Exportgeschäft eingebrochen:

Handelssanktionen verhageln MV-Firmen Russlandgeschäft

Als Reaktion auf die Wirtschaftssanktionen des Westens im Ukraine- Konflikt hatte Russland im Vorjahr Einfuhrverbote für Lebensmittel verhängt. Die Folgen sind in Mecklenburg-Vorpommern massiv zu spüren.

Jens Büttner Naturgereifter "Alter Schwede" im Reifekeller der Ostsee-Molkerei in Wismar: Nach jüngsten Erhebungen brachen die Warenausfuhren in die Föderation im ersten Quartal 2015 um fast die Hälfte ein.

Die schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen. Die beiderseitigen Handelsbeschränkungen infolge des Ukraine-Konflikts haben den Firmen in Mecklenburg-Vorpommern das Exportgeschäft mit Russland verhagelt. Nach jüngsten Erhebungen des Statistischen Amtes in Schwerin brachen die Warenausfuhren im ersten Quartal 2015 um fast die Hälfte ein.

Während in den ersten drei Monaten 2014 noch Produkte im Wert von 60,4 Millionen Euro nach Russland geliefert wurden, waren es im gleichen Zeitraum dieses Jahres nur noch 32,7 Millionen Euro. Betroffene Firmen halten sich mit ihren Bewertungen zurück. Doch ergab eine Umfrage, dass sich in der Landesregierung zunehmend Unruhe breit macht. Schließlich war Russland im Vorjahr mit einem Volumen der Ein- und Ausfuhren von gut einer Milliarde Euro zweitwichtigster Handelspartner Mecklenburg-Vorpommerns.

Lebensmittelproduzenten suchen neue Abnehmer

Vor allem Agrarminister Till Backhaus (SPD) sieht die Entwicklung mit Sorge. Die Ernährungsgüterbrachen, eine der tragenden Säulen der Exportwirtschaft im industriearmen Nordosten, lieferte von Januar bis März noch Güter im Wert 11,8 Millionen Euro nach Russland. Im ersten Quartal 2014 betrug der Umfang noch 21,1 Millionen Euro. "Wir waren die einzigen in Deutschland, die noch Käse nach Russland geliefert haben. Jetzt sind auch unsere Molkereien raus", konstatiert der Minister. Von 7,8 Millionen Euro auf 0 reduzierte sich deren Russlandgeschäft im Vergleich der ersten Quartale. 2013 war Käse im Wert von 34 Millionen Euro geliefert worden. Das machte 13 Prozent des gesamten Warenexports aus MV nach Russland aus.

Und noch eine Folge der 2014 von Russland als Reaktion auf die Wirtschaftssanktionen des Westens verhängten Importverbote vor allem für Fleisch und Milchprodukte beklagt Backhaus: "Viele Firmen in der Lebensmittelbranche müssen nach neuen Märkten suchen. Damit ist auch das Warenangebot im Inland größer, zum Beispiel bei Fleisch und Obst. Die Folge sind Dumpingpreise im Handel und geringere Erlöse für Landwirte und Verarbeiter", erklärt Backhaus. So musste die Pommersche Fleisch- und Wurstwaren GmbH Pasewalk Insolvenz anmelden, der Anklamer Schlachthof soll im September dicht machen.

Aufträge aus Russland für die Werften bleiben aus

Die Agrarmarketing-Gesellschaft des Landes hat gerade eine Befragung unter Firmen der Ernährungsgüterwirtschaft gestartet. Aus den ersten Rückmeldungen ließen sich keine dramatischen Negativfolgen aus dem Wegbrechen des Russlandgeschäfts herauslesen, sagte Geschäftsführerin Jarste Weuffen. "95 Prozent gaben an, dass sie keine Veränderungen spüren. Das hängt wohl damit zusammen, dass nicht so viele Firmen Geschäfte mit Russland machten, und wenn Ja, Alternativmärkte gefunden wurden."

Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) sieht mit dem Russlandgeschäft aber auch die Zukunft der meistenteils in russischer Hand befindlichen Werften im Land schwinden. "Alles, was an großen Aufträgen aus Russland angekündigt war, ist bislang nicht gekommen", stellt Glawe fest. So fehlten für die Nordic-Werften in Wismar und Rostock wichtige Anschluss-Aufträge und der Neustart in Stralsund werde auch nicht leichter. Werften-Eigner Witali Jussufow hatte als Reaktion auf die anhaltenden Sanktionen im Russlandgeschäft im März angekündigt, sich verstärkt um öffentliche Schiffbauaufträge im zivilen und Marinebereich zu bewerben. Bislang ohne Erfolgsmeldung.

Kontaktpflege bleibt weiter wichtig

Wie Glawe hofft auch Backhaus auf eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts und in der Folge auch auf eine baldige Aufhebung aller Sanktionen. Beide Ressortchefs begleiten Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) bei einer für Mitte Juni geplanten Russlandreise. Mit einer Unternehmerdelegation wollen die Politiker erneut nach Sankt Petersburg reisen, um dort für den Logistik- und Wirtschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern zu werben. "Wichtig ist, mit Handelspartnern und regionalen Entscheidungsträgern im Kontakt zu bleiben", betont Glawe. Denn auch der Export von Maschinen schrumpft.

Für intensive Kontaktpflege hatte die von Sellering geführte Landesregierung - ungeachtet bundesweiter Kritik - im vorigen Herbst mit ihrem Russlandtag in Rostock gesorgt. Die Gespräche dort waren offenbar für Mecklenburg-Vorpommern nicht von Nachteil. Während der Export stockt, kommen die Einfuhren aus Russland immer mehr in Fahrt. 2014 erreichte das Importvolumen, vor allem dank massiv gestiegener Öllieferungen, mit über 800 Millionen Euro einen Rekordwert. Und der Trend setzt sich nach Angaben des Statistikamtes fort. Im ersten Quartal legte der Import aus Russland um 56 Prozent zu und damit deutlich stärker als der Import insgesamt mit einem Plus von 26 Prozent.