A19-Sandwolken-Prozess:

Diskussion um Videoband

Vor Gericht widersprechen die Gutachter der angeklagten Fahrerin. Sie hätte den Sandsturm auf der A 19 rechtzeitig bemerken müssen. Doch kennen die Sachverständigen überhaupt alle Fakten?

Wie lange im Voraus war die Sandwand auf der A19 an jenem Unglückstag zu sehen?
Bernd Wüstneck Wie lange im Voraus war die Sandwand auf der A19 an jenem Unglückstag zu sehen?

Der Richter verbittet sich lautstarkes Gezeter in seinem Gerichtssaal. Denn nachdem er die Verhandlung am Mittwoch geschlossen hat, geraten Staatsanwältin und Verteidiger aneinander. Sie streiten um ein 25-minütiges Video, das kurz nach der Massenkarambolage auf der Autobahn 19 am 8. April 2011 vom Polizeihubschrauber aus aufgezeichnet wurde. Es ist eines der ersten Dokumente vom Unfallort, war aber den Sachverständigen bisher nicht bekannt. Aus Sicht der Verteidigung ein „Unding“.

An jenem Tag hatten Sturm-böen große Mengen Ackerboden aufgewirbelt und über die Autobahn getragen. Gegen Mittag waren 83 Fahrzeuge verunglückt, acht Menschen starben, 130 wurden verletzt. Am Amtsgericht Rostock muss sich seit Mitte Januar eine nunmehr 54-jährige Frau aus Eisenhüttenstadt wegen fahrlässiger Tötung verantworten. In dem Auto, auf das ihr Kleinbus geprallt war, kamen zwei Menschen ums Leben. Die Angeklagte gab an, mit Tempo 80 in Kolonne gefahren zu sein, als ihr urplötzlich und unvorhersehbar eine Staubwolke jede Sicht nahm.

Elf Zeugen hatten die Wolke schon bemerkt

Das halten die Gutachter für ausgeschlossen. Mindestens 650 Meter vor der Unfallstelle – macht bei Tempo 80 rund 30 Sekunden – sei der Sandsturm sichtbar gewesen. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Sachverständige der Dekra mit der Untersuchung betraut. Sie berufen sich auf die Schilderungen von Zeugen, auf Handy-Fotos, Luftbilder und eine Videofahrt über den Autobahnabschnitt.

Die Dekra-Ingenieure rechneten vor, dass elf Zeugen die Sandwolken schon aus mehreren hundert Metern Entfernung bemerkt hatten und Kollisionen vermeiden konnten. Vier Zeugen schilderten im Gegensatz dazu, unerwartet in die Sandwolke geraten zu sein. Sie waren auf andere Wagen aufgefahren. „Ich sage das ohne jede Wertung“, betonte Unfall-Analytiker Dirk Hartwig.

Bemerkte die Angeklagte die Verwehungen vorher?

„Anhand aller uns zur Verfügung stehenden Bilder ist von einem gleichmäßigen Wind auszugehen, der mehr oder minder stark Sand auf die Autobahn geweht hat“, sagt Dirk Hartwig. Vor allem an drei Abschnitten habe sich die Sandwolke aufgrund von Strauchinseln und Senken dichter zusammengeballt. Genau 650 Meter vor der Unfallstelle bilden den Gutachtern zufolge zwei Hügel einen Windkanal, durch den der Staub konzentriert auf die Fahrbahn geblasen wurde.

Ihr Fazit: Nachvollziehbar sei zwar, dass die Sicht in der Wolke plötzlich weg war. Nicht nachvollziehbar hingegen, dass die Angeklagte von den wechselnden Sandverwehungen vor dem Aufprall nichts bemerkt haben sollte.

Staatsanwältin und Verteidiger geraten aneinander

Der Verteidiger kritisiert diese Darstellung als „Momentaufnahme“ und verweist stattdessen auf das strittige Hubschrauber-Video. Es zeige die Situation über einen längeren Zeitraum, beginnend rund eine halbe Stunde nach dem Unfall. Zu sehen seien keinesfalls Sandfronten in drei Abschnitten, vielmehr verändere sich die Sicht auf der gesamten Länge der Kurve in rascher Folge.

Der Staatsanwaltschaft wirft er vor, das Video und weitere Fotos aus der Prozessakte nicht ordnungsgemäß weitergeleitet zu haben. „Ich bin davon ausgegangen, dass die Polizei den Gutachtern alle Aufzeichnungen zukommen lässt“, sagt die Staatsanwältin. „Die Leitung der Ermittlungen obliegt der Staatsanwaltschaft“, kontert der Verteidiger. Der Richter gibt den Sachverständigen bis 20. Mai Zeit, die Dokumente auszuwerten.

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