Neuauflage des Verfahrens:

Drahtzieher beim Fischbrötchen-Krieg unbekannt

Fast 18 Monate nach dem Urteil für die mutmaßlichen Gewalttäter im sogenannten Stralsunder Fischbrötchen-Krieg wird der Prozess neu aufgerollt. Nach einer erfolgreichen Revision der Verteidigung verwies der Bundesgerichtshof das Verfahren zurück an das Landgericht Stralsund. 

Das Verfahren um den sogenannten Stralsunder Fischbrötchen-Krieg wird neu aufgerollt.
Stefan Sauer Das Verfahren um den sogenannten Stralsunder Fischbrötchen-Krieg wird neu aufgerollt.

Das Urteil fiel seinerzeit unerwartet klar aus. Die drei Angeklagten, die sich im sogenannten Fischbrötchen-Krieg wegen gefährlicher Körperverletzung, Brandstiftung und Sachbeschädigung vor dem Landgericht Stralsund verantworten mussten und bis zuletzt die Aussage verweigert hatten, wurden am 4. Juni 2013 zu Freiheitsstrafen zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Jahren verurteilt. Angesichts des deutlichen Richterspruchs schien sogar die Staatsanwaltschaft leicht überrascht. „Es war ein Indizienprozess über Vorgänge mit einem hohen Grad an Konspiration“, resümierte Staatsanwalt Rolf Kuhlmann, der für Strafen zwischen drei und viereinhalb Jahren plädiert hatte. Zugleich sei es um Straftaten gegangen, die kaltblütig und schäbig verübt worden seien, und zwar sogar, um Staatsbeamte zu beeinflussen.

Im harten, zuweilen brutalen Kampf um die Vergabe von Konzessionen für den lukrativen Fischbrötchenverkauf auf der Stralsunder Hafeninsel sollen die aus Demmin und Malchin stammenden Angeklagten gegen missliebige Konkurrenten und verantwortliche Beamte mit äußerster Gewalt und ohne Rücksicht auf mögliche Folgen vorgegangen sein.  Die inzwischen 31, 35 und 36 Jahre alten Angeklagten sollen zunächst zwei Stralsunder Gaststätten mit Farbe beschmiert haben, deren Besitzer einen weiteren Fischverkaufskutter am Kai betreiben wollten.

Zweifel an einem Kronzeugen aus Demmin

Am 7. Juli 2012 sollen sie schließlich den Privat-Pkw und einen Kutter des Investors in Brand gesteckt haben. Der Schaden wurde auf 60 000 Euro geschätzt. Der 36-jährige mutmaßliche Hauptangeklagte soll zudem den 31-Jährigen zum Überfall auf den stellvertretenden Oberbürgermeister, Dieter Hartlieb (CDU), angestiftet haben. Demnach soll der junge Mann dem Beamten, der als Bauamtsleiter mit der Vergabe neuer Fischkutterliegeplätze befasst war, am 6. Juli 2013 vor dessen Haus aufgelauert und mit einem Schlagstock auf Kopf, Kniescheiben und Gelenke krankenhausreif geschlagen haben. Der Kopf der mafiaartig organisierten und finanzierten Bande soll am 16. August 2013 im Bauamt eine Bombenattrappe mit 400 Gramm TNT-Sprengstoff, aber ohne Zünder als Drohung deponiert haben.

Das Gericht hatte kurz vor Prozessende eine von der Verteidigung beantragte Aussetzung des Verfahrens für 21 Tage und Akteneinsicht für einen neuen Wahlverteidiger abgelehnt – offenbar ein Grund dafür, weshalb die Karlsruher Richter das Verfahren nun zurückwiesen. Denn die drei Anwälte der Angeklagten hatten erhebliche Zweifel an einem Kronzeugen aus Demmin angemeldet. Der ehemalige Mitläufer hatte sich nach massiven Drohungen und einem Überfall im Malchiner Hotel „Am Wedenhof“ der Polizei anvertraut und war daraufhin ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden. Das Landgericht hatte die wesentlichen Aussagen des heute an einem unbekannten Ort mit neuer Identität lebenden 27-Jährigen als glaubhaft und schlüssig gewertet. Dagegen sprach Verteidiger Andreas Hammermüller von einem „unsäglichen Mann mit kriminellem Hintergrund“, der nur Generalabsolution für selbst verübte Straftaten und eine Verurteilung der Angeklagten gewollt habe.

Echte Beweise brachte der zehntägige Prozess damals nicht ans Licht, wohl auch, weil die Angeklagten schwiegen, die Opfer und Zeugen keine Täter eindeutig identifizieren konnten und ein verdeckter Ermittler nur mit einer „eingeschränkten Aussagegenehmigung“ vor Gericht erschien. Die eigentlichen Drahtzieher und mutmaßlichen Auftraggeber für die Übergriffe im Fischbrötchen-Krieg werden vermutlich auch bei der Neuauflage des Verfahrens im Dunkeln bleiben. Für den am Dienstag beginnenden Prozess wurden erneut zehn Verhandlungstage angesetzt, zu denen neun Zeugen geladen wurden.