Diskussion um Theaterreform:

Die aufmüpfigen Gallier aus Neustrelitz

Im zweiten Anlauf entscheidet die Stadtvertretung Neubrandenburg am Donnerstag über eine mögliche Fusion mit dem Theater in Greifswald und Stralsund. Sollte das Brodkorb-Papier angenommen werden, könnten die rebellierenden Residenzstädter plötzlich alleine dastehen.

Feindbild Nummer 1 in Neustrelitz: Kultusminister Mathias Brodkorb auf einer Karikatur vor dem Landestheater. Während er in Schwerin die großen Scheine lässt, bleiben für die Provinz nur die Peanuts, will uns der Künstler sagen.
Frank Wilhelm Feindbild Nummer 1 in Neustrelitz: Kultusminister Mathias Brodkorb auf einer Karikatur vor dem Landestheater. Während er in Schwerin die großen Scheine lässt, bleiben für die Provinz nur die Peanuts, will uns der Künstler sagen.

Die SPD in Neubrandenburg steht jetzt offensichtlich zu ihrem Kulturminister Mathias Brodkorb. Nachdem sich die Sozialdemokraten bei der jüngsten Sitzung der Stadtvertretung bei dem Theater-Thema der Stimme enthalten hatten, scheint die Mehrheit für die Sondersitzung in Sachen Theater und Orchester GmbH Neubrandenbug/Neustrelitz (TOG) zu stehen. „Trotz Bauchschmerzen gehe ich davon aus, dass wir dem Brodkorb-Papier zustimmen“, sagte SPD-Fraktionschef Roman Oppermann am Mittwoch. Zwei Dinge sollten allerdings aufgenommen werden: Dass die Vertretungen bei den weiteren Fusionsverhandlungen mitgestalten können. Und: Dass die Planstelle des Generalmusikdirektors (GMD) „auf Dauer in Neubrandenburg installiert“ wird. Auch die CDU-Mehrheit pro Fusion steht. Angesichts der finanziellen Misere der Gesellschaft sieht Fraktionschefin Diana Kuhk keine Alternative zur Fusion. Mit der gemeinsamen Mehrheit von CDU und SPD dürfte Neubrandenburg heute den Weg zur Fusion frei machen.

Zuvor hatten bereits der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte sowie Stralsund und Greifswald dem Brodkorb-Papier zugestimmt. Aber auch die beiden Hansestädte beharren auf etlichen Zusatzforderungen, darunter zwei, die insbesondere in Neustrelitz für Bauchschmerzen sorgen dürften: Die Zahl der Aufführungen sowie der Mitarbeiter an den verschiedenen Standorten sollte den finanziellen Leistungen der einzelnen Gesellschafter entsprechen. Und: „Der Sitz der Zentralwerkstätten muss unter geografischen Bedingungen sowie der Zweck- und Machbarkeit festgelegt werden.“ Das Eckpunkte-Papier hatte demgegenüber die Ansiedlung der zentralen Werkstatt in Neustrelitz gefordert.

Neustrelitzer liebäugeln mit eigenem Theater

Auch die Forderung beider Hansestädte, das künstlerische Angebot der Höhe der finanziellen Zuschüsse anzupassen, dürfte am Standort Neustrelitz als Kampfansage verstanden werden. Denn schon in der TOG ist die Residenzstadt mit zehn Prozent Anteilen der kleinste Gesellschafter neben Neubrandenburg (50 Prozent) und dem Landkreis (40). Im Staatstheater Nordost würde der Gesellschafter- und damit auch der Finanzierungsanteil noch einmal sinken. Zum Vergleich: Neustrelitz zahlt derzeit knapp 400  000 Euro fürs Theater, Greifswald und Stralsund jeweils zehnmal so viel.

Die Neustrelitzer sehen sich deshalb als „Krümchen Staub“ im künftigen Staatstheater Nordost, wiederholte Stadtpräsident Christoph Poland eine Metapher von Stadtvertreter Ernst August von der Wense (beide CDU). Die Neustrelitzer Stadtvertretung hatte jüngst sowohl das Fusionsmodell auch das Solidarmodell abgelehnt. Letzteres Modell, mit dem die Eigenständigkeit der TOG und die Musiktheatersparte bewahrt werden sollen, sei zu „Philharmonie-lastig“, sagte Poland. Wie es weitergehen soll, könne er derzeit nicht sagen. „Es gibt bei uns noch viel Beratungsbedarf.“

Indes gibt es Überlegungen in Neustrelitz, einen Theater-Alleingang zu wagen – ohne Greifswald, Stralsund und Neubrandenburg. „Ein eigenständiger Weg ist nicht ausgeschlossen. Klein und eigenbestimmt ist vielleicht der bessere Weg für uns“, sagte ein Stadtvertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte. Das Brodkorb-Papier lässt diese Möglichkeit offen. Dann würde das Land seinen Finanzierungsbeitrag „auf ein Mindestmaß reduzieren“, heißt es im Eckpunkte-Papier. Landrat Heiko Kärger (CDU) warnt vor einem Alleingang.

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Kommentare (6)

Sehr geehrter Herr Wilhelm! Ihre eindeutig tendenziöse Berichterstattung zur Debatte um eine mögliche und mehr oder weniger sinnvolle Theaterfusion im östlichen Landesteil von Mecklenburg-Vorpommern entbehrt schon seit langem jeder Sachlichkeit und Objektivität. Mit dem Artikel „Die aufmüpfigen Gallier aus Neustrelitz“ ist mir allerdings der sinngemäße Kragen geplatzt. Darum möchte ich einige Gedanken äußern. Nach „schweren Geschützen im Theaterkrieg“ und bspw. einem Bericht über die Diskussion mit dem Staatssekretär Schröder im Landestheater, die Sie gar nicht bis zum Ende der Veranstaltung verfolgen konnten oder wollten, zweifeln Sie nun, ausgerechnet am Tag der Neubrandenburger Theatersondersitzung, an der Sinnhaftigkeit der Entscheidung der Neustrelitzer Stadtvertretung und sprechen wieder von „Kampfansagen“ und „aufmüpfigen Galliern“. Wem nützt eigentlich diese Kriegsrhetorik? Die Abfälligkeit, die in der Eingangsformulierung Ihres Kommentars („So kennen und lieben wir sie - unsere Residenzstädter“) steckt, empfinde ich als äußert unangemessen. Aber so kennen wir ihn ja, unseren Herrn Wilhelm. Ernst nehmen kann ich das schon lange nicht mehr. Diese mutige, aber wichtige politische Entscheidung, gegen den Willen der Landespolitik als Existenzbedrohung des „traditionsreichen Landestheaters“ zu deklarieren, ist blanker Hohn. Dass bei einer Fusion zu einem Staatstheater Nordost neben - von Fachleuten oft genug betonten - Qualitätseinbußen sowie Identitäts- und Traditionsverlusten auch zahlreiche Arbeitsplätze wegfallen, spielt in Ihrer Berichterstattung offenbar keine Rolle mehr. Wenn in den Vertretungen anderer potentieller Fusionspartner Bedingungen an die Verhandlungen gestellt werden, die für Neustrelitz nicht tragbar sind (Vorstellungsanzahl entsprechend der finanziellen Anteile oder (zwar nutzlose, aber vom Minister als Schmankerl in Neustrelitz angedachte) Zentralwerkstatt an einem zentraleren Ort), dann hat die Neustrelitzer Stadtvertretung gar keine andere Wahl, als diese Fusionspläne abzulehnen. Schließlich werden die ohnehin schon untragbaren Eckwerte des Brodkorb-Papiers von anderen Kommunen noch verschärft - völlig verständlich für die Stralsunder und Greifswalder, denen es ja auch ordentlich an den Kragen geht, da man einigermaßen um Schadensbegrenzung bemüht ist. In Neustrelitz handeln deshalb keine aufmüpfigen Gallier oder Rebellen, sondern sachlich argumentierende Stadtvertreter, die eben nicht einfach nach des Ministers Pfeife tanzen und stattdessen die Beschlussvorlagen hinsichtlich Ihrer Folgen und Auswirkungen für Neustrelitz gewissenhaft abwägen - genau dafür wurden sie gewählt! Weiter sprechen Sie von Gegnern. Neustrelitz hat meines Wissens keine Gegner in Greifswald, Stralsund und Neubrandenburg. Alle theatertragenden Kommunen sitzen im gleichen Boot! Wenn Minister Brodkorb sich seiner in der Landesverfassung festgeschriebenen Verantwortung für den Schutz und Erhalt von Kultur entzieht und u.a. mit dem Tenor „Wenn Neustrelitz ein Vier-Sparten-Haus will, muss die Stadt mehr Geld geben“ durch die Welt hüpft, verwechselt er doch entscheidendes: Die „Stadt Neustrelitz“ als Verwaltungsorgan ist etwas anderes als die Bürger und Zuschauer, die in dieser Stadt leben und das Theater stark frequentieren und einfordern. Denen ist völlig egal, ob das Land oder die Stadt das notwendige Geld geben. Weil alle Bürger der betroffenen Städte als Bürger des Landes Mecklenburg-Vorpommern auch in dessen Zuständigkeit fallen. Als Kultusminister dürfte man sich da durchaus gefordert fühlen. Mal ganz abgesehen davon: Es gibt überhaupt keine Not, keine Daseinsberechtigung für eine Theaterreform (Reform = lat. Gestaltung, Wiederherstellung). Einzig und allein die finanziellen Verantwortungen und Zuständigkeiten sind zu klären. Dafür können Lösungen gefunden werden. Ohne Stellenabbau, Spartenstreichen, Fusionieren. Modelle dafür sind da. Wenn man bereit ist, sie zu diskutieren, ist genau das der nächste Schritt hin zu einer zukunftsfähigen, tragfähigen Theaterstruktur. Lassen Sie uns doch lieber wieder darüber nachdenken, wie wir das Theater weiter in der Gesellschaft verankern können. Die TOG ist der kulturelle Leuchtturm der Seenplatte, wichtiger Nährboden für die (von einigen Fusionsbefürwortern gerne gegeneinander ausgespielte) freie Szene, Nachwuchsförderer und Bildungsanstalt, nicht zuletzt der Anker für künstlerischen und gesellschaftlichen Austausch. Und all das kann und muss man sich leisten. Ich bitte Sie, Ihre Haltung, die Sie in Ihren bisherigen Artikeln und Kommentaren darlegen, einmal in Ruhe zu überdenken und fortan passendere Sinnbilder und Metaphern auszuwählen. Die aktuelle Berichterstattung ist, gelinde gesagt, unfair. Ebenso ist es eine Unart im Nordkurier, dass die als sachlich deklarierten Artikel vom selben Verfasser durch einen Kommentar noch gewertet werden. Wie soll man da den eigentlichen Bericht noch ernst nehmen? Wurden vielleicht gar Fakten vorenthalten, weil der Autor klar für eine Seite Stellung bezieht? Sehr dubios. Gegenüber all denen, die sich anhand der Zeitung, für die Sie schreiben eine Meinung bilden, tragen Sie eine wichtige Verantwortung! Dialog und Diskurs - das erlebe ich im Theater und das fordere ich von der Presse! Christoph Kurzweil

Danke für diesen und andere ausführliche Leserbriefe aus Neustrelitz zum Artikel "Die aufmüpfigen Gallier aus Neustrelitz". Man freut sich ja als Journalist, wenn man gelesen wird, was durch Leserbriefe - positive und kritische - signalisiert wird. 1. Lassen Sie mich, Herr Kurzweg, vom Ende Ihrer Mail aus anfangen. "Dialog und Diskurs" - das erwarten Sie von der Presse. Da sind wir einer Meinung. Zum Diskurs gehört aber nicht nur, des anderen Meinung nachzubeten, sondern dazu gehört auch, andere Meinungen wahrzunehmen, diese zu akzeptieren, sich mit ihnen auseianderzusetzen und zu argumentieren. Genau das habe ich aus meiner Sicht getan: Einerseits mit dem Bericht, in dem ich verschiedene Protagonisten habe zu Wort kommen lassen - unter anderem den Landrat, der von einem "Alleingang" von Neustrelitz als gefährlichen Weg gesprochen hat. Andererseits mit dem Kommentar. 2. Ein Kommentar hat die Funktion, die eigene Meinung darzustellen. Ich habe es früh als Volontär gelernt, dass Nachricht und Meinung klar getrennt werden sollten, so wie in diesem beiden Teilen der heutigen Berichterstattung auch geschehen. Da wir nun einmal Gott sei dank Meinungsvielfalt haben, muss ich Ihre Meinung akzeptieren, die ja auch nicht gerade sanft ist ("tendenziöse Berichterstattung") genauso wie Sie andere Meinungen akzeptieren sollten - egal, ob sie jetzt von einem Journalisten oder einem Minister kommen. Im Übrigen kann sowohl derjenige den Kommentar schreiben, der den zugehörigen Bericht verfasst hat, als auch ein anderer Kollege. 3. Einzig und allein die finanziellen Verantwortungen sind zu klären, schreiben Sie - womit Sie mir ja aus dem Herzen sprechen. Neustrelitz gab all die vergangenen Jahre knapp 400.000 Euro in die Theaterkasse und hat dafür Schauspiel, Musiktheater, Ballett und Schlossgartenfestspiele bekommen sowie eine Aufführung des Philharmonischen Konzerts. Da wart Ihr ganz schön clever, Ihr lieben Neustrelitzer, finde ich. Jetzt wird mal geschaut, wie viel die anderen potentiellen Gesellschafter in ein künftiges Staatstheater Nordost geben würden: Stralsund und Greifswald jeweils knapp vier Millionen, Neubrandenburg rund 2,4 Millionen Euro. Liegt es da nicht auf der Hand, dass die anderen Gesellschafter dann auch Vorstellungen äußern, wie die Bespielung künftig geregelt werden sollte. 4. Fragt sich, wie viel Geld Neustrelitz braucht, um einen eigenständigen Weg mit Schauspiel und Musiktheater und Schlossgartenfestspielen (und Ballett ??) zu gehen: 400000 Euro von der Stadt - das Versprechen, 400000 Euro draufzulegen ist meines Erachtens noch nicht in einen Beschluss gegossen. Der Landkreis gibt derzeit 1,5 Millionen Euro für Theater UND Orchester. Gehen wir von der Hälfte aus, wären das 750.000 Euro für Neustrelitz. (Wobei man natürlich bedenken muss: Verlässt Neustrelitz die TOG, könnte die Diskussion um die kreislichen Mittel neu aufgemacht werden. Da würde ich mich fragen, ob sich Städte wie Demmin, Malchow oder Waren angesichts eigener Haushaltsnöte automatisch solidarisch zum Neustrelitzer Theater bekennen.) Schließlich die Landesmittel: Da sagt ja das Eckwertepapier - das nicht nur Brodkorb, sondern alle Oberbürgermeister und Landräte und auch der Neustrelitzer Bürgermeister abgesegnet haben - dass bei einer Teilautonomie, wie sie Neustrelitz jetzt durchrechnet, nur die Mindestzahlungen laut Finanzausgleichsgesetz geleistet werden. Wer kann sagen, wie viel das ist??? 5. Schließlich zur Frage von Metaphern: Also ich schaue ja mit meinem Sohn (10 Jahre) gerne Asterix und Obelix. Wir begeistern uns beide an dem Mut und dem Ideenreichtum der Gallier gegenüber den Römern. Das sind die positiven Helden. Was soll dann so schlecht sein an dem Vergleich? Freilich fiel mir auch ein anderer Vergleich ein: Wie wäre es mit den Griechen aktuell: Viele Blütenträume aber kein Geld ... 6. Und schließlich die zweite Anmerkung zu Metaphern: Kam nicht auch von den Neustrelitzer Theaterkämpfern heftige Kritik an der Kündigung des Rostocker Intendanten Latchinian? Ein Argument seiner Verteidiger war, dass sein Vergleich der Kulturpolitiker aus MV mit dem IS ja wohl unter künstlerische Freiheit fällt. Ja und nun: Wegen der vergleichsweise harmlosen Metapher Neustrelitzer = Gallier und ein wenig Ironie werde ich gemaßregelt von den Residenzstädtern? Keine Sorge und kein Mitleid - das halte ich gerne aus. Es sei aber die Frage gestattet, lieber Herr Kurzweil, Herr Haase und Herr Fuchs, ob Sie hier nicht mit zweierlei Maß messen? In Erwartung strittiger Antworten verbleibt Ihr Theater-Fan Frank Wilhelm

Sehr geehrter Herr Wilhelm, danke für Ihre ausführliche Antwort. Das klingt doch schon sehr nach Dialog. Freut mich! Und natürlich nehme ich Ihre Meinung wahr und setze mich damit auseinander, diskutiere ja eben deshalb mit Ihnen. Was mich an der Gallier-Metapher stört, ist eher das Wort „aufmüpfig“. Das klingt, als könne man diese völlig verrückten Residenzstädter nicht ernst nehmen. So lange wir aber - wie die Gallier aus den Erzählungen - am Ende nicht erobert werden, bin ich gerne "Gallier". Zu meinem Urteil „tendenziös“ komme ich ja nicht ohne Grund. Was es irgendwie bisher nicht wirklich in den Nordkurier-Mantel schafft, sind a) 16.000 Unterschriften für eine Petition zum Erhalt der 4 Sparten in Neustrelitz und Neubrandenburg und b) ein massives Bürgerengagement in der gesamten Region sowie c) die negativen Folgen einer Fusion oder generell Einsparungen (finanziell, personell, strukturell) im Kulturbetrieb. Stattdessen wird hier ein Zitat eines namentlich nicht genannten Stadtvertreters als Aufhänger für ihren Bericht verwendet. Das allgemeine Klima in Neustrelitz ist aber nicht, einen Alleingang zu starten. Wirklich nicht. Sehr interessant uns lesenswert zum Thema „Theaterfinanzierung“ auch folgender Artikel: https://derkulturpolitischereporter.wordpress.com/2014/01/08/am-anfang-steht-das-wort-und-das-wort-ist-falsch/ | Zu den Fakten: Neustrelitz hat NICHT nicht entschieden, sondern sehr wohl eine Entscheidung gefällt. Gegen die Verwaltungsvorlage. Das konstrukt Fusion TOG-TVP ist bei der jetzigen Beschlusslage nicht möglich. Es bleibt also erstmal alles beim alten, da Gesellschafterverträge nur mit Zustimmung aller Beteiligten geändert werden können. Da kann auch Herr Brotkorb toben. Wenn der Minister tatsächlich in den Landeshaushalt eingepreiste Gelder (Soforthilfen oder auch Strukturhilfen) zurückhält und damit die Insolvenz der TOG herbeiführt, hat er seinem Ressort wahrlich einen Bärendienst erwiesen und wahrlich schlechte Presse verdient. Warum denn diese ständigen Drohgebärden mit Mittelkürzung usw.? Die 35,8 Millionen sind gedeckelt. Nach oben. Aber warum nicht auch nach unten - das Geld ist da, warum wird dann auf einen „Mindestbeitrag“ heruntergefahren? Der Minster macht in seiner Argumentation auch einen entscheidenden Fehler: Er verwechselt die Stadt Neustrelitz mit den Bürgern der Stadt Neustrelitz. Die Verwaltungseinheit Neustrelitz hat ganz andere finanzielle Möglichkeiten als Stralsund, Greifswald oder Neubrandenburg. Die Bürger der Stadt sind auch Bürger des Landes. Mit dem Argument „Neustrelitz muss mehr Geld geben“ macht er sich das wirklich sehr einfach! Außerdem: Wer entscheidet eigentlich, was tragfähig, wirtschaftlich und nachhaltig für einen Theaterbetrieb bedeutet? Das sind ja die Kriterien, an denen sich alle Modelle messen können müssen. Wenn ich entscheiden könnte, fiele diese Wertung für das Eckwertepapier ganz einfach aus: 1. Das Eckwertpapier ist überhaupt nicht seriös, da es bspw. im Vergleich zum Solidarmodell kein Modell mit Zahlen, sondern ein Papier mit einigen Kriterien ist. Ich sage nicht, dass das Solidarmodell perfekt ist, aber immerhin ist es von Fachleuten (nicht Metrum, man schaue sich mal den Schrott an, den die bisher so verzapft haben) und den Gewerkschaften entwickelt worden. 2. Stellenstreichungen im Kulturbetrieb sind in Anbetracht des allgemeinen Wohlstandes in Deutschland und MV nicht hinnehmbar oder moralisch zu rechtfertigen. 3. Eine Zahlung „orientiert am Tariflohn“ (noch nicht mal Tariflohn), die nur durch Entlassung zahlreicher Mitarbeiter herbeigeführt werden kann, ist unsozial und scheinheilig. Stichwort: Mogelpackung. 4. Betriebsbedingte Kündigungen? Da kann man nur sagen: Sind bei Künstlern auch nicht nötig. Die haben Jahres- bzw. Spielzeitverträge und können einfach ohne jede Abfindung oder bürokratischen Aufwand per Nichtverlängerungsmitteilung „nicht verlängert“ werden. Mogelpackung. 5. Ein profilloses Theaterkombinat Nordost ist nutzlos, weil es Theater zur Eventkultur verkommen lässt und all die Möglichkeiten, die Stadttheater bietet, schlichtweg ignoriert. Raum für Experimente wird es dort nicht mehr geben. (Theaterpädagogik, Paten- und Projektklassen, Theatergruppen, Seniorentheater, Nachgespräche, Matineen…) Derzeit echt schwierig zu erklären, da ja gerade die TOG auch an 2 wichtigen Positionen von Teilzeitkräften geleitet wird. Das ist nicht klug, egal wie gut oder schlecht die Leute sind. Vollzeit-Intendanten oder Schauspieldirektoren muss man sich schon aus Prinzip holen. 6. Ein Theaterkombinat Nordost funktioniert auch technisch nicht, da alle betroffenen Bühnen unterschiedliche Größen und technische Voraussetzungen vorweisen. Dies würde bei „Kompatibilität“ der Inszenierungen zu dem sog. kleinsten gemeinsamen Nenner (Schauspielhaus Neubrandenburg?) führen und eindeutig Qualitätseinschnitte bedeuten (schon rein optisch betrachtet). 7. Ein Tourneetheater ist für hochklassige Künstler ob der hohen Reisebelastung nicht attraktiv. Hier würde einem sicher der ohnehin schlechte Stellenmarkt in die Karten spielen, dass jeder Künstler „nimmt, was er kriegt“, egal wie hoch der damit verbundene Verschleiß ist. Aber kann das Ziel ethisch-moralischen Handelns sein? 8. Zentralwerkstatt: Absurde Idee bei diesen Distanzen. Das funktioniert in Berlin gerade mal so (dort hat man ja eine Opernstiftung gegründet, vielleicht wäre das hier auch ein Modell…). Aber soll einem Künstler tatsächlich zugemutet werden, für bspw. 30 min Kostümanprobe am Montag, 30 min Anprobe mit nötigen Änderungen am Mittwoch und 1 h Perückenanprobe/Maskenprobe am Freitag aus Stralsund oder Greifswald anzureisen. Verschenkte Arbeits- und Lebenszeit. 9. Bustouren, Zentralwerkstatt, Kulissentransport: Umweltschutz spielt im Eckwertpapier absolut keine Rolle. 10. Bespielung nach Gesellschafteranteilen: Keine Forderung vom Land, aber aus Stralsund. Absolut verständlich für die Stralsunder, die ja auch mehr Geld geben. Entsprechend aber untragbar für Neustrelitzer Theatergänger! Rechenbeispiel: Beim Staatstheater Nordost hätte Neustrelitz sicher nicht mal 10 % der Anteile, also nicht mal 10 % der Dienste bzw. Termine. Wie soll dann da das Austauschprinzip „Alle Inszenierungen und Konzerte überall zeigen“ rein termintechnisch funktionieren? Schließen wir in Neustrelitz dann alle 4 Wochen mal für eine Vorstellung auf? Wieder Stichwort: Mogelpackung. 11. Die Gewerkschaften müssten einer Tarifdeckelung bei dem fusionierten Orchester zustimmen (ist personell größer und damit eigentlich eine Gehaltsklasse höher) - ob sie das überhaupt machen werden? 12. Musikalisches Schauspiel: Der Minister glaubt, dass man damit die Festspiele im Schlossgarten absichern könne. Falsch gedacht: Ein musikalischer Schauspieler hat keinerlei Qualifikation, Operetten zu singen. Das machen Gott sei Dank Opernsänger. Stichwort: Mogelpackung. Für diese Sparte gibt es außerdem kein Repertoire, dass einen ernstzunehmenden Künstler eine ganze Spielzeit über interessieren würde. 13. Zu viele Unwägbarkeiten hinsichtlich Arbeits- und Ruhezeiten. | Diese Reihe könnte ich fortsetzen. Interessant ist allerdings eine Anmerkung, die Stadtvertreter von der Wense in einer Stadtvertretersitzung machte: Im Text der Landesverfassung (Art. 16 § 1) heißt es: "Land, Gemeinden und Kreise schützen und fördern Kultur, Sport, Kunst und Wissenschaft. Dabei werden die besonderen Belange der beiden Landesteile Mecklenburg und Vorpommern berücksichtigt.“ Wie werden denn die Belange von Mecklenburg und Vorpommern in diesem Vorgang besonders berücksichtigt, wenn man die beiden Theater "Theater Vorpommern" und TOG, beheimatet in der Mecklenburgischen Seenplatte, in einen Pott wirft? Ist eine Fusion vielleicht also gar verfassungsfeindlich? Das wäre doch mal ein Aufhänger, Herr Wilhelm! (PS: Achtung, Haarspalterei: Herr Latchinian hat in freier Rede einen Vergleich (keine Gleichsetzung) gefällt, für den er vor Ort viel Beifall erhalten hat. All die Dinge, die er gesagt hat, gibt es. Ob man sie so in einer Reihe nennen muss, kann man gerne diskutieren. Sie schreiben in Ihren Artikeln mit Metaphern und kriegsrhetorischer Wortwahl. Theaterkrieg gibt es nicht. Besser ist’s auch!)

Lieber Herr Kurzweil, vielen Dank für Ihre Kommentare und Ihre ausführlichere Darstellung, die ich so gerne auch schon viel früher einmal in Artikelform vom Nordkurier gelesen hätte. Von mir nur eine Ergänzung zu Ihrem Punkt 11. Die Gewerkschaften müssten einer Tarifdeckelung bei dem fusionierten Orchester zustimmen (ist personell größer und damit eigentlich eine Gehaltsklasse höher) - ob sie das überhaupt machen werden? Wenn eine ansonsten (hypothetisch!!!) einvernehmlich von allen Seiten als die beste Lösung erkannte Fusion nur noch davon abhinge, ob das fusionierte Orchester die Schwelle von 98 Planstellen überschritte und damit zu einem A-Orchester würde oder aufgrund eines Zugeständnisses der Gewerkschaft und der Musiker B-Orchester bliebe, wären die Musiker und die Gewerkschaft sicher die letzten, die solch einer Fusion im Wege stünden. Solch ein Modell existiert bereits mit der Neuen Philharmonie Westfalen (Gelsenkirchen/Recklinghausen) mit ihren 123 Planstellen und ihrem B/F -Status ("B mit Zulage nach Fussnote"). Allerdings ist Situation bei der Neubrandenburger Philharmonie so, dass die Musiker derzeit ca. 12% unterhalb des (B-) Tarifes bezahlt werden und seit 2009 keine Gehaltsanpassung bekommen haben, also bereits eine "Tarifdeckelung" besteht. Das macht laut Inflationsrechter von 2009 bis 2015 bereits einen Kaufkraftverlust von 7,5% aus, eine Anpassung steht weiterhin nicht in Aussicht, was bedeutet dass die Orchestermusiker weiterhin de facto noch unterhalb des D-Tarifes für Orchester bezahlt werden (zur Begriffsklärung sei allen Lesern hier die Lektüre des Wikipediaartikels "Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern" empfohlen). Dass für Sänger, Schauspieler und Tänzer eigentlich eine höhere Bezahlung angemessen wäre als die, die sie bekommen, sei dabei durchaus erwähnt, da gerne in der öffentlichen Darstellung auf die im Vergleich "bessere" Bezahlung von Musikern abgezielt wird, was meiner Ansicht nach aber gerade nicht zu einem "Gehalts-Limbo" führen sollte. Trotz allem ein schönes Wochenende allerseits, Uwe C. Müller

Ich hatte jetzt mal mit einem Eingeweihten durchgerechnet, auf wie viel Euro das Theater Neustrelitz käme, wenn es sich für einen eigenständigen Weg entscheiden würde: Rund 1,4 Millionen Euro insgesamt, wenn die Stadt Neustrelitz bei 400.000 Euro bliebe. Ansonsten müsste man halt noch diese Summe draufschlagen. Damit wären rund 30 Stellen finanzierbar - Pförtner etc. mitgerechnet. Das wäre jetzt sicher vor allem eine Aufgabe des Bürgermeisters und des Intendanten, den Stadtvertretern und interessierten Neustrelitzer Kulturbürgern aufzuzeigen, was mit dem Geld machbar wäre. Mir fehlt jetzt die Zeit, Herr Kurzweil, auf all Ihre Argumente einzugehen. Natürlich sind viele Unwägbarkeiten in dem Metrum-Konzept enthalten. Aber, gerade das nachgearbeitete Eckwertepapier enthält ja eine 15-köpfige Schauspielertruppe - das sind mehr Schauspieler als zurzeit. Die sollten dann auch - was das Schauspiel betrifft - das aktuelle Spielplan-Niveau halten können. Und es sind halt weiter die Schauspieler vor Ort da, die nicht nur auf Reisen sind. Und: Für mich persönlich ist das Schauspiel der Kern eines jeden Theaters!!! Goethe, Schiller, Brecht, Heiner Müller etc. Schön wäre es ja mal, von den Experten aus dem Theater zu erfahren, wie hoch der Kostenfaktor Musiktheater eingeschätzt werden muss.

Nochmal: Keiner will hier ernsthaft einen Alleingang. Klar, wenn ich so 15-20 Millionen € im Jahr übrig hätte, würde ich den Laden so finanzieren, dass er nicht von der Gunst eines Ministers abhängt. Aber das ist nicht der Fall. Die TOG ist nur insolvenzbedroht, weil das Ministerium eine TOG-TVP-Struktur nicht so finanzieren will wie bisher. Warum auch immer. Wieso soll Neustrelitz jetzt untersuchen, wie es alleine geht? Das ist hier nicht die Aufgabe. Das Land darf sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen, sollte also wenigstens die Zuschüsse der vergangenen Jahre aufrechterhalten. | Interessant ist: Selbst die Befürworter eines Eckwertepapiers haben in Ihren Verteidigungsreden in den Stadtvertretungen oder Kreistagen oft von „Bauchschmerzen“, „Sorgen“ oder Unwägbarkeiten usw. gesprochen. Hauptargument waren die Finanzen. Da hieß es oft und gerne „Schaden abwenden von der Stadt“. Klar, finanziellen Schaden, der vielleicht eintreten kann, weil man weiterhin alleine Gesellschafter und damit verantwortlich ist und das Land irgendwie gerade rumzickt. Aber den kulturellen Image-Schaden, den man leider nicht in Euro beziffern kann, vergisst man dabei gerne. Das Solidarmodell zeigt bspw. auf, dass bei gleichbleibender Finanzierung von Landesseite und 400.000 € plus für NZ und NB (die auch beim Eckwertepapier notwendig wären) ein vollständiges Vierspartentheater erhalten werden kann. | Noch eine Gewissensfrage: Gebe ich als Stadt lieber 400.000 € mehr aus für ein vollfunktionsfähiges Theater, dass die Bürger fordern, aber das dem Minister nicht passt? Oder gebe ich 400.000 € mehr aus für irgendeinen Reisezirkus, den kein Mensch braucht, der aber dem Minister gefällt? | Außerdem: Dass das Schauspielensemble vergrößert wird, ist ja nett. Aber dass dafür 3 andere Sparten über den Jordan gejagt werden sollen, eine Farce. Der Kern eines Viersparten-Theaters sind vier Sparten! | Und musikalisches Schauspiel in Neustrelitz soll keinen Goethe, Schiller, .. liefern (das kommt ja aus Greifswald), sondern Klatsch und Klamauk in bester Boulevard-Manier. In dieses Theater wird keiner mehr gehen wollen. Man fusioniert doch nur, wenn jeder Standort einen Beitrag leisten kann, den kein anderer leistet. Das heißt, NZ könnte nicht das Repertoire spielen, dass schon von den „richtigen“ Schauspielern in Greifswald gegeben wird. Die Fusion unter dem Argument „das Angebot/die Qualität bleibt gleich“ zu rechtfertigen, ist schlichtweg gelogen. Das Angebot bleibt nunmal nicht das gleiche (siehe Auflage „Bespielung nach Gesellschafteranteilen“). Nochmal Haarspalterei: "Kostenfaktor Musiktheater“ halte ich für eine traurige Formulierung. Wir leben doch nicht, um Haushalte auszugleichen. Wir leben, um zu gestalten. Warum sollen wir uns dann in unserer Gestaltungsfreiheit einschränken?