Pragmatische Völkerverständigung:

Ein Wörterbuch für den Bau

Auf den europäischen Baustellen gibt es mittlerweile fast so viele Sprachen, wie Gewerke. Für Orientierung im Sprachgewirr will ein Mecklenburger mit einem viersprachigen Wörterbuch sorgen.

Mit seinem Wörterbuch für Handwerker behält Dirk Becker den sprachlichen Überblick auf der Baustelle. 
Matthias Diekhoff Mit seinem Wörterbuch für Handwerker behält Dirk Becker den sprachlichen Überblick auf der Baustelle. 

Gott war nicht amüsiert, als er feststellte, dass die Menschen an einem Turm bauen, der bis in den Himmel reichen sollte. Also stieg er hinab, strafte sie mit Sprachverwirrung und zerstreute sie über die ganze Erde. Für den Turmbau zu Babel bedeutete das den ewigen Baustopp, berichtet das Alte Testament. Aber der Mensch ist ein hartnäckiges Wesen, immer wieder versammeln sich die verschiedensten Völker auf Baustellen. Das babylonische Sprachgewirr ist auch dabei. So geschah es Dirk Becker aus Zahren bei Penzlin vor einigen Jahren, dass er auf einer Baustelle in Norwegen zu tun hatte, seine polnischen Kollegen aber nicht verstehen konnte und sie ihn nicht. Er sprach deutsch und englisch, sie polnisch und norwegisch. Damals entstand die Idee, ein Wörterbuch für Handwerker herauszugeben. Also sammelte er die wichtigsten Wörter der verschiedenen Gewerke von Abkantbank bis Zollstock und schickte sie an Übersetzungsbüros. Da diese aber eher sinngemäße Übersetzungen lieferten, statt der auf Baustellen üblichen Fachbegriffe, machte sich Dirk Becker selber auf die Suche. So besuchte er unter anderem eine Baustelle im litauischen Vilnius, wo er seine Idee mit Händen und Füßen vortrug oder polnische Bauarbeiter in Leipzig, wo er seinem Anliegen mit einem Fläschchen Wodka der Marke Grasowka den Weg ebnete.

Nach fünf Jahren Arbeit, die ja immer nur neben seinem eigentlichen Beruf als Maler und Lackierer laufen konnte, hat der Zahrener nun das quasi selbsterklärendes Wörterbuch „Raboz“ in den Sprachen  deutsch, litauisch, norwegisch und polnisch im Eigenverlag herausgebracht. Wer zum Beispiel die Seite 50 aufschlägt, findet dort 26 Begriffe zum Thema Haus in allen vier Sprachen. Fenster zum Beispiel heißt auf litauisch langas, auf norwegisch vindu und auf polnisch okno. Dirk Becker hat selbst erlebt, wie ein Bauarbeiter einen großen Wanddurchbruch gemacht hat, weil er statt Fenster Tür verstanden hat. Das Wörterbuch soll aber nicht nur dazu dienen, solche schwerwiegenden Missverständnisse zu vermeiden, Dirk Becker sieht darin auch einen ganz pragmatischen Beitrag zur Völkerverständigung.

Das kleine Buch bietet Fachbegriffe aus allen Gewerken, die es auf einer normalen Baustelle gibt. Vom Maurer über den Fliesenleger, Maler und Elektriker bis hin zum Dachdecker. Auf Grammatik und Hinweisen zur Aussprache verzichtet es jedoch. Das muss auch nicht sein, findet Dirk Becker: „Der Handwerker zeigt mit dem Finger auf die Zeile mit dem Begriff, den er kennt und zeigt das Buch dann seinem Kollegen.“

Dass sein Wörterbuch für Handwerker eine gute Idee ist und auch genügend Abnehmer finden wird, davon ist Dirk Becker überzeugt. Schließlich gebe es in Europa etwa drei Millionen Fremdarbeiter. Allein in Norwegen sind es derzeit rund eine Million, schätzt der Mecklenburger ein. Die meisten davon sind Polen, Litauer und Deutsche und zumeist auf Baustellen zu finden.