Ausbeutung der schlimmsten Art:

Griechischer Arbeiter konnte dem Tod noch entrinnen

Ausbeutung der schlimmsten Art auch in MV – jetzt hat die Gewerkschaft einen Forderungskatalog an die Landesregierung zu Werkverträgen übergeben. Und einen ungeheuerlichen Fall geschildert.

Die griechischen Arbeiter schufteten sieben Tage pro Woche jeweils 10 bis 14 Stunden.
Sedat Suna Die griechischen Arbeiter schufteten sieben Tage pro Woche jeweils 10 bis 14 Stunden.

In dem Werkvertragsskandal um rund 100 meist griechische Arbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen bei Wismar und Lubmin arbeiten und leben mussten, kommen immer mehr empörende Details ans Tageslicht: „Ein Arbeiter wäre beinahe gestorben. Der Mann hatte seit längerem Herz-Lungen-Probleme. Als wir die Arbeiter gefunden haben, hatte er schon Lähmungserscheinungen und musste direkt vor Ort von einem Notarzt behandelt werden“, sagte am Montag der Vize-Vorsitzende des DGB Nord, Ingo Schlüter, gegenüber dem Nordkurier. Die Arbeiter waren von ihrem Sub-Unternehmer ohne Lohn im Stich gelassen worden.

Arbeiter hausten menschenunwürdig

Am Morgen hatte der Gewerkschafts-Dachverband Arbeits- und Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) einen Forderungskatalog übergeben. Darin drängt der DGB auf eine Haftung von Generalunternehmen, auf den Aufbau von mobilen Beratungsstellen für prekär Beschäftigte, auf eine Landesverordnung, die Standards für den Wohnraum von Wanderarbeitern festlegt und auf mehr Kontrollen.

Die Männer waren nach dem Ende ihrer Aufträge von dem Subunternehmen Paan Industrieservice (Oldenburg) ohne Geld sitzen gelassen worden. Sie sollen sieben Tage pro Woche jeweils 10 bis 14 Stunden gearbeitet haben. Die Firma Paan hatte die Männer im Auftrag der Firma Krebs Korrosionsschutz  an deren Standorten in Lubmin und Rostock beschäftigt. Sie hausten nach Darstellung des DGB unter menschenunwürdigen Bedingungen in Wohnunterkünften in Lubmin und Groß Stieten (Nordwestmecklenburg).

Sozialministerin reagiert zurückhaltend

Gewerkschafter versorgten die Arbeiter mit Lebensmitteln und organisierten auch juristische Hilfe. „Regenwasser war im Zimmer und auch schon in den Betten, es gab nur eine Schlauch-Dusche für 25 Menschen im Keller, gewaschen haben sie sich mit Persil, was zu großflächigen Hautekzemen führte. Ernährt haben sie sich von Toastbrot und Tütensuppe“, so Gewerkschafter Schlüter.

Ministerin Hesse reagierte am Montag eher zurückhaltend auf die Forderungen der Gewerkschaft und sieht offenbar zuerst den Bund in der Pflicht: „Ich halte ein abgestimmtes Verhalten zwischen Bund und Ländern für wichtig, damit möglicher Missbrauch überall in Deutschland an die gleichen Grenzen stößt. Ich gehe davon aus, dass der Bund im anstehenden Gesetzgebungsverfahren eine stärkere Beteiligung der Betriebsräte verankern wird“, sagte sie auf Nachfrage. In MV müsse man sich indes darüber Gedanken machen, wie die Zusammenarbeit der Kontrollbehörden und der Informationsfluss verbessert werden könne.

Minijobs, Leiharbeit und Co. haben zugenommen

Auch bei anderen Arbeitsverträgen glänzt MV nicht gerade: Gegen den Bundestrend haben Leiharbeit, Minijobs und Teilzeit weiter zugenommen. Wie aus einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervorgeht, betrug die Zahl dieser sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse 2013 rund 253  000.

Das waren etwa 100  000 mehr als vor zehn Jahren und erneut 6000 mehr als 2012. Der Anteil der meist gering bezahlten Jobs erreichte mit 39,9 Prozent den bislang höchsten Wert im Nordosten. Passendes Schlusswort von DGB-Nord-Vize Schlüter: „Wenn man diesen Missbrauch auf Kosten der Allerschwächsten wie den griechischen Arbeitern zulässt, versaut das auch die Schamgrenze für deutsche Arbeitnehmer.“

EM-Kurier digital: 6 Wochen lang zum Sonderpreis lesen!