Prozessauftakt zur Massenkarambolage auf der A19:

Gegen die Wand

Es war eine der schlimmsten Massenkarambolagen, die je auf einer deutschen Autobahn geschehen ist: Am 8. April 2011 verunglückten auf der A19 in einem Sandsturm 83 Fahrzeuge, acht Menschen wurden getötet, 130 verletzt. Das Amtsgericht Rostock verhandelt jetzt gegen eine 53-Jährige wegen fahrlässiger Tötung.

Den Feuerwehrleuten bietet sich am Unfallort bei Kavelstorf ein Anblick des Grauens.
Bernd Wüstneck Den Feuerwehrleuten bietet sich am Unfallort bei Kavelstorf ein Anblick des Grauens.

Die Kameras richten sich auf die Anklagebank wie Kanonenrohre. Im Fokus eine Frau, die um ihre Ehre kämpft. Kirsten E. aus Eisenhüttenstadt (53) muss und will sich am Amtsgericht Rostock wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Sie war am 8. April 2011 auf der A19 südlich von Rostock auf einen Kleinwagen gefahren, in dem ein älteres Ehepaar starb.
An dem Tag, als die Autobahn im Sandsturm zu einem Schlachtfeld wurde. 83 Fahrzeuge demoliert, acht Tote, 130 Verletzte.

Die Ermittlungen dauerten Jahre. Am Ende hatte die Staatsanwaltschaft gegen 18 Frauen und Männer Ermittlungsverfahren eingeleitet, elf wurden eingestellt. Gegen sieben Beteiligte erwirkte die Anklagebehörde Strafbefehle am Amtsgericht – wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung. Drei Beschuldigte legten Einspruch ein, eine davon ist Kirsten E.. Nun sitzt sie mit ihrem Anwalt und einer Packung Papiertaschentücher vor dem Richter und hört der Anklage zu.

Die Staatsanwältin erklärt, dass jenem Freitag um die Mittagszeit starker West-Ost-Wind blies. Das Feld an der A19 war frisch bestellt, Böen wirbelten die Ackerkrume auf und minimierten die Sicht auf teilweise drei bis fünf Meter. Sich auf mehrere Zeugen berufend, geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die prekäre Situation aus rund 650 Meter Entfernung zu erkennen war. Einige Autos fuhren Schritttempo, andere hielten auf dem Seitenstreifen, so die Anklägerin. Kirsten E. habe gegen das Gebot, ihre Fahrweise den Straßenverhältnissen anzupassen, verstoßen, und mit einer Geschwindigkeit von 78 bis 96 km/h einen Kleinwagen gerammt.

„Da war keine Staubwolke in 650 Meter zu sehen“

Kirsten E. greift sich ein Taschentuch, als sie über den Tag spricht: Sechs Frauen um die 50 wollten das Wochenende in Warnemünde verbringen. Mit einem Kleinbus ihres privaten Pflegedienstes hatte Kirsten E. die Freundinnen morgens eingesammelt. Kurz vor Rostock wehte es kräftiger. „Darum bin ich konsequent rechts gefahren, in Kolonne.“ Eine Gefahr habe sie nicht bemerkt. „Ich bin so schnell gefahren wie mein Vorgänger. Um Tempo 80.“

Seit ihrem 18. Lebensjahr habe sie den Führerschein, sei immer unfallfrei gefahren, erfahren auch auf langen Strecken. „Da war keine Staubwolke in 650 Meter zu sehen, sonst hätte ich reagiert“, versichert Kirsten E. unter Tränen. Als ihr der Richter eine Pause anbietet, sagt sie: „Ich will da jetzt durch.“ Von jetzt auf gleich sei da eine Wand gewesen. „Die Wand klebte an der Frontscheibe.“ Sie habe gebremst und rechts rüber gezogen. Dann der Aufprall. „Und der Wagen stand.“

Ihre „Mädels“ konnten Richtung Seitenstreifen aussteigen. Sie selbst wollte auf der Fahrerseite raus. „Auf der Überholspur zogen Autos vorbei. Hinter mir sah ich die helle Fahrerkabine eines Trucks. Vor mir musste ja der andere Wagen sein.“ An dieser Stelle lässt die Erinnerung sie im Stich. Irgendwie muss Kirsten E. durchs Auto Richtung Beifahrertür geklettert sein, als ein Laster den Bus zusammendrückte. Sie fand sich im Krankenhaus wieder. Das ärztliche Gutachten listet diverse Knochenbrüche auf, Quetschungen, Weichteilverletzungen, Schürfwunden, und eine posttraumatische Belastungsstörung.

Heute lebt Kirsten E. mit Antidepressiva und einem künstlichen Knie. „Es tut mir unendlich leid“, sagt sie. Und: „Ich wollte diesen Termin, um zu sagen, dass es nicht so war, wie die Anklage sagt.“ Ihr Anwalt beantragt, gut 30 Zeugen zu hören, um die außergewöhnliche Situation im Sandsturm zu beweisen. Aus seiner Sicht „ein bis dato in solcher Intensität auf der Autobahn nie da gewesenes Hindernis“. Er zitiert Dutzende Unfallfahrer: „Schlagartig nichts mehr gesehen.“ „Als wenn ein Vorhang zugezogen wird.“ „Wie eine Wand.“ „Als würde urplötzlich eine gelbe Decke über das Auto geworfen.“ Wand, Wand, Wand.

Ein älterer Mann auf den Zuschauerplätzen murrt. „Rede doch nicht, geschwatzt haben die, nicht aufgepasst.“ Die Angeklagte ist verstört ob dieser Anti-Haltung. Der Richter beruhigt. „Mir ist egal, was bei der Verhandlung herauskommt“, betont er. „Es muss nur das Richtige sein.“ Dann kündigt er Verhandlungstermine an – bis zum Jahresende könnte es dauern.

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