Das Thinghaus in Grevesmühlen:

Ein Blick in den braunen Abgrund

Ein geselliger Familiennachmittag sollte es werden, ausgerechnet im Nazi-Treffpunkt Thinghaus. Wir sahen uns dort um. Ergebnis: Ein „Führer“, eine Holocaust-Leugnung und brauner Kuchen – uns ist der Appetit vergangen.

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dpa

Ein gut 2,50 Meter hoher Palisadenzaun aus massivem Holz macht das Gelände zu einer Festung, auf dem Holz-Wall liegt messerscharfer Stacheldraht. Auch ein Wachturm ist zu sehen und lässt eher an ein Straflager denken. Davor stehen mehrere breitschultrige Herren, vorzugsweise mit kahlem Kopf. Sie tragen weite, schwarze Hosen und schwarze Lederwesten. Mehrere Schilder warnen vor Hunden. Und über der Eingangstür hängt eine Videokamera. Am Eingang wehen mannshohe Fahnen mit dem NPD-Logo. Auf dem T-Shirt des einen Mannes prangt der Schriftzug „Nationaler Sozialist“. Die Anlehnung an die wohl dunkelste Epoche der Neuzeit fällt nicht nur auf, sie ist gewollt.

Denn wir sind nicht irgendwo, und nicht irgendwer will uns Kaffee und Kuchen kredenzen. Das „Thinghaus“ in Grevesmühlen hatte zu einem „geselligen Familiennachmittag“ eingeladen. Selbst nennt man sich leutselig Versammlungshaus. Doch der Verfassungsschutz charakterisiert das Haus seit Jahren in seinen Berichten als „Beispiel für die Vernetzung von NPD, Neonazis und struktureller rechtsextremer Szene“.

Am Eingang gestoppt

„Einen wunderschönen guten Tag“, begrüßt uns einer der Männer. Der Schädel kahl, der Bart lang und gekräuselt. Den Kuchen gäbe es drinnen, so heißt es. Als wir eintreten wollen, werden wir höflich aber bestimmt gestoppt. Wir würden geführt, heißt es. Als wir uns vorstellen, bleibt er seinen Namen schuldig.

Er wird wohl wissen, warum. Denn sein Gesicht ist inzwischen in ganz Deutschland bekannt. Er ist seit Jahren einer der Einpeitscher der braunen Horden. Er ist zwölf Mal vorbestraft, auch wegen brutaler Angriffe auf Ausländer. Die NPD hatte damit aber offensichtlich kein Problem. Schließlich saß er für die Rechtsextremen im Kreistag und im Landesvorstand.

Hausbesitzer war bis Anfang Februar in Haft

In dem uns zugewiesenen „Führer“ erkennen wir Sven Krüger. Der 40-jährige Abrissunternehmer aus dem nahen Jamel ist sozusagen der Hausherr. Er hatte das 2000 Quadratmeter große Gelände 2009 gekauft. Sein Firmenlogo zierte ein Arbeiter, der mit einem Vorschlaghammer einen Davidstern, das Symbol des Staates Israel und des Judentums, durchschlug.

Er scheint die freie Luft zu genießen. Schließlich saß Krüger bis Anfang Februar in Haft. Wegen „guter Führung“ wurde er auf Bewährung entlassen. Am Tag seiner Haftentlassung postete er „geläutert“ im Internet: „Wir werden siegen, irgendwann einmal. Und ich lebe nur für diesen einen Tag.“

Als wir das Haus betreten, fällt uns der Spruch über der Tür auf: „Lever dood, as Slav“ (Lieber tot als Sklave). Nur der rote Anstrich des Hauses irritiert uns dann doch. Wir hätten eine andere Farbe passender gefunden.

Nur ausgewählte Türen wirklich offen

Die Führung ist kurz. Rechts sei der Bürgertreff der NPD, erklärt Krüger, und geradeaus der Versammlungsraum. Wir werden noch bis zum Kuchenbuffet gebracht. Was das Obergeschoss anginge, so seien das Privaträume, die wir nicht sehen dürften. Aber hier sei ja viel los, später gebe es noch Würstchen und Bier.

Auf der Einladung hatte der Hausherr schon darauf aufmerksam gemacht, dass man bei unliebsamen Personen vom Hausrecht Gebrauch mache. Heißt jetzt unliebsam zu neugierig? In dem mit schweren Fenstergittern gesicherten Raum stehen in der Tat viele Kuchen, in der Mitte ein großes Blech mit Streuselkuchen. Braun. Vielleicht Kakaostreusel, die sind eben braun. Aber so zentral drapiert fällt er dann doch auf. 

Fotografieren und filmen verboten

An der Wand hängt ein großes Schild: „Fotografieren und filmen verboten.“ Was allerdings will man von diesem schmucklosen Raum nicht nach außen dringen lassen? Vielleicht den Spruch, der sich am Deckenvorsprung in altdeutschen Runen durch den halben Raum zieht? „Wir müssen die Existenz unseres Volkes sichern, für die Zukunft unserer Kinder“. Es handelt sich dabei um eine Abwandlung der im Englischen als „14 words“ bekannten Formel, eine Art Glaubenssatz für Neonazis weltweit. Zufall?

Wir sprechen einen jungen Mann an, wie denn das gemeint sei. „Na ja, da muss doch jedes Volk drauf achten, dass es nicht zu sehr durchmischt wird. Ein Volk muss doch rein sein.“ Ob er damit meine, dass Ausländer den Deutschen schaden würden, fragen wir. Nein, nein, druckst er, das wäre nur so allgemein gemeint, eben so ein Satz. Wir glauben die Katze zu kennen, die er nicht aus dem Sack lassen will. Dann tritt ein weiterer Kahlkopf hinzu, beide flüstern und verschwinden grußlos hinter dem Haus.

Wir werden genau beobachtet

Auffällig viele kleine Kinder sind da. Sie laufen mit Zetteln durch den Raum und absolvieren wohl so eine Art Suchspiel. Als eines der Kinder nicht findet, was es finden soll, deutet ein Mann auf eben jenen Spruch an der Decke. Brav schreibt das Kind den Spruch ab und sucht weiter. An der Türseite bittet die „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ um Spenden. Wofür bleibt offen, zumindest heute.

Die Stimmung ist gruselig. Wir haben den Eindruck, dass jeder unsere Schritte beobachtet wird. Wo wir uns auch hinwenden, ständig verfolgen uns mehrere Augenpaare argwöhnisch. Man kennt sich hier. Und an dem „Tag der offenen Tür“ bleiben wir die einzigen Fremden.

Intern bleibt damit auch eine Art Wandzeitung, aufgehängt gegenüber vom Büro des amtierenden NPD-Vorsitzenden Udo Pastörs. Deutlich prangt dort ein Plakat mit der Aufschrift „Mord“. Darunter ein Bild von Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess. Allerdings wird ihm hier nicht die Schuld am millionenfachen Morden der Nazis und der industriellen Vergasung jüdischer Menschen in den Konzentrationslagern vorgeworfen. Nein! Die lebenslange Haft, zu der ihn das internationale Militärgericht in Nürnberg 1946 verurteilt hatte, wird hier als Mord auf Raten bezeichnet.

Als wir einen weiteren Mann fragen, ob ein solches Flugblatt nicht strafbar wäre, weil es ja doch den Holocaust leugne, verschwindet er schnell. Dann taucht ein Herr in Jackett auf. Der teilt uns mit, dass der Aufenthalt zeitlich begrenzt sei. Er bittet uns zur Tür. Jetzt hatten wir uns langsam aber sicher wohl doch unliebsam gemacht.

Übrigens hat die Polizei an diesem Tag unter den Gästen 58 Personen ausgemacht, die bereits wegen politisch motivierter Straftaten vor Gericht standen. Ihnen dürfte der Kuchen im Thinghaus deutlich besser bekommen sein.

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