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Gicht-Kranker in Existenznöten

Ohne die Hilfe seiner Mutter hätte ein Torgelower nichts zu essen. Denn das Jobcenter zahlt ihm kein Hartz IV mehr. Warum, das weiß er nicht.

Wenn das Arbeitslosengeld längere Zeit fehlt, wird es sogar mit dem täglichen Brot knapp.
©zitze - Fotolia.com Wenn das Arbeitslosengeld längere Zeit fehlt, wird es sogar mit dem täglichen Brot knapp.

Hans Stoiter (Name von der Redaktion geändert) kommt gerade so über die Runden. „Meine 84-jährige Mutter bezahlt von ihrer Rente mein Essen“, sagt der 59-Jährige. Ein Kaffee im Bistro ist für ihn nicht drin. Wann er sich das letzte Mal eine neue Hose gekauft hat, weiß er nicht mehr. „Ich trage meine Klamotten eben auf“, erklärt Hans Stoiter. Seit 2004 ist der gelernte Mechaniker arbeitslos, seit 2005 bis vergangenen August erhielt er Hartz IV. Dann kam plötzlich kein Geld mehr. Sprich: Seit sieben Monaten hat er kein monatliches Einkommen.

Warum das Jobcenter Vorpommern-Greifswald Süd ihm kein Geld mehr überweist, weiß er nicht. Einen erklärenden Brief habe er nie bekommen. „Ich habe dort angerufen, aber das bringt doch nichts. Da können Sie gegen eine Wand reden“, sagt er.

Sorgen lassen ihn nicht schlafen

Persönlich hingehen konnte er nicht. Hans Stoiter leidet unter Gicht. Im Sommer hatte er einen besonders heftigen Anfall. „Ich konnte einfach nicht aufstehen. Es fühlte sich an, als hätte ich einen Ameisenhaufen in meinen Beinen.“

Hans Stoiter ist fast immer zu Hause. „Ich grübele. Manchmal kann ich tagelang nicht schlafen.“ Die Sorge darüber, wie es mit ihm und seiner Mutter weitergehen soll, lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. „Ich wünsche mir, dass ich wieder Hartz IV bekomme. Dann hätten wir zumindest ein bisschen mehr Luft“, sagt er und zuckt die Schultern.

Jobcenter: Leistungen „wegen mangelnder Verfügbarkeit“ eingestellt

Christian Gärtner, Geschäftsführer des Jobcenters Vorpommern-Greifswald Süd bestätigt, dass die Leistungen für Hans Stoiter eingestellt worden sind. „Wegen mangelnder Verfügbarkeit“, wie der Geschäftsführer es bürokratisch ausdrückt. Hinter diesem Begriff steckt die Aussage, dass Hartz-IV-Empfänger verpflichtet sind, sich selbst einzubringen und alles zu unternehmen, damit sie wieder ins Berufsleben zurückkehren können. Das bedeutet, dass der Empfänger auf Terminanfragen des Jobcenters zumindest in irgendeiner Art und Weise reagiert – und wenn er absagt. Geschieht dies nicht, so Gärtner, werden die Leistungen gestrichen. Aus ihrer Sicht ist Hans Stoiter seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen.

Probleme des Einzelnen werden durch Sanktionen nicht gelöst

Dieter Schultz, Leiter der Hartz-IV-Sprechstunde „Aus-Weg“ im Bürgerhaus Neubrandenburg, sagt zur Situation von Hans Stoiter: „Das Jobcenter hält sich an die Rechtsgrundlage und verhängt Sanktionen. Das ist völlig legitim.“ Trotzdem seien diese Sanktionen fürchterlich, denn die Probleme des Einzelnen werden dadurch nicht gelöst. „Nach zehn Jahren in der Hartz-IV-Schleife wird man depressiv und lethargisch, wenn man dann noch krank ist, bricht einem das schnell das Genick“, sagt Dieter Schultz. Er würde sich wünschen, dass das Jobcenter Hartz-IV-Empfänger fördert sowie persönliche Situationen berücksichtigt und nicht bestraft.

Laut dem Geschäftsführer des Jobcenters, Christian Gärtner, ist der Fall von Hans Stoiter nicht hoffnungslos. Er könne sich einen Termin beim Jobcenter holen und wieder vorsprechen. Dann müsste er irgendwann auch wieder Geld bekommen.