Jugendschutz:

Ämter greifen öfter ein

Immer mehr Kinder in Mecklenburg-Vorpommern müssen aus ihren Familien genommen werden. Seit Jahren steigt die Zahl. Manche Jugendliche suchen selbst beim Amt Hilfe, manchmal sind es Nachbarn. Experten sehen dabei auch positive Aspekte.

Seit 2007 steigt deutschlandweit die Zahl gefährdeter Jugendlicher, die aus ihren Familien genommen werden müssen.
Patrick Pleul Seit 2007 steigt deutschlandweit die Zahl gefährdeter Jugendlicher, die aus ihren Familien genommen werden müssen.

Dauer-Zoff zwischen Eltern, eine zugemüllte Wohnung oder eine unerträgliche Situation zu Hause: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Jugendämter in Mecklenburg-Vorpommern aus ihren Familien herausnehmen, bleibt hoch. 2010 wurden knapp 1000, bei der letzten Erhebung 957 Fälle im Land registriert. In den vorherigen Jahren waren es allerdings noch weniger.

Die erhöhte Zahl der Hilferufe bestätigt Karina Kaiser, Amtsleiterin des Jugendamtes Vorpommern-Greifswald, für den Landkreis. Konkrete Zahlen könne sie zwar kurzfristig nicht nennen, aber im Amt werden seit Längerem mehr Meldungen registriert. „Diese erreichen uns von Kindern und Jugendlichen über die Kinderschutzhotline direkt, auch durch die Polizei, Krankenhäuser, Schulen“, schildert Kaiser. Danach prüfen Kollegen von den Jugendämtern im Landkreis im Einzelfall, welche weiteren Maßnahmen erforderlich sind, damit das Wohl der Kinder nicht gefährdet wird.

Es gibt mehrere Gründe, warum die Zahl dieser Maßnahmen gestiegen ist. Die öffentlich gewordenen Kindesmisshandlungen in den vergangenen Jahren haben dafür gesorgt, dass die Gesellschaft für diese Thematik sensibler geworden ist und mehr auf Kinder achtgibt, heißt es. Auch wird die Kinderschutzhotline, die es seit fünf Jahren im Land gibt, intensiver genutzt, sagt Amtsleiterin Kaiser.

„In den meisten Fällen melden sich die betroffenen Jugendlichen selbst bei uns im Jugendamt“, ergänzt Frank Schwebke, Sachgebietsleiter vom Jugendamt der Mecklenburgischen Seenplatte. In dem Landkreis bleibt die Zahl der Eingriffe konstant. 2011 und 2012 wurden jeweils 115 solcher Maßnahmen registriert. Für die rechtzeitigen Reaktionen aus dem sozialen Umfeld sei das Jugendamt dankbar, betont Schwebke. So könne allen Beteiligten frühzeitig geholfen werden.

Das Herausholen ist meist nur auf wenige Tage angelegt. Etwa die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen können rasch wieder in ihre Familien zurückkehren. „Wir sehen das als gutes Signal“, sagt Christian Moeller, Sprecher vom Sozialministerium MV. „Den Kindern geht es nicht schlechter als früher, sondern es wird mehr auf sie geachtet.“ Der Anstieg der Meldungen wirke sich allerdings auch auf das Arbeitspensum der Jugendamt-Mitarbeiter aus.

Auf Bundesebene wurden noch nie so viele gefährdete Jugendliche aus den Familien genommen, wie im vergangenen Jahr. Seit 2007 steigen die Zahlen deutschlandweit.