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Eltern laufen Sturm gegen Förderschul-Schließung

Familien von 110 Schülern protestieren gegen Pläne, die Neubrandenburger Sprachheilschule im Sommer 2018 zu schließen. Sie haben Angst, dass die Kinder dann nicht mehr die Förderung bekommen, die sie so dringend brauchen. 

Wenn Kinder Probleme mit dem Lesen haben, brauchen sie besondere Zuwendung.
micmacpics - Fotolia Wenn Kinder Probleme mit dem Lesen haben, brauchen sie besondere Zuwendung.

Helga Heppner kann nicht fassen, was sie da erfahren hat. Die Sprachheilschule, die ihr Enkel besucht, soll schließen? Das wird vom Bildungsministerium in Schwerin bestätigt. Der Entwurf des Schulentwicklungsplanes aus dem Kreis Mecklenburgische Seenplatte sehe die Aufhebung der Eigenständigkeit des Sprachheilpädagogischen Förderzentrums Neubrandenburg und dessen organisatorische Verbindung mit dem Überregionalen Förderzentrum, Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, in Neubrandenburg vor. „Als Zeitpunkt für die Umsetzung wurde der 31. Juli 2018 ausgewiesen“, teilte ein Sprecher auf Nachfrage des Nordkurier mit.

Die Neubrandenburgerin schüttelt den Kopf. Ihre Angst, dass die Kinder auf andere Klassen verteilt werden und dort untergehen, bleibt. „Eine Schließung der Neubrandenburger Sprachheilschule finde ich so oder so verheerend. Immer mehr Kinder brauchen Hilfe. Und die müssen sie auch bekommen, damit wir nicht noch mehr Analphabeten produzieren, die dann keine Ausbildungsstelle finden“, sagt sie.

Kleinere Klassen, besondere Lernmethoden

Ihr Enkelsohn lernt in dem Sprachheilpädagogischen Förderzentrum – einer von drei Einrichtungen dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern. Hier werden 110 Mädchen und Jungen von der 1. bis zur 4. Klasse unterrichtet, die unter Sprachstörungen und/oder Störungen beim Lesen und Schreiben leiden.

Helga Heppners Enkel braucht Hörhilfen und hat eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS). „Hier ist er endlich am richtigen Platz“, sagt sie. Das fühle sie einfach. An der Sprachheilschule gebe es kleinere Klassen, besondere Lernmethoden und speziell ausgebildete Lehrer. „In einer normalen Klasse würde er untergehen. Oder die anderen Kinder wären unterfordert, wenn er länger braucht. Wie soll ein Lehrer das mit fast 30 Schülern schaffen, noch dazu, wenn ihm vielleicht die spezielle Qualifizierung fehlt.“ Für sie ist ganz klar: Die Schule muss bleiben, wie sie ist, um die Kinder so zu fördern, dass sie irgendwann wieder an der Regelschule bestehen können. „Ich denke nicht, dass Inklusion dafür besser ist“, meint sie.

Stimmen an anderen Schulen die Bedingungen?

Doreen Glinka findet Inklusion – das gemeinsame Lernen aller Kinder – für ihre Tochter im Prinzip nicht schlecht. „Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen“, meint die Mutter. Kleine Klassen, ausreichend Lehrer für individuelle Arbeit zählt sie auf. Und da habe sie Zweifel, ob das so umgesetzt werde. Auch ihre Tochter besucht die Sprachheilschule. „In der zweiten Klasse bekam sie an der normalen Grundschule große Probleme in Deutsch. Sie wollte nicht mehr, wurde verhaltensauffällig.“

Nach einem Test war klar, das Mädchen leidet an LRS. Auf die Sprachheilschule wollte die Kleine erst gar nicht. Sie hatte einfach genug von Schule und den ständigen Misserfolgen. „Aber sie hat schnell gemerkt, sie wird nicht abgestempelt oder gehänselt. Die Fortschritte waren richtig groß. Inzwischen liest sie gern. An einer anderen Schule hätte sie das nicht geschafft“, sagt die Mutter.  

Lehrer sorgen sich nicht um ihre Jobs

Schulleiterin Catrin Bombowsky hat schon etliche Protestbriefe von Familien auf dem Tisch. So schreiben Eltern: „In erster Hinsicht sollte es um die Kinder – unsere Zukunft, nicht um Geldeinsparungen gehen! Der weitere Bestand der Schule zahlt sich ungemein aus!“

Auch die Lehrer seien von den Plänen zur vorzeitigen Schließung überrascht worden. „Uns war die Bestandsfähigkeit bis 2020 zugesichert worden. Jetzt nimmt man uns die Chance, bis dahin die Inklusion mit vorzubereiten“, bedauert Catrin Bombowsky.

Die Lehrer seien dabei nicht in erster Linie in Sorge um ihre Jobs, stellt die stellvertretende Schulleiterin Martina Jeschke klar: „Es fehlen überall Lehrer, und besonders Förderschullehrer sind Mangelware.“Es gehe vielmehr um die Kinder.

Eltern wollen gegen die Pläne weiter protestieren

Eine Begründung für die umstrittene Entscheidung hat Catrin Bombowsky nicht erhalten. Auf Anfrage des Nordkurier führt Dirk Rautmann, Leiter des Amtes Zentrale Dienste/Schulverwaltung beim Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, die Inklusion als Grund für den Vorschlag an. „Die Expertenkommission ,Inklusive Bildung‘ hat empfohlen, Förderschulen mit den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache und emotionale, soziale Entwicklung künftig in Regelschulen aufgehen zu lassen.“ Die Umsetzung der Inklusiven Bildung müsse bis 2020 erfolgen. „Wir haben dem Kreistag empfohlen, eine Lösung für die Förderschule Sprache und für die an dieser Schule lernenden Kinder mit einer LRS bis zum Jahr 2018 zu erarbeiten und umzusetzen“, teilt er mit.

Die Befürchtung der Eltern, dass mit einer Schließung der Sprachheilschule die Kinder auf der Strecke bleiben, wird im Schweriner Bildungsministerium nicht geteilt. „Da es nicht um einen Wegfall des Sprachheilpädagogischen Förderzentrums Neubrandenburg, sondern um dessen Schließung als eigenständige Schule und dessen organisatorische Verbindung mit dem Überregionalen Förderzentrum Neubrandenburg geht, bleiben die sprachheilpädagogische Kompetenz dieses Förderzentrums erhalten und die Förderung der betroffenen Schüler abgesichert“, heißt es dort.

Die Eltern beruhigt das nicht. Sie wollen trotzdem weiter Unterschriften sammeln und gegen die Pläne protestieren.

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Kommentare (1)

Erst einmal geht es um Kosteneinsparungen. Inklusion bedeutet, dass sich die Umwelt den Bedürfnissen derjenigen anpasst, die z.B. ein körperliches oder seelisches Handicap haben. Ein Beispiel sind barrierefreie Zugänge in Gebäuden. Dadurch wird den individuellen Voraussetzungen z.B. von Rollifahrern genüge getan und sie können ohne zusätzliche Hilfe am Alltag teilhaben. Wie der Schulalltag an Regelschulen für bisherige Förderschüler aussehen soll bin ich gespannt. Vermutlich werden diese Schüler nach dem Regelunterricht zusätzlich Stunden schrubben oder sie erhalten gelegentlich in der Regelunterrichtszeit gesonderten Unterricht abseits der zugewiesenen Klasse. Dann sollte man aber nicht von Inklusion sprechen.