat, besteht sie auf einen DNA-Test. Dieser beweist: Es ist tatsächlich ihre Tochter. Das Mädchen war von der Brandstifterin entführt worden, die Frau hatte es später als ihr eigenes Kind ausgegeben.

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