Böse Überraschung für Azubis:

Die Wege zur Berufsschule werden länger

Wer Fachinformatiker werden will, muss künftig in Rostock statt Neubrandenburg die Schulbank drücken. Unverantwortlich gegenüber den Lehrlingen, schlecht für die Unternehmen der Region, kritisiert die IHK und tadelt das Bildungsministerium.

War die Berufsschule vorher noch vor der Haustür, müssen viele Lehrlinge jetzt weitere Wege in Kauf nehmen.
Andreas Gebert War die Berufsschule vorher noch vor der Haustür, müssen viele Lehrlinge jetzt weitere Wege in Kauf nehmen.

Böse Überraschung für künftige Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe: Die Berufsschulen im Land werden konzentriert, die Lehrlinge umsortiert, einige Berufsbilder gestrichen. Das bedeutet längere Wege für die Berufsschüler, die teils sogar über die Landesgrenzen hinaus fahren müssen. Einige Ausbildungsbetriebe wiederum kommen nicht umhin, die ersten bereits geschlossenen Lehrverträge umzuschreiben. Und das gerade mal elf Wochen vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres. Am Montag hat das Bildungsministerium über die anstehenden Veränderungen informiert.

Was vor Jahren in den Grundschulen begonnen hatte, ist nun in der Berufsausbildung angekommen: der schmerzhafte Abschied von Standorten. Demnach wird es ab September noch 23 regionale Berufsbildungszentren und Außenstellen geben. Zum Lehrbeginn 2006 waren es 46. Ursache ist ein Absturz der Lehrlingszahlen. Im Jahre 2000 hatten rund 70  000 Jugendliche eine Lehre angefangen, 2014 nur noch 29  000. Längerfristigen Prognosen zufolge soll sich die Zahl bei etwas mehr als 30  000 einpegeln.

Für einige Berufe gibt es nur noch Bundesklassen

Nach Auskunft von Hasko Schubert, Referatsleiter im Bildungsministerium, werden von bundesweit 350 anerkannten Ausbildungsberufen hierzulande derzeit 140 gelehrt. Bereits jetzt wird für die Hälfte davon der theoretische Unterricht nur noch einem Standort erteilt, in einer der 70 Landesfachklassen. Ab September soll es für die Hoch- und Ausbauberufe eine solche Landesfachklasse in Rostock geben. Angehende Fliesenleger und Zimmerer aus Neustrelitz gehen dann in der Hansestadt zur Schule. Betroffen sind dabei immer nur die ersten Lehrjahre, für die anderen gilt Bestandschutz, hieß es vom Ministerium.

Die Landwirtschaftsschule in Jördenstorf wird geschlossen, die Ausbildung der Landwirte nach Güstrow verlagert. Keine Zukunft haben die Berufe Raumausstatter, Polsterer und Bodenleger, die bislang in Parchim zur Berufsschule gingen. Künftige Lehrlinge werden in andere Bundesländer vermittelt. So war es bereits den Gießereimechanikern aus Torgelow ergangen. Zu Spitzenzeiten hatten dort 60 Lehrlinge in drei Berufsschulklassen angefangen. Als 2014 gerade noch zwei Bewerber angemeldet wurden, war Schluss. Bis nach Gera in Thüringen müssen die Auszubildenden seither reisen.

Um die Qualität der Berufsschulen zu sichern, gibt das Bildungsministerium Eckpunkte vor, auf denen Landkreise und kreisfreie Städte ihre Schulentwicklungsplanung gründen. Pro Berufsbildungszentrum sollten mindestens 1000 Schülerinnen und Schüler zusammenkommen, bei Gesundheits- und Pflegeberufen sind es 400. Werden die Mindestschülerzahlen – im Schnitt 20 – für einzelne Berufsgruppen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren nicht erreicht, muss der Bildungsgang schließen.

IHK kritisiert Entscheidung des Bildungsministeriums

„Wir sind in diesem Jahr spät dran“, räumte Ilona Pollack, Referatsgruppenleiterin Berufliche Schulen ein. Die Abstimmung der Landkreise habe einige Zeit in Anspruch genommen. Wo keine Einigung zwischen den Landkreisen zustande kam, hat das Ministerium das letzte Wort, etwa in Vorpommern, wo im Fach Holztechnik Schulen in Sassnitz und Wolgast zur Wahl standen. Schwerin gab Wolgast den Zuschlag, weil die Stadt besser zu erreichen ist.

Die Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg kritisiert die kurzfristige Information des Bildungsministerium scharf. „Unverantwortlich ist das“, sagt Ellen Grull vom Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung. Obwohl die Kammern an der Schulentwicklungsplanung mitwirken, habe das Ministerium unerwartete Entscheidungen getroffen. „Beispielsweise, dass die Fachinformatiker künftig statt in Neubrandenburg in Rostock zu Berufsschulen gehen sollen.“ Die IHK fordert, dass nicht nur Schülerzahlen, betrachtet, sondern auch schulische Erfahrungen und Erfolge gewürdigt werden. Die Fachinformatik-Ausbildung in Neubrandenburg habe einen erstklassigen Ruf.

Langfristig werde die Konzentration der Berufsschulstandorte die Ausbildungsbetriebe im Wettbewerb um gute Lehrlinge schwächen. „Wenn Jugendliche mit den Füßen abstimmen können, dann gehen sie dorthin, wo Betrieb und Berufsschule dicht beieinander liegen“, sagt Ellen Grull. Schon jetzt nenne rund ein Drittel aller Unternehmen in den IHK-Umfragen die langen Wege für Lehrlinge als Standortnachteil.

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung