Die vielzitierte Quote:

Für die Regierung sitzen Frauen am Steuer

Wenn Menschen in ihrer Gegenwart einschlafen, weiß Julia Wolf, dass sie alles richtig gemacht hat. Sie ist eine der beiden Frauen im Fuhrpark des Landes.

Die kleine Frau beherrscht die großen Autos, auch wenn sie in der Bereitschaftswoche müde aussieht. Julia Wolf ist eine von zwei Fahrerinnen der Landesregierung in Schwerin.
Marlis Tautz Die kleine Frau beherrscht die großen Autos, auch wenn sie in der Bereitschaftswoche müde aussieht. Julia Wolf ist eine von zwei Fahrerinnen der Landesregierung in Schwerin.

Über die Frauenquote, von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) immer wieder gern und vollmundig beschworen, ist schon so manches Mal gelästert worden. Doch wer genau hinschaut, der findet sie, die Frauen am Steuer. Frauen, die Gasgeben in der Politik. Und die Geschicke der anderen lenken. Frauen wie Julia Wolf.

Die junge Schwerinerin arbeitet im Fuhrpark der Landesregierung. Mit ihrer silbergrauen Limousine steuert sie Ministerien und Landesbehörden an, bringt Abteilungsleiter und Mitarbeiter ebenso wie Post und Papiere von A nach B – je nach Bedarf und Wunsch und Dienstplan. Diese Woche zum Beispiel hat sie mit dem Handy am Ohr geschlafen. Bereitschaftsdienst bedeutet, dass es nach den normalen Arbeitstag mitten in der Nacht klingeln kann, weil jemand abgeholt oder gebracht werden muss.

Vorurteile überall

Zwei Frauen und 38 Männer fahren die Dienstwagen des Landes. Die Kollegen sind stolz auf ihre Kolleginnen. Manch einen Spruch machen sie natürlich auch. „Mal sehen, ob die kleine Frau mit dem großen Auto klarkommt?“ zählt zu den besten. Julia Wolf bleibt gelassen. Sie kennt sich aus mit dem, was gemeinhin als Männerdomäne gilt. Schon bei der Lehre im Gartenbau war sie als Frau die Ausnahme. Später beim Studium sah es kaum anders aus. Und beim Studentenjob in Berlin hat sie für eine große Autovermietung große Wagen überführt, wiederum allein unter Männern.

„Ich fahre gern große Autos“, sagt sie. „Schon für die Familie bin ich immer die Fahrerin gewesen.“ Zehn Stunden am Stück in den Winterurlaub nach Italien? Julia macht das schon. Bis heute. Die Ausschreibung der Landesregierung für eine Stelle im Fuhrpark Anfang 2010 kam ihr darum wie gerufen. Aus rund 1400 Bewerbungen wurde sie ausgewählt. Mittlerweile hat Julia Wolf auch schon mal einen der Cheffahrer vertreten, die den Ministern zugeordnet sind. Sozialministerin Manuela Schwesig oder Landwirtschaftsminister Till Backhaus haben bei ihr im Wagen Platz genommen. Vorn oder hinten? „Jeder da, wo er sich wohl fühlt“, sagt Julia Wolf. Wenn einer ihrer Passagiere „wegnickt“, macht er ihr das größte Kompliment. „Dann weiß ich, dass es den Leuten gut geht.“

Ein Rucksack im Kofferraum

Im Kofferraum hat die Fahrerin meistens einen Rucksack zu stehen. Notgepäck für den Fall, dass es mal nicht weitergeht. Einmal wäre es beinahe soweit gewesen – im Winter, als eine Schneefront auf den Norden zuwehte. Fast alle Fahrten wurden abgesagt, Julia Wolf aber musste los. „Die Konferenz in Magdeburg sollte um 15 Uhr vorbei sein“, sagt sie. „Da lag schon eine dünne Schneedecke auf dem Auto.“ Als sie eine Stunde später abfahren konnte, liefen die Unwetterwarnungen im Radio rauf und runter. „Knapp 40 Stundenkilometer auf der Autobahn, mehr ging nicht.“ Mit drei Leuten im Wagen schlich Julia Wolf nach Schwerin – sechseinhalb Stunden vollste Konzentration für eine Fahrt, die bei freier Strecke nicht einmal halb so lange dauert.

Erst vor wenigen Tagen wurde sie wieder einmal an das Erlebnis erinnert. Eine Mitfahrerin berichtete ihr von einem „Horrortrip“, den ihre Kollegen mal bei Schneesturm hatten mitmachen müssen und davon, wie erleichtert alle waren, dass sie heil geblieben sind. Es war ein schönes Gefühl, dass Julia Wolf sagen konnte: „Und ich saß damals am Steuer.“

Als eine Cheffahrer-Stelle frei wurde, war Julia Wolf als mögliche Nachfolgerin im Gespräch. Sie zögerte. „Steht mir das schon zu?“, fragte sie sich und ließ jemand anderem den Vortritt. Sie hat ihren Traumjob gefunden, der Arbeit nachts und an manchen Wochenenden zum Trotz. „Das könnte ich ein Leben lang machen.“

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