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Einst schön und imposant, dann aber einfach abgeholzt

Rund 3600 Kilometer Alleen ziehen sich noch durch Mecklenburg-Vorpommern. Es könnten gut 400 mehr sein, doch bei Neuanpflanzungen ist das Land im Rückstand, vor allem in Vorpommern.

Eine Sehenswürdigkeit: die Lindenallee zwischen Bisdorf und Batevitz nordwestlich von Stralsund.
Bernd Käding Eine Sehenswürdigkeit: die Lindenallee zwischen Bisdorf und Batevitz nordwestlich von Stralsund.

So manch einem einheimischen Autofahrer versetzt der Anblick bis heute einen Stich: An der Bundesstraße 96 südlich von Neubrandenburg, wo prächtige Bäume Jahrzehnte lang Spalier standen, klafft seit einigen Jahren ein kilometerweites Loch in der Allee. Es war 2006 geschlagen worden – voreilig wie sich zeigen sollte, denn der mehrspurige Ausbau der Straße ist bis heute nichts anderes als ein Papiertiger. Die Linde, die Umweltschützer aus Protest gegen den Kahlschlag gepflanzt hatten, mickert vor sich hin. „Es ärgert mich noch immer, wie das damals gelaufen ist“, sagt Katharina Brückmann, Alleen-Expertin beim BUND, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

In der Theorie steht Mecklenburg-Vorpommern, nach Brandenburg das Bundesland mit den längsten Alleen, gut da beim Schutz der Straßenbäume. Der ist sogar in der Landesverfassung verankert. Ein Alleen-Erlass schreibt vor, dass für jede Fällung Ersatz geschaffen werden muss. Doch in der Praxis hapert es damit. Zwischen 2007 und 2014 sind 10  000 Bäume zu wenig gepflanzt worden, wie Katharina Brückmann kritisiert. „Am schlimmsten ist es in Vorpommern.“

Bauämter zahlen lieber in den Alleenfonds ein

Die Verantwortung dafür liegt nach Einschätzung des BUND bei den jeweiligen Straßenbauämtern, die für Bundes- und Landesstraßen zuständig seien. Während die Ämter in Neustrelitz und Güstrow teils deutlich mehr Ausgleichspflanzungen vornahmen als nötig, seien in Schwerin, vor allem aber in Stralsund erhebliche Defizite entstanden, erklärt Katharina Brückmann. „Zum Ausgleich wurden zwar mehr als 4 Millionen Euro in den Alleenfonds des Landes gezahlt, der zur Pflege und Neuanpflanzung dient“, sagt sie. „Aber wir hätten natürlich lieber die Bäume gehabt.“ 10  000 Bäume, die beidseitig der Straße für rund 400 Kilometer Allee hätten reichen können.

Der Schutz und Erhalt von Alleen wird seit 2009 durch ein bundeseinheitliches Regelwerk erschwert, die „Richtlinie für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeugrückhaltesysteme“ (RPS). Ein rotes Tuch für Umweltverbände. Unter anderem vereinfacht die RPS Baumfällungen zur Verhütung von Verkehrsunfällen. Bei Ausgleichspflanzungen wiederum schreibt sie größere Abstände zwischen Fahrbahn und Baum vor, wofür bis zu acht Meter breite Grundstückstreifen entlang der Straßen nötig sind. „Es wird nicht leichter für die Alleen“, sagt Katharina Brückmann.

Alleen sollten vor Wind, Regen und Sonne schützen

Nach Auskunft des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr wachsen hierzulande auf 2590 Kilometer Straße beidseitig und auf weiteren 1010 Kilometer einseitig Baumreihen. Gut 40 Prozent erstrecken sich entlang von Bundes- und Landesstraßen, der Rest säumt Kreis- und Gemeindestraßen sowie ländliche Wege. Als Vorbild der ersten norddeutschen Alleen im 18. Jahrhundert gelten die französischen Schloss- und Parkanlagen. An Heerstraßen und Handelswegen wurden Laub- oder Obstbäume gepflanzt, die vor Sonne, Wind und Regen schützen sollten und sogar Früchte für Mensch und Tier abwerfen konnten. Heute zählen sie zu den prägenden und schönsten Elementen der Landschaft.

Auf einer interaktiven Landkarte im Internet nennt das Landesamt 43 sehenswerte Alleen. In Vorpommern-Greifswald zählen die Linden und Ahornbäume an der L 263 zwischen Abzweig Pätschow und Groß Polzin oder die L 31 von Sarnow nach Schwerinsburg mit Platanen und Eichen dazu. An der Mecklenburgischen Seenplatte sind es unter anderem die Kastanien an der L 331 zwischen Quadenschönfeld und Teschendorf sowie die Linden entlang der L 273 bei Wolde und Klockow.

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