Automobil-Geschichte:

Edelmarke Stoewer: Eine rollende pommersche Legende

Fast ein halbes Jahrhundert lang produzierte die Automarke Stoewer in Stettin Automobile der gehobenen Klasse. Nun will das Pommersche Landesmuseum in Greifswald an diese Ära erinnern.

Oldtimer-Fans fuhren am 30. September 2006 mit ihren Stoewer-Fahrzeugen nach Eggesin zur Einweihung einer Stoewer-Straße auf. Fotos (3): Ralph Sommer
Oldtimer-Fans fuhren am 30. September 2006 mit ihren Stoewer-Fahrzeugen nach Eggesin zur Einweihung einer Stoewer-Straße auf. Fotos (3): Ralph Sommer

Ein gekrönter pommerscher Greif als Kühlerfigur. Jahrzehntelang war er Statussymbol einer sehr noblen Automobilmarke, hergestellt in Stettin. Längst ist die pommersche Autotradition Stoewer in Vergessenheit geraten. Dabei war sie einst das Symbol des drittältesten deutschen Automobilherstellers nach Benz und Daimler. Dem Pommerschen Landesmuseum in Greifswald gelang es jetzt, wenigstens den Kühler eines Pkw, made in Stettin, zu erwerben. Für die Ausstellung eines kompletten Stoewer-Modells reichen in Greifswald weder die finanziellen Mittel noch der Platz.

Das aus dem Stoewer-Museum im hessischen Wald-Michelbach bezogene Frontteil stammt von einem legendären Stoewer D9. Der offene Wagen mit 24 PS Leistung wurde ab 1924 produziert und brachte es immerhin auf eine Geschwindigkeit von 90 Kilometern in der Stunde. Insgesamt verließen 800 Wagen dieser Modellreihe die Stettiner Werke.

Nach Museumsangaben soll der Kühler zunächst erst einmal von einem Experten in Friedland restauriert werden. „Wir wollen das Original in eine Art Fotomontage integrieren und damit an die Ära des Automobilbaus in Pommern erinnern“, sagt Museologe Heiko Wartenberg. Präsentiert wird das Exponat voraussichtlich ab 2015 in der neuen Ausstellung, die sich der Geschichte Pommerns im 20. Jahrhundert widmen soll. Erinnert wird dann auch an den Nachfolger, die Pommerschen Motorenwerke (Pomo), die Motorräder der polnischen Marke Junak produzierten. Ein noch fahrbares Original-Krad steht bereits im Museumsdepot.

Ihren Anfang nahm die Firma Stoewer schon 1896, als der Unternehmer Bernhard Stoewer (1834-1908) im Jahre 1858 in Stettin eine Nähmaschinen- und Fahrradfabrik gründete, der 1896 das Stettiner Eisenwerk folgte. Seine Söhne Emil und Bernhard entwickelten daraus eine Fabrik für Motorfahrzeuge, die später, bis 1945, als Stoewer-Werke AG firmierten.Einer der letzten, dort noch tätigen Mitarbeiter war Joachim Buß aus Eggesin. Der inzwischen verstorbene Veteran des pommerschen Automobilbaus hatte im September 2006 – damals bereits 82-jährig – in seiner Stadt an der Einweihung einer Stoewer-Straße teilgenommen, zu der auch mehrere Oldtimer-Fans mit Stoewer-Fahrzeugen angereist waren.

Als 15-Jähriger hatte der gebürtige Stettiner im April 1939 eine dreieinhalbjährige Lehre bei den Gebrüdern Stoewer angetreten. „Wir haben gefeilt, gemessen, gesägt, gemeißelt und gebohrt“, erinnerte er sich damals im Nordkurier-Interview. In dem 1500 Beschäftigte zählenden Werk habe ein tolles Betriebsklima geherrscht: „Die älteren Arbeiter, die sogenannten Altgesellen, haben sich persönlich um uns Jungs gekümmert und uns alle Tricks und Kniffe beigebracht. Zum Schluss konnte ich einen Motor komplett zerlegen und wieder instand setzen.“

Damals war Stoewer eine kleine, aber feine Marke unter den seinerzeit mehr als 200 deutschen Automobilbauern. Die Firma war vor allem ein Hort technischer Innovationen: Bernhard Stoewer (1875-1937) gehörte zu den Ersten in Deutschland, die schon 1902 einen Vierzylindermotor und später einen Acht-Zylinder bauen ließen, und die den Aluminium-Motorblock, den Frontantrieb und die Schwingachse einführten.

In 44 Jahren brachte es die Familienfirma auf etwa 60 Modelle, angefangen vom 1,73-PS-Motor-Dreirad bis zum geländegängigen R-200 mit Allradantrieb. Buß, der später in der DDR in einer Eggesiner Panzerwerkstatt der NVA arbeitete, hatte jahrzehntelang Andenken an die in Vergessenheit geratene Firma gesammelt und für eine Ausstellung aufbereitet.

Auch in Stettin erinnert man sich dieser Tage wieder an die erfolgreiche Automobilbau-Tradition. In der Ulica Wielkopolska 32 (früher Deutsche Straße 32), dem früheren Wohnhaus von Emil Stoewer, werde noch im August eine Gedenktafel eingeweiht, kündigt Manfred Bauer an, der schon im April 2002 das Stoewer-Museum im Odenwald gegründet hatte und dort Automobile, Fahrräder, Schreib- und Nähmaschinen der pommerschen Marke präsentiert. Zu den Feierlichkeiten in Stettin wird auch die Enkelin von Bernhard Stoewer junior,Jutta Barckmann, erwartet. Sie will standesgemäß mit einem R 150, einem 1934 gebauten Cabriolet anreisen.