Tor ins neue Leben:

Flüchtlinge landen in ehemaligem Grenzdorf

Vor einem Vierteljahrhundert war in Horst die Welt zu Ende. Das Dorf liegt östlich der früheren innerdeutschen Grenze. Seit 20 Jahren steht es für die zentrale Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung im Nordosten. Die Herberge ist überfüllt, doch das Zusammenleben klappt.

Jens Büttner Die Einrichtung in Horst bei Boizenburg mit Platz für 600 Menschen ist wegen steigender Asylbewerberzahlen seit Monaten überfüllt. In Mecklenburg-Vorpommern werden im Jahr 2015 bis zu 6.000 Antragsteller erwartet.

"Eins. Zwei. Drei. Eine Frau, viele Kinder." Im Chor kämpfen sich die jungen Männer durch die Deutsch-Stunde. "Verständigungshilfe" heißt der Unterricht in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Horst nahe dem mecklenburgischen Boizenburg. Der pensionierte Lehrer Wolfgang Herrmann (71) kommt zweimal die Woche, um den gerade in Deutschland eingereisten Asylsuchenden erste sprachliche Hürden aus dem Weg zu räumen. "Es macht Spaß zu helfen", sagt der Ehrenamtliche. Kinder drängeln sich in der offenen Tür des Klassenzimmers. "Schule?", kichern die Mädchen. Schon toben sie wieder hinaus auf den Spielplatz.

1993 entschied Mecklenburg-Vorpommern, seinen ersten Anlaufpunkt für Flüchtlinge fernab von Siedlungen mitten im Wald an der ehemaligen innerdeutschen Grenze neu zu errichten. Dem Entschluss vorausgegangen waren die ausländerfeindlichen Attacken vom August 1992 in Rostock-Lichtenhagen rund um die damalige zentrale Aufnahmestelle in einem Plattenbaugebiet. Letztlich brannte ein Ausländerwohnheim, und Lichtenhagen geriet weltweit in die Negativschlagzeilen. In der Folge wurde Horst ausgebaut. 

Platz für insgesamt 600 Menschen

Im Wald an der Elbe, wo früher Grenzsoldaten patrouillierten, herrscht heute geordnete Enge. Das Erstaufnahmeheim des Landes biete in drei Häusern Platz für 600 Menschen. Seit Monaten sei es mit zeitweise bis zu 700 Schutzsuchenden überbelegt, so dass auch Wohnungen in Boizenburg genutzt würden, sagt Wolfgang Isbarn, Abteilungsleiter im Landesamt für innere Verwaltung. Eigentlich verlebten alle Asylbewerber, die Mecklenburg-Vorpommern zugeteilt werden, die ersten Wochen nach ihrer Flucht in Horst. Hier würden sie ärztlich versorgt, geimpft, neu eingekleidet, hier stellten sie ihre Asylanträge.

"Wer hier ankommt, spürt erstmal die Ruhe", meint Andreas Konen, Migrationsbeauftragter der Malteser Werke als Betreiber der Einrichtung. "Keine Polizeipräsenz, kein Blaulicht, dafür immer genug zu essen." Um nicht untätig zu sein, verrichteten die Jüngeren kleinere Arbeiten. Sie helfen in der Kantine, in der Kleiderkammer und Wäscherei, im Kinderspielzimmer, sie putzen Flure und Gemeinschaftsbäder, fegen Wege und Außengelände - für 1,05 Euro Taschengeld pro Stunde.  

Bis zu 6000 Antragssteller erwartet

Weil bundesweit die Flüchtlingszahlen steigen, werden auch in Mecklenburg-Vorpommern dieses Jahr bis zu 6000 Antragsteller erwartet gegenüber 4400 in 2014 und 2300 Asylsuchenden im Jahr davor. Im Sommer solle daher eine Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung in Schwerin öffnen und 450 zusätzliche Plätze für Neuankömmlinge bieten, erklärt Isbarn. Bis dahin aber werde in Horst jeder Winkel für weitere Betten genutzt. Fernsehraum, Friseurstube, Schneiderei seien jetzt Wohnräume. Unterrichts- und Tischtenniszimmer wurden in Container ausgelagert.

Einzig die beiden Gebetsräume für die Schutzsuchenden aus über 20 Ländern wie der Ukraine, Syrien, Albanien, Serbien, Afghanistan oder Ghana, blieben bestehen. Durch einen schmalen Flur getrennt liegen in Horst eine winzige Moschee und eine einfache Kirche, jeweils von der Größe eines Schulraumes, nebeneinander. Betrieb sei hier rund um die Uhr, beschreibt Andreas Konen. Doch immer gehe es friedlich zu, religiöse Konflikte würden hier nicht ausgetragen.

"Horst ist der erste Kontakt mit Deutschland"

Ein Vermittler ist auch Betreuer Toufik Benmebarek. Der Algerier kam 1999 über Horst nach Deutschland, wie er erzählt. Inzwischen wohne er mit Frau und Söhnen in Boizenburg und arbeite für die Malteser im Aufnahmeheim. Auch Freiwillige wie Lehrer Herrmann seien wichtig, betont Konen. Es gehe um eine ehrliche Willkommenskultur für Asylbewerber, die später in ganz Norddeutschland ihr vorübergehendes oder dauerhaftes Zuhause finden. "Horst ist der erste Kontakt mit Deutschland, und der erste Blick, der entscheidet"

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